Von der sozialistischen "Schlafstadt" zum Stadtteil von Halle

Am 1. Februar 1964 wurde westlich von Halle ein Plattenwerk eröffnet, das Betonfertigteile (Großplattenbauweise)herstellte. Der Grundstein für Halle-Neustadt wurde am 15. Juli 1964 gelegt.

1967 wurde Halle-Neustadt zur eigenständigen Stadt erklärt, nachdem sie zunächst als neuer Stadtteil von Halle erbaut worden war. Im Volksmund wurde sie häufig nur "HaNeu" genannt.

Das Zentralkomitee der SED hatte bereits in den 1950er Jahren mit der Planung begonnen. Während einer Konferenz zum Thema "Chemieprogramm der DDR" wurde die Ansiedlung von Arbeitskräften in der Nähe der Chemiestandorte der Buna-Werke in Schkopau und der Leunawerke in Leuna beschlossen.

Weil zentrale Infrastruktureinrichtungen erst Jahre später oder nie fertiggestellt wurden, eilte HaNeu der Ruf als "Schlafstadt" für die im Schichtrhythmus der Chemieanlagen lebenden Arbeiter und deren Familien voraus. Zu DDR-Zeiten gab es beispielsweise nie ein Hotel in der Stadt.

Als Wahrzeichen von HaNeu gelten auch heute noch die fünf im Zentrum stehenden "Hochhausscheiben". Als Vorbild dienten den Architekten ähnliche Bauten in Stockholm. Während viele der umliegenden Platten gut bewohnt sind, stehen die "Scheiben" seit 1992 leer.

Eine Besonderheit in Halle-Neustadt war der Verzicht auf Straßennamen. Stattdessen wurden alle Wohnblöcke und Eingänge nach einem für Außenstehende kaum zu durchschauenden System durchnummeriert. Erst seit der Wende gibt es Straßennamen in HaNeu.

Am 6. Mai 1990 wurde Halle-Neustadt nach einer Abstimmung wieder nach Halle eingemeindet. Trotz der massiven Einwohnerverluste ist Neustadt nach wie vor der einwohnerstärkste Stadtteil.

Es war eines der größten Projekte der deutschen Nachkriegsgeschichte. Halle-Neustadt sollte die sozialistische Musterstadt der DDR werden. Doch seit der Wende hat sich viel verändert: Tausende Wohnungen wurden abgerissen, die Einwohnerzahl ist um die Hälfte gesunken. Ein Gebiet ohne Perspektive? Mitnichten.

Halle l Platte an Platte. Fahne an Fahne. Gäbe es einen Weltmeistertitel für die meisten Nationalflaggen auf engstem Raum, hätte dieser Ort wohl gute Chancen. Hunderte Fassaden und Balkone erstrahlen derzeit in Schwarz-Rot-Gold, Deutschlandfahnen, so weit das Auge reicht. Willkommen in HaNeu.

Deutschland ist im Weltmeisterschaftsfieber. Noch. Doch es wird der Tag kommen, an dem die Menschen ihre Fahnen wieder abnehmen. Die Einwohner in Halle-Neustadt werden bald ihr gewohntes Bild vorfinden: viel grau, statt schwarz-rot-gold. Zu stören scheint das hier kaum jemanden.

Von Anfang an war die "Chemiearbeiterstadt" so vom Politbüro der SED konzipiert worden. Mehr als 90000 Menschen haben zeitweise in der sozialistischen Musterstadt gelebt. Heute sind es weniger als die Hälfte, jede siebte Wohnung wurde nach der Wende abgerissen. Bis August fallen weitere fünf Elfgeschosser. Wie viele Jahre überlebt die Plattenbausiedlung noch?

Wie lange überlebt die Plattenbausiedlung noch?

Außerhalb von Halle mag diese Frage logisch erscheinen. In der Stadt stellen sie sich die wenigsten. Den meisten Neustädtern ist um die Zukunft des heutigen Stadtteils von Halle nicht bange. Sie sind stolz auf ihr HaNeu.

Das Geheimnis dieser Identität liegt in der Geschichte der Neustadt. In den 60er und 70er Jahren herrschte in der DDR extreme Wohnungsknappheit. Es glich einem Fünfer im Lotto, wenn man zu dieser Zeit eine Wohnung in HaNeu bekam. Aus dem ganzen Staatsgebiet zogen Familien nach Halle, aus dem sächsischen Freiberg unter anderem die spätere Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD). Das Ziel: Endlich eine eigene Wohnung mit funktionierender Heizung und neuem Bad.

Das mag aus heutiger Perspektive unvorstellbar erscheinen. Damals war es ein Komfortsprung. Ein Privileg. Diese Sicht der Erstmieter, die heute noch einen großen Teil der Einwohner ausmachen, dominiert das Lebensgefühl in HaNeu.

Einer von ihnen ist Frank-Torsten Böger. Geboren im Jahr der Grundsteinlegung, 1972 mit seiner Familie von Bernburg nach HaNeu gezogen. Hier ist er groß geworden, hier arbeitet er. Und kann sich nicht vorstellen, jemals wegzugehen. "Die Neustadt ist meine Heimat", stellt der 49-Jährige klar.

Böger lebt und pflegt diese Identität wie kaum ein Zweiter. Für einen Verein kümmert er sich akribisch um eine Neustadt-Dauerausstellung. Hintergründe zum Bau und zur Geschichte - Böger hat immer ein interessantes Detail parat: Die "Scheiben" wurden mit schwedischer Technologie erbaut, außerdem steht in HaNeu der größte Wohnblock Ostdeutschlands.

Musterbeispiel für die Stadt der Nachkriegsmoderne

Bögers Augen leuchten, wenn er über Neustadt spricht. "Ein elfgeschossiger Wohnblock, 385 Meter lang, 2500 Menschen in 900 Wohnungen, mehr als seinerzeit in Wörlitz. Das ist doch beeindruckend, oder?", sprudeln die Fakten aus ihm heraus.

Diese Fakten sind es auch, die Halle-Neustadt für Experten interessant machen. Für Stadtplaner Jo Schulz vom Kompetenzzentrum Stadtumbau ist HaNeu sogar ein Musterbeispiel für die Stadt der Nachkriegsmoderne: "Sie steht im weltweiten Vergleich neben der ebenfalls völlig neu gebauten Stadt Brasilia. Das ist keine Übertreibung, sondern ein nüchterner Fakt. Halle-Neustadt spielt in einer ganz anderen Liga als andere Neubausiedlungen." Schulz glaubt, dass der heutige Stadtteil von Halle Zukunft hat: "Aber dafür muss vor allem das Image verbessert werden."

Die Stadtverwaltung sieht sich dabei auf dem richtigen Weg. Seit den 2000er Jahren wurde die Leerstandrate auf aktuell 14 Prozent fast halbiert. Die Quote liegt damit nahe am Stadtdurchnittswert (zehn Prozent).

Neue Angebote der Wohnungsgenossenschaften beleben den Stadtteil. In den vergangenen Jahren wurde vermehrt in barrierefreie Wohnungen, Studentenappartments mit Miniküche und die Zusammenlegung von Wohnungen für größeren Wohnraum für Familien investiert. Es sei ein funktionierender Stadtteil mit überregionaler Ausstrahlung entwickelt worden, heißt es selbstbewusst aus dem Rathaus.

In den Mieten spiegelt sich das bisher jedoch kaum wieder. In Neustadt ist es nach wie vor deutlich günstiger als in anderen Stadtteilen. Dass mehr einkommensschwächere Einwohner und mehr Migranten Halle-Neustadt zu einem sozialen Brennpunkt machen, weist Stadtplaner Schulz aber zurück: "Natürlich gibt es auch Probleme, das steht außer Frage. Bei rund 45000 Bewohnern - das entspricht einer größeren Kleinstadt - ist das aber nun auch nicht ungewöhnlich."

Denkmalschutz für Halle-Neustadt?

Halle-Neustadt hat sich in den 25 Jahren nach der Wende weiterentwickelt. Sah es anfangs nach Leerzug aus, wurde der Stadtteil im vergangenen Jahrzehnt vorangebracht. Probleme wie die drohende Überalterung werden angegangen. Wo steht HaNeu zum 100. Geburtstag? Stadtplaner Schulz wagt eine Prognose: "Der Stadtteil wird kleiner sein als heute, dafür aber trotz seiner komplexen Struktur vielfältiger und lebendiger. Auf jeden Fall wird Halle-Neustadt sein Negativ-Image abgeschüttelt haben."

Die Hoffnungen vieler Einwohner gehen sogar noch weiter. Es gibt Ideen, das Zentrum der Neustadt unter Denkmalschutz zu stellen. Frank-Torsten Böger ist darüber begeistert. Er weiß aber: "Da kommt leider sofort der Ideologiehammer aus allen Richtungen: `Ihr wollt die DDR verherrlichen.` Dass Halle-Neustadt architektonisch und geschichtlich aber wirklich etwas Besonderes ist, begreifen diese Menschen nicht." Meinung

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