Magdeburg/Dessau-Roßlau l Das Haus neben dem Turm der alten Räucherei in Dessau ist ein typischer Abrisskandidat. Seit Jahren steht es leer. Die Bausubstanz erscheint stark sanierungsbedürftig. Die Fenster sind mit Holzbrettern zugenagelt. Der Eigentümer glaubt fest an einen Verkauf. Doch Dessau-Roßlau ist eine schrumpfende Stadt. Leerstehende Gebäude wieder zum Leben zu erwecken, ist praktisch unmöglich. Seit 1989 hat die Stadt an der Mulde über ein Drittel ihrer einstmals 100.000 Einwohner verloren. Weil weniger Menschen in der Stadt wohnen, werden immer weniger Wohnungen benötigt. Die leerstehenden Gebäude werden abgerissen. Die einst bewohnten Flächen liegen brach.

Die Stadt sieht aus wie ein Schweizer Käse, sagt Stadtplanerin Heike Brückner. Um zu zeigen, wie sich Dessau-Roßlau gewandelt hat, steigt sie auf den 60 Meter hohen Turm der alten Räucherei. Oben wandert der Blick vom prunkvollen Theater über leerstehende Baracken hin zu grauen Plattenbauten. Von hier aus wirkt die Stadt tatsächlich merkwürdig zerklüftet.

Aber Heike Brückner sieht keine Lücken. Sie sieht Freiräume. Platz für ein urbanes Gartenreich. "Wir erhoffen uns, dass wieder Leute hierherkommen, die in der Stadt und im Grünen leben wollen", sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bauhaus-Stiftung. Auf den brachliegenden Flächen schaffen sich die Bürger ihren eigenen urbanen Garten. Sie sollen ihre Heimat wieder liebenswert und lebenswert machen. In dem Dessauer Quartier Am Leipziger Tor sind die Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts besonders deutlich zu erkennen. Noch 2003 reihte sich dort Platte an Platte. Mit Fördergeld des Stadtumbaus Ost wurde abgerissen. Heute sind ganze Straßenzüge der Siedlung unbewohnt (siehe Grafik). Was aber anfangen mit den brachliegenden Flächen? Die Stadt fürchtet hohe Pflegekosten, den Wohnungsunternehmen bringen diese Flächen keine Gewinne. Und für die Kulturangebote der Stadt sind sie Unorte - zu abwegig, um dort etwas Sinnvolles für Sport, Freizeit oder Jugendarbeit zu machen.

Kartoffeln, Blumen und Heilkräuter

Heike Brückner begriff diesen Zustand als Chance. "Der Stadtumbau sollte ein Anlass sein, um alternative Strategien einer kulturellen und ökonomischen Aneignung von Stadt durch die Bewohner zu ermöglichen", erklärt die Stadtplanerin. In Dessau kann jeder, der möchte, eine Fläche von 400 Quadratmetern als Pate übernehmen. Kostenlos. Für zehn Jahre. Die Paten dürfen ihre Kleingärten weitgehend frei gestalten. Eine Garteninitiative baut Kartoffeln an, eine Rentnergruppe hat ihre Vorstellung des "Romantischen Gartens" verwirklicht, eine Apothekerin pflegt ihre Heilkräuterbeete. Das Projekt vereint Menschen und Natur. Urbaner Raum wird neu belebt. "Wir wollen Stadtkerne stabilisieren", sagt Brückner. Im Quartier Am Leipziger Tor beginnen die Bewohner, ihre Häuser zu sanieren. Sie schätzen das plötzliche Grün vor ihrer Haustür und nutzen es. Der städtische Gärtner ist heute nicht mehr als Großstadt-Öko verschrien. Für Stadtplaner und Wissenschaftler ist die Bewegung eine Chance, den sozialen und ökologischen Problemen zu begegnen. Aus vernachlässigten Grundstücken werden wieder Orte, an denen sich Menschen treffen. Und für viele hat die urbane Farm auch einen ökologischen Anreiz.

Sebastian Essig ist einer dieser Hobby-Farmer. Vor vier Jahren gründete er den Interkulturellen Garten in Magdeburg. Im Stadtteil Neue Neustadt hat der 26-Jährige mit 30 weiteren Stadtgärtnern seine urbane Farm geschaffen. Es ist eine grüne Insel inmitten des Wohngebiets. Am Anfang stand der interkulturelle Austausch. "Jeder Mensch hat Erfahrungen im Anbau von Obst und Gemüse. Darüber sollte mit den hier fremden Menschen Kontakt entstehen", erklärt der Student. Mittlerweile steht für ihn der ökologische Aspekt im Vordergrund. "Ich mag es, etwas zu pflanzen, es wachsen zu sehen und es hinterher zu ernten", sagt Essig.

Langfristig können Quartiere mit Gärten sogar autarke Wirtschaftseinheiten werden, so Visionen von Wissenschaftlern. Schritt für Schritt wird auf dezentrale Versorgung umgestellt. Das angebaute Gemüse landet auf dem eigenen Teller.

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