Inklusion ist Pflicht - Doch wer zahlt?
Unter dem Stichwort Inklusion läuft derzeit ein beispielloser Umbau des deutschen Schulsystems. Ziel ist es, Kinder mit Behinderung genauso zu fördern wie Lernschwache, Einwanderer und Hochbegabte.

Das soll durch gemeinsamen Unterricht in einem Klassenzimmer geschehen. Zur Inklusion hat sich Deutschland vor fünf Jahren verpflichtet, als die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft trat. In Sachsen-Anhalt ist seit einem Jahr der Unterricht in der Regelschule der Normalfall. Eltern können für ein Kind mit Förderbedarf allerdings auch weiterhin eine Förderschule wählen. Die Inklusionsquote liegt Angaben des Kultusministeriums mit 27 Prozent im Bundesschnitt.

Neben Vorbehalten bei Lehrern und Ängsten bei Eltern gibt es auch Streit um die Kosten. Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) fordert eine Beteiligung des Bundes. Dazu müsste das Kooperationsverbot im Grundgesetz gekippt werden.

Die Bundesregierung hat zwar gerade beschlossen, das Kooperationsverbot einzuschränken - allerdings nur, um Hochschulen unter die Arme zu greifen, nicht aber Schulen. "Der Bund darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen und die Last allein den Ländern und Kommunen überlassen", kritisiert Kultusminister Dorgerloh.

Alsleben l Bieni redet nicht mit jedem. Wenn die 13-Jährige mit ihrer dreijährigen Schwester im Kinderzimmer steckt, dann kann sie auch ganze Sätze sprechen. Für Erwachsene hingegen hat sie manchmal nur einzelne Worte übrig. "Wir verstehen trotzdem, was sie will", sagt Jana Krätzig über ihre älteste Tochter, die mit dem Gendefekt Trisomie 21 geboren wurde.

Eigentlich trägt Bieni den Namen Selina. Als Kind trug sie stets ein pädagogisches Spielzeug mit sich herum, eine Biene, die wieder und wieder die richtige Aussprache von Wörtern wiederholte. Das Gerät ist längst aussortiert, der Spitzname ist geblieben. Bieni geht in die sechste Klasse einer Förderschule. Sie kann bis 10000 rechnen, sie kann schreiben und lesen. In den Fächern Physik und Biologie ist sie manchen Aufgaben gewachsen, anderen nicht. "Je nachdem, ob sie Lust hat", sagt ihre Mutter, die mit der Familie im kleinen Saalestädtchen Alsleben (Salzlandkreis) lebt. "Ich vergleiche Bieni nicht mit anderen Kindern, ich freue mich über das, was sie kann."

Wer auf eine normale Schule will, hat das Recht dazu


Was Bieni kann, hat sie in der Förderschule Alsleben gelernt. Damit ist es jetzt jedoch vorbei: In der kommenden Woche, zum Monatsende, wird die Schule aufgelöst. Ihr sind die Schüler ausgegangen. Immer weniger Eltern hatten ihre Kinder dort angemeldet, schon eine Weile konnte die Schule nur noch mit Ausnahmegenehmigungen bestehen. Die zuletzt 68 Alsleber Förderschüler werden ab September zwei anderen Förderschulen zugeordnet. Jana Krätzig bedauert, dass die kleine, vertraute Schulgemeinschaft aufgelöst wird. "Viele Kinder haben geweint, als sie das erfahren haben, Bieni auch. Sie hat Angst, ob sie weiter ihre Mitschüler hat und ihre Lehrer."

Was für Familie Krätzig ein Einschnitt ist, bedeutet für das ganze Land einen gewaltigen Umbruch. Wie kaum ein anderer Staat hat Deutschland seine Kinder auf viele verschiedene Schulen aufgeteilt. Wer in Sachsen-Anhalt in der Sekundarschule nicht mitkommt, landet in einer der vielen Förderschulen. Es gibt sie für Lernbehinderte, für geistig Behinderte, für Sprachentwicklung - insgesamt acht verschiedene Formen. Alle sollen den Kindern die bestmögliche Umgebung zum Lernen bieten. Und alle separieren die Kinder von den Gleichaltrigen. Wer eine Regelschule besucht, sieht ein Kind mit Down-Syndrom wie Bieni höchstens zufällig auf der Straße.

Doch dieses System steht vor dem Ende. Sachsen-Anhalt bekennt sich zur Inklusion. Das bedeutet: Wer sein Kind an eine ganz normale Schule schicken will, hat das Recht dazu. Seit 2002 ist die Zahl der Förderschüler in Sachsen-Anhalt um 40 Prozent gesunken. Das liegt an der schrumpfenden Zahl der Schüler insgesamt. Zugleich aber nutzen immer mehr Eltern die Chance des gemeinsamen Lernens. 11000 Kinder mit Förderbedarf haben im gerade abgelaufenen Schuljahr in öffentlichen Förderschulen gelernt - 4000 hingegen in normalen Schulen. Vor allem Schüler mit Lern- und Sprachschwierigkeiten verabschieden sich aus den Sonderschulen.

Das hat weitreichende Folgen. Bestehende Förderschulen werden überflüssig. Der Salzlandkreis etwa schließt zum ersten Mal seit seinem Bestehen Förderschulen, neben der in Alsleben ist es eine in Calbe (Saale). Landesweit gehen zwölf Schulen vom Netz.

Bieni wird auch künftig eine Förderschule besuchen, ein Taxi wird sie in die Kreisstadt Bernburg fahren. Und dennoch ist sie ein Beleg für den Wunsch vieler Eltern, ihr Kind gemeinsam mit Leistungsstärkeren lernen zu lassen. Früher landeten Trisomie-21-Kinder in der Schule für geistig Behinderte. Jana Krätzig wollte das nicht. "Da lernen die Kinder eher die alltäglichen Dinge des Lebens, das kann ich ihr auch selbst beibringen. Wir wollten, dass sie so viel wie möglich von gesunden Kindern mitnimmt." Also setzte die Familie durch, dass Bieni an eine Lernbehindertenschule kommt - ein kleiner Schritt Richtung Inklusion. Den Schritt in eine Regelschule würden die Eltern nicht wagen. "Da würde sie nur für sich allein sitzen. Kinder brauchen ja auch Erfolgserlebnisse."

Mit dem Abbau seines Sonderschulsystems nähert sich Deutschland dem an, was in vielen Ländern seit langem üblich ist. "Skandinavien oder die angloamerikanischen Länder zum Beispiel kannten diese Separierung noch nie", sagt Hans-Dieter Klein von der Lehrergewerkschaft GEW, die das Prinzip der Inklusion unterstützt. Von einem "gewaltigen Kulturwandel" spricht er - und weiß, dass es auch unter Pädagogen Sorgen und Skepsis gibt. Da sind die Lehrer, die nicht wissen, wie sie unterschiedlich leistungsstarken Schülern gerecht werden sollen. Da sind pädagogische Mitarbeiter, die bisher Freizeitangebote organisiert haben und nun versetzt werden, um ein behindertes Kind zu betreuen.

Noch vor zehn Jahren lernten in Sachsen-Anhalt lediglich zwei Prozent der Schüler mit Förderbedarf in Regelschulen. "Jetzt liegt der Anteil bei 27 Prozent, wir haben damit den Bundesdurchschnitt erreicht", sagt Martin Hanusch, Sprecher des Kultusministeriums. In 83 Prozent aller öffentlichen Grundschulen, in 94 Prozent der Schulen in Sekundarstufe I und 60 Prozent der Gymnasien gebe es bereits gemeinsamen Unterricht.

Völlig verschwinden werden Förderschulen indes nicht. Vor allem bei Kindern mit körperlichen Beeinträchtigungen schätzen die Eltern das Angebot von Spezialschulen. Jana Krätzig ist sicher, dass es auch immer Eltern geben wird, die ein Kind mit Lernschwierigkeiten in eine Förderschule schicken. "Da gibt es eine individuelle Förderung, die ganz wichtig ist für die Kinder. Da darf man auf gar keinen Fall dran sparen."

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