Grassau/Rossau l Den Tag werden die beiden Beteiligten ihr Leben lang nicht vergessen. Es war der 28. Februar dieses Jahres. Ein Freitag. In der ersten Tischtennis-Kreisklasse reist der SV Grassau zum Rossauer SV. Eines von über 130 Punktspielen im kreislichen Tischtennis-Kalender bei den Erwachsenen. Im Dorfgemeinschaftshaus von Rossau sind die Doppel gespielt. Gegen 20 Uhr läuft die erste Einzelrunde. Der Grassauer Maik Ladewig (45) und der Rossauer Jörg Lindstedt (60) spielen nebeneinander an den Platten. Lind-stedt beendet die Partie recht schnell. Als er an Ladewig vorbeigeht, scherzen beide noch miteinander.

"Ich habe meine Kelle weggeworfen und bin hingerannt"
- Maik Ladewig, Grassau

Wenige Sekunden später scharen sich um Jörg Lind-stedt etliche Sportler. "Ich habe meine Kelle weggeworfen und bin hingerannt", erinnert sich Maik Ladewig. Lindstedt war nicht mehr ansprechbar, die Atmung war aber noch da. "Um uns herum war alles wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen", schildert Ladewig seine Eindrücke. Alle wollten helfen, doch keiner wusste genau wie. Einige musste Ladewig sogar wegschicken. Auf einmal war bei dem Zusammengebrochenen auch die Atmung weg.

Maik Ladewig bringt in den "aufgescheuchten Hühnerhaufen" zunächst Ordnung. "Einer ruft den Notarzt", legt er fest. "112" geht Ladewig auf Nummer sicher. Ein Zweiter holt den Sani-Kasten, ein Dritter stellt sich vor das Dorfgemeinschaftshaus und erwartet den Notarzt. Ladewig selbst kümmert sich um Lindstedt. Mund-zu-Mund-Beatmung, Herz-Druck-Massage - der Grassauer hat alle Hände voll zu tun. Vor allem Letzteres erweist sich als kräfteraubend. "Das schaff ich nicht allein", schaut sich Ladewig hilfesuchend nach Unterstützung bei der Herz-Druck-Massage um. Nach seinen Vorgaben wird die Massage fortgesetzt.

Zwischenzeitlich hatte Rossaus Vereinsvorsitzender Lutz Bornemann aus dem Dorf Eleonore Zerkowski geholt. Sie war in Rossau lange Jahre Gemeindeschwester und übernahm sofort die Mund-zu-Mund-Beatmung. "Die Atmung konnte wieder in Gang gebracht werden", erinnert sich Maik Ladewig. "Alle haben mitgeholfen." Nach 20 Minuten kommen zwei Sanitäter, kurze Zeit später der Notarzt. Die Beteiligten erhalten die Information, dass sich der Zustand von Jörg Lindstedt stabilisiert habe.

Nach einer kurzen Pause taucht der Notarzt noch einmal im Rossauer Dorfgemeinschaftshaus auf. Er zeigt den Daumen hoch und ruft den Anwesenden zu: "Das habt ihr ganz toll gemacht." Dem durchgeschwitzten Maik Ladewig wird allmählich bewusst, was er geleistet hat. "Da bekam ich eine Gänsehaut", schildert er seine Reaktion auf den Auftritt des Notarztes. "Ich musste erst einmal ein paar Doppelte trinken."

"Wenn das zu Hause passiert wäre, hätte das vielleicht niemand mitbekommen", erzählt Karin Lindstedt bei einem Treff knapp ein halbes Jahr nach dem Notfall. "Und wenn. Allein wäre ich machtlos gewesen." Ihrer Meinung nach hätte die Lebensrettung an diesem Abend außer Maik Ladewig keiner hinbekommen. "Es war ein reiner Glücksfall", sind sich Karin und Jörg Lindstedt einig.

Zurück zum 28. Februar. Bei Jörg Lindstedt wurde ein Herzflimmern festgestellt. Dem viertägigen Aufenthalt im Stendaler Krankenhaus folgt die Herz-Operation in Coswig. "Vier Beipässe habe ich bekommen", erzählt Lind-stedt. Er ist sich bewusst, dass er auch ein zweites Leben geschenkt bekommen hat. Am Unfalltag musste sich Ehefrau Karin vom Notarzt noch sagen lassen: "Wir wissen nicht, ob er es schafft."

Im Nachhinein können die Eheleute Lindstedt über den einen oder anderen Vorfall sogar schmunzeln. Jörg Lindstedt weiß vom 28. Februar nichts mehr. Erst mit Coswig verbindet er wieder Erinnerungen. Karin Lindstedt schildert die ersten Worte ihres Ehemannes im Krankenhaus: "Haben wir gewonnen?" und die Feststellung: "Ich war wohl `ne Weile unpässlich."

Alle Beteiligten haben erfahren, wie wichtig die Erste Hilfe ist. "Bei der Feuerwehr machen wir auch regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse", erzählt Jörg Lindstedt. "Aber das, was Maik Ladewig in der Situation gemacht hat, hätte ich mir nicht zugetraut. "Es kann jeden treffen", stellt Lindstedt fest. "Und es muss ja nicht einmal ein Herzinfarkt sein."

Maik Ladewig kam in der Notfall-Situation auch zugute, dass er erst 14 Tage zuvor einen Erste-Hilfe-Lehrgang absolviert hatte. Als Elektriker für Windenergie muss er Ersthelfer sein, wenn es arbeitsbedingt zu zweit auf die Windkrafträder geht. Und bei dem Lehrgang wurde er genau mit der Situation, wie er sie am 28. Februar in Rossau erlebte, konfrontiert. "Es ist alles genau so passiert", erklärt der Grassauer.

Bei nächster Gelegenheit bedankte sich Jörg Lindstedt bei Maik Ladewig und allen weiteren Beteiligten. "Ich kann nur ewig dankbar sein", stellt der Rossauer fest. Laut Arzt darf Lindstedt zum Ende dieses Jahres vielleicht wieder Tischtennis spielen.