Genthin l Leiharbeiter gehen im Genthiner Waschmittelwerk schon lange nicht mehr ein und aus. Doch das Stammpersonal von rund 170 Mitarbeitern nimmt ganz normal seine Schichten wahr. "Nur produzieren wir viel weniger", bestätigte gestern ein Mitarbeiter gegenüber der Volksstimme. Das Waschmittelwerk habe in den vergangenen Monaten immer mehr Aufträge verloren. "Die Angst um den Job ist schon lange da." Mit dem Insolvenzantrag vom Mittwoch hat das Bangen um Genthins traditionellen Waschmittelstandort neuen Auftrieb erhalten.

Silvia Kostova spricht für die Hansa Group: "Ziel des Insolvenzverfahrens ist es, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten." Kündigungen könnten jedoch nach aktuellem Stand nicht ausgeschlossen werden. Der Genthiner Standort gehört seit 2009 zum Konzern. Das Besondere: Das Unternehmen hat ein Insolvenzplanverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Unternehmen und Gläubiger wollen sich einigen - ohne Insolvenz- verwalter. Die Finanzhoheit bliebe damit bei der Geschäftsführung. Ob das Unternehmen Zukunft hat, müsse nun das Insolvenzgericht prüfen. Genthins Bürgermeister Thomas Barz (parteilos) macht Mut: "Der Antrag wurde wegen Zahlungsunfähigkeit gestellt, eine Überschuldung wäre noch dramatischer."

Henkel Genthin galt als Wiege des Weltkonzerns

Erst im November vergangenen Jahres hatte die Hansa Group AG den Firmensitz ihrer Tochtergesellschaft Waschmittelwerk nach Duisburg verlegt. Die Hansa Group begründete diesen Schritt damit, die an mehreren Standorten angesiedelte Verwaltung zusammenfassen zu wollen. Dabei kamen optimistische Töne aus der Firmenleitung, die an der Aufrechterhaltung der Produktion im Waschmittelwerk keinen Zweifel ließ. Der Standort biete ideale Voraussetzungen für die Herstellung, Mischung und Abfüllung von chemischen Produkten sowie der Lagerung, hieß es. Er profitiere zu seiner direkten Nachbarschaft zu den Produktions- und Abfülllinien für Wasch- und Reinigungsmitteln, hieß es.

Die Hansa Group kam als hoffnungsvoller Investor vor fünf Jahren nach Genthin, nachdem Henkel beschlossen hatte, die Waschmittelproduktion in Genthin einzustellen. Begründung: Mit den Fertigungs- und Transportkosten sei der Standort nicht mehr wettbewerbsfähig. Dabei galt Henkel Genthin, das Werk wurde 1921 gebaut, als Wiege des Weltkonzerns.

Investition in Millionenhöhe kann Standort stärken

Die Hansa Group übernahm die bestehende Wirbelschichtanlage zur Herstellung von Granulaten für die Wasch- und Reinigungsmittelindustrie und betrieb die Flüssigwaschmittelproduktion im Auftrag von Markenartiklern und Handelsorganisatoren. Das Chemieunternehmen investierte 54 Millionen Euro in eine neue Tensidanlage mit einer Jahreskapazität von 100 000 Tonnen, die vor zwei Jahren im Genthiner Waschmittelwerk in Betrieb genommen wurde. Diese Investitionen sind es, die Bürgermeister Barz hoffen lassen. "Ich gehe davon aus, dass der Standort bleibt." Entscheidend sei, dass das Genthiner Werk schwarze Zahlen schreibt. Ob das der Fall ist, werden nun Gutachter im Auftrag des Insolvenzgerichtes prüfen.

Die Produktion soll während der "Sanierungsinsolvenz" weiterlaufen. "Für eine erfolgreiche Sanierung ist es wichtig, dass unsere Belegschaften an Bord bleiben", bleibt Unternehmenssprecherin Kostova optimistisch. Der Putzmittelhersteller hatte laut "Handelsbatt" in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2013 bei einem Umsatz von rund 250 Millionen Euro ein Minus von 18,1 Millionen Euro eingefahren.