Volksstimme: Warum ist Ihnen das Thema landärztliche Medizin wichtig?
Prof. Dr. med. Herrmann: Wir zählen zunehmend mangelnde Hausärzte im ländlichen Bereich und die medizinische Ausbildung findet fast ausschließlich an der Universitätsklinik statt. Hierzulande bekommen Studierende kaum noch mit, wie die Versorgungssituation auf dem Land in der Realität aussieht. 99 Prozent aller Patienten werden außerhalb der Uniklinik behandelt, also sollten sich Medizinstudierende auch mit anderen Bereichen der Gesundheitsversorgung auseinandersetzen. Auf Forschungsreisen in Brasilien und Neuseeland habe ich erfahren dürfen, wie in anderen Ländern die medizinische Ausbildung mittlerweile strukturiert ist und die Notwendigkeit eingeschätzt wird, Ärzte und Ärztinnen auch für den ländlichen Bereich zu qualifizieren. Bereits in den ersten Studienjahren werden angehende Ärzte aufs Land geschickt - in kleine Krankenhäuser oder Gesundheitszentren. Aufgrund des Bedarfs und der Erfahrungen anderer Länder ist so auch die Idee für die Magdeburger Medizinische Fakultät entstanden.

Wie lief das Wahlfach organisatorisch ab?
Dr. des. Eva Jansen: An zwei Wochenenden hat das Wahlfach im Ökodorf Sieben Linden stattgefunden. Von insgesamt 40 Interessierten konnten letztendlich 15 Studierende durch ein Auswahlverfahren mit Motivationsschreiben teilnehmen. In einem vorherigen Seminar wurde abgefragt, welche Themen für die Studierenden interessant wären - dementsprechend haben wir auch das Programm gestaltet. Ziel war es, den Studierenden ein besseres Bild davon zu verschaffen, was Arbeiten in ländlichen Regionen bedeutet und welche Möglichkeiten der ambulanten Tätigkeit es gibt. Wir haben großen Wert auf Praxisbezug gelegt und hoffen sehr, das Seminar im nächsten Jahr wieder durchführen zu können - wenn eine Finanzierung möglich ist.

Warum haben Sie das Wahlfach belegt? Können Sie sich eine Zukunft auf dem Land vorstellen?
Medizinstudentin Anne Bretschneider: Während des Studiums haben wir sehr wenig Kontakt zum landärztlichen Bereich. Ich wollte aber mehr darüber wissen und mir ein vielseitigeres Bild verschaffen. Wir haben mit elf Menschen vom Fach und der Region sprechen können. Alle hatten eine andere Perspektive und konnten somit einen guten Einblick in die Arbeit auf dem Land geben. Das Wahlfach hat mich motiviert in die landärztliche Richtung zu gehen und hat mir die Angst genommen. Für meine Zukunft kann ich mir auf jeden Fall eine Zusammenarbeit in einer Gemeinschaftspraxis oder Ähnliches vorstellen.

Sie schreiben Ihre Doktorarbeit über den landärztlichen Bereich. Wie sieht der aktuelle Trend aus?
Medizinstudent Oliver Normen: Derzeit stecke ich noch mitten in der Auswertung. Während des Seminars habe ich Interviews mit den Teilnehmern geführt, weil das angebotene Wahlfach ein neues und einzigartiges Projekt in Deutschland ist. Ich will zeigen, welche Faktoren für die Arbeit auf dem Land eine Rollen spielen: Insgesamt waren 13 Frauen und zwei Männer unter den Teilnehmern. Für die Medizinstudenten sind Aspekte wie Verdienst, Arbeitszeit, Vereinbarkeit Familie bis zur Gestaltung des privaten Lebens im landärztlichen Tätigkeitsfeld sehr wichtig und ausschlaggebend.

Weiterbildungsmöglichkeiten auf dem Land sind ebenfalls ein zentraler Punkt. Das Seminar wurde gut angenommen und die Teilnehmer schließen das Leben und die Arbeit auf dem Land nicht aus.

Weitere Informationen unter www.med.uni-magdeburg.de und zum Ökodorf Sieben Linden unter www.siebenlinden.de