Zur Person

Der Magdeburger Strom-Experte Johannes Kempmann (60) spielt nun auch in der Bundesliga. Kempmann, seit 1998 technischer Geschäftsführer der Städtischen Werke Magdeburg, wurde Ende Juni zum Präsidenten des Bundesverbandes der Energieversorger gewählt. Der Verband vertritt die Interessen von 1800 Versorgern in Deutschland. Der Präsidenten-Posten ist ein Ehrenamt. Kempmann arbeitet weiterhin in der Chefetage der SWM.

Johannes Kempmann wurde in München geboren, studierte an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft und ist seit 1982 Mitglied der Grünen. Vor dem Wechsel zur SWM war er von 1995 bis 1997 Geschäftsführer der Energieagentur Sachsen-Anhalt.

Auch wenn das Ökostromgesetz (EEG) renoviert wird, auf sinkende Strompreise sollten Kunden lieber nicht setzen. Die Vorfahrtsregelung für Grünstrom und der Netzausbau kosten Milliarden und muss von allen bezahlt werden, sagt der neue Präsident des Bundesverbandes der Energieversorger, Johannes Kempmann. Mit ihm sprach Volksstimme-Reporter Jens Schmidt.

Volksstimme: Herr Kempmann, die Bundesregierung verspricht uns eine Strompreisbremse. Doch hoch subventionierter Ökostrom wird weiter fleißig eingespeist. Leere Versprechungen?
Johannes Kempmann:
Das neue EEG ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die EEG-Umlage wird im Januar möglicherweise nicht so stark steigen wie in den vergangenen Jahren. Aber wir müssen noch zusätzlich viel Geld in die Netze investieren. Die Verteilnetze sind das Rückgrat der Energiewende - allein deren Ausbau wird in den nächsten zehn Jahren etwa 25 Milliarden Euro kosten. Diese Kosten werden letztlich unsere Kunden bezahlen müssen. Also: Die EEG-Reform wird den Preisanstieg etwas dämpfen; aber Strom wird absolut gesehen nicht billiger.

Windmüller und Solardachbesitzer bekommen auch für neue Anlagen weiterhin fixe Zulagen, obwohl die Technologien ausgereift sind. Ist diese Subvention überhaupt noch gerechtfertigt?
Die Politik hat die Zeichen der Zeit erkannt, und auch die Ökostrom-Produzenten müssen den Strom mehr und mehr selbst vermarkten. Bislang ist es doch so, dass man eine Wind- oder Solaranlage hinstellt, sich dann um nichts weiter kümmern muss und 20 Jahre lang damit Geld verdient. Diese Zeiten werden ab 2015 für neue Anlagen vorbei sein.

Ab dann gilt die Pflicht zur direkten Vermarktung. Natürlich wünschten wir uns, dass dies alles noch schneller und konsequenter voranginge. Ein Beispiel: Demnächst gehen weitere 300 Megawatt Windstrom in der Altmark ans Netz - zusätzlich, obwohl unser Netz diese Strommengen momentan gar nicht mehr aufnehmen kann. Wir sind aber gesetzlich verpflichtet, den Strom zu vergüten. Also bekommt der Betreiber Geld für Strom, den er theoretisch hätte liefern können - obwohl die Mühlen sich nicht drehen.

Also Geld für nichts?
Ja, in diesem Fall schon. Bezahlen müssen das die Kunden.

Warum wurde das Netz nicht erweitert?
Das geschieht ja. Aber ein Planfeststellungsverfahren dauert schon mal zwei Jahre. Und wenn noch ein Feldhamster in die Quere kommt, dauert es noch länger. Eine Windkraftanlage ist aber nach einem Jahr fertig und der Betreiber hat dann Anspruch auf Vergütung.

Wäre es nicht vernünftig, Windanlagen und Kraftwerke vor allem dort zu bauen, wo der höchste Bedarf ist - und wo in den nächsten Jahren viele Kernkraftwerke vom Netz gehen - also im Süden?
Die Entwicklung wird in zwei Richtungen gehen: Wir werden weiterhin große Kraftwerke für Industriestandorte und Ballungszentren benötigen und wir werden immer mehr dezentral verteilte, kleinere Stromerzeugungsanlagen bekommen. Wir brauchen weiterhin Kohle- und Gaskraftwerke, falls die Erneuerbaren keinen Strom liefern.

Aber diese Kraftwerke können aktuell nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden. Der BDEW hat bereits vor der Bundestagswahl als Lösung den dezentralen Leistungsmarkt vorgeschlagen. Der Bundeswirtschaftsminister hat versprochen, dass die Diskussion dazu in der zweiten Jahreshälfte geführt wird und Wort gehalten. Seit Anfang Juli laufen die Gespräche dazu. Es bleibt aber noch viel zu tun. Eine intensive Diskussion ist jetzt notwendig und es ist wichtig, dass am Ende auch konkrete Entscheidungen getroffen werden.

Warum setzt die Politik Ihrer Meinung nach das nicht um?
Es gibt viele unterschiedliche Interessen auf Bundes- und Länderebene. Die Koordination von Bund und Ländern funktioniert bislang nicht ausreichend. Schleswig-Holstein strebt mit aller Macht den Ausbau der Windkraft an. Bayern hebt die Hände, will offenbar am liebsten gar kein Windrad haben und sich selbst mit Strom versorgen. Das funktioniert so nicht.

Könnte Deutschland noch umsteuern? Mehr moderne Kraftwerke im Süden - und wir können uns die teuren Leitungen sparen.
Es sind nun mal Fakten geschaffen und enorme Windstromkapazitäten im Norden aufgebaut worden. Daher brauchen wir die Übertragungsnetze. Deren Bau ist entschieden. Bund und Länder hatten dem zugestimmt.

Die Bayern setzen auf Gaskraftwerke. Eine Alternative zum stark schwankenden Windstrom?
Die Erträge für Gaskraftwerke sind mit den jetzigen Marktbedingungen viel zu niedrig, als dass sich dies rechnet. Der Strompreis ist an der Börse vom letzten Sommer bis jetzt um weitere 13 Prozent gesunken - vor allem deshalb, weil enorme Mengen Ökostrom zu Zeiten anfallen, in denen kaum Strom gebraucht wird. Autarke Lösungen wie in Bayern angedacht sind zusätzlich ineffizient. Aber nicht allein Gaskraftwerke haben Probleme - auch in moderne Kohlekraftwerke investiert derzeit niemand.

Grüne und Umweltverbände freuen sich ...
Mag sein. Nur, wir brauchen moderne konventionelle Kraftwerke aus Klimaschutzgründen und für die Versorgungssicherheit. Ohne sie ist der Industriestandort absehbar massiv in Gefahr. Und: Wir müssen konventionelle Kraftwerke modernisieren - weil wir mit ihnen schneller auf Nachfrageschwankungen reagieren und außerdem so deutlich den CO-Ausstoß senken können. Was passiert aber? Riesige Mengen Ökostrom kommen auf den Markt und sie drücken die Preise. Da aber Ökostrom wetterbedingt nicht bedarfsgenau zu produzieren ist, müssen wir zugleich große Mengen an konventionellem Strom vorhalten.

Der aber lässt sich wegen der gefallenen Preise nicht mehr gewinnbringend produzieren. Die Ökostrom-Hersteller haben diese Sorgen bislang nicht, da wird ja jede Kilowattstunde gut gefördert. Die Folge: Wir bekommen immer mehr versorgungsunsichere Ökostrom-Kraftwerke und unsere versorgungssicheren Kraftwerke veralten und gehen irgendwann vom Netz. Eine unhaltbare Situation. Daher unser Vorschlag.

Die Kohle-Gegner meinen, dass neue Kraftwerke für 30 bis 40 Jahre gebaut würden. Bis dahin aber gebe es genügend Speicher für die Ökostromanlagen - Kohle sei dann nicht mehr nötig.
Vielleicht ist das so. Vielleicht aber auch nicht. Ich würde dieses Risiko nicht eingehen. Wenn nachts nicht genügend Wind weht - sollen wir dann bei VW anrufen und sagen: Stellt mal euren Schichtbetrieb ein? Sicherlich wird die Speicherentwicklung weitergehen. Für Eigenheime sind bald ganz gute Batteriespeicher auf dem Markt. Für die ganz großen Strommengen aber benötigen wir andere Technologien. Gasspeicher sind interessant, aber noch nicht ausgereift. Pumpspeicher funktionieren zwar gut - sie lohnen sich aber derzeit nicht. Pro Megawattstunde machen sie hier bei uns derzeit 20 Euro Minus.

Kommt bald auch noch eine Kohle- und Gaskraft-Umlage auf uns zu, um diese Kraftwerke am Netz zu halten?
Ich weiß eines: Um zu jeder Zeit jeden Ort mit Strom zu versorgen, brauchen wir weiter konventionelle Kraftwerke. Wenn die wegen wachsender Unrentabilität immer öfter vom Netz gehen, wackelt der Industriestandort Deutschland - und dann schwindet die Akzeptanz für eine Energiewende. Wir werden also darüber reden müssen, wie wir Versorgungssicherheit finanzieren.

Die Großversorger fahren mit ihren längst abgeschriebenen Kernkraftwerken seit Jahren Riesengewinne ein. Da wäre doch Geld da, um die Konventionellen zu stützen?
Zunächst: Ein Zurück zur Kernkraft wird es nicht geben. In ein paar Jahren sind alle Kernkraftwerke vom Netz. Zudem: Bei Rückbau und Entsorgung sind noch viele Fragen offen. Da wird man kein zusätzliches Geld rausziehen können. Es bleibt dabei: Die Kosten der Energiewende müssen am Ende alle Kunden bezahlen.

In der Diskussion sind auch intelligente Stromzähler, die künftig in allen Haushalten eingebaut werden sollen. Was verbirgt sich dahinter?
Mit diesem Zähler, dem sogenannten Smart Meter, ist der Kunde direkt mit dem Versorger verbunden. Die Idee: Der Kunde nutzt Strom, wenn er billiger ist. Waschmaschine oder Geschirrspüler gehen dann nachts an. Wer so etwas gern haben möchte - bitte. Aber einen Zwang lehnen wir als übertrieben ab. Die Kunden sollen selbst entscheiden, ob sie das haben möchten oder nicht. Bislang fragen hier in Magdeburg nur wenige Haushaltskunden solche Angebote ab. Und: Es gibt auch aus datenschutzrechtlichen Gründen noch einiges zu klären.