Abitur: Mal Geheimsache, mal nicht

Wie transparent sind die Kultusminister beim Abitur? Wer veröffentlicht die Aufgaben, sobald die Zeugnisse verteilt sind? Das wollte die Volksstimme am Beispiel von Mathematik mit einer Umfrage erfahren. Das Ergebnis:

Fünf Länder veröffentlichen die Aufgaben nicht, weil diese dem Urheberrecht privater Verlage unterliegen: Bremen, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, das Saarland und Berlin. Kurios: Brandenburg stellt die gleichen Aufgaben wie Berlin, hat aber anders als die Bundeshauptstadt kein Problem mit Offenheit.

Sechs Bundesländer legen die Aufgaben offen: Hamburg, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen, Thüringen und Bayern.

Zwei Länder, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, haben ihre Aufgaben früher veröffentlicht, tun dies in diesem Jahr nicht mehr unter Verweis auf den Wittenberger Beschluss.

Hessen lehnt die Publizierung "grundsätzlich" ab, Rheinland-Pfalz kennt noch kein Zentralabitur, Schleswig-Holstein hat keine Auskunft gegeben.

Magdeburg/Berlin l Nichts weniger als einen "Kulturwandel" hatte Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) angekündigt. Als amtierender Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) lud er im Juni 2013 die Kollegen nach Sachsen-Anhalt ein. Im "Wittenberger Beschluss" stimmten die Ressortchefs zu, Abituraufgaben in Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch künftig zentral zu sammeln. Ab 2017 sollen sich die Länder aus diesem Fundus bedienen können. Dadurch würden endlich die Abi-Anforderungen in den 16 Bundesländern angeglichen, lobte Dorgerloh damals.

Ein gutes Jahr später zeigt sich, dass der Teufel im Detail steckt - wie immer in Bildungsfragen. Offensichtlich gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen, was der damalige Beschluss bedeutet. Sachsen-Anhalt hat einen folgenschweren Schluss gezogen: Ab sofort werden die Aufgaben nach dem Abitur nicht mehr veröffentlicht - anders als bislang üblich. Im Fall Mathematik hat das bereits für Verdruss gesorgt, weil etliche Lehrer und Eltern die Klausur dieses Jahres als zu schwer empfanden.

Zwingt der Wittenberger Beschluss zur Geheimhaltung? Das sehen viele Länder anders, wie eine Volksstimme-Umfrage unter den Kultusministerien und -behörden der 16 Länder belegt. Sachsen-Anhalts vier Nachbarländer etwa haben die Aufgaben aus dem Mathe-Abitur anstandslos offengelegt, auch Hamburg und Bayern. Lediglich Mecklenburg-Vorpommern hält die Aufgaben unter Verweis auf den Wittenberger Beschluss zurück.

Die Umfrage offenbart noch einiges mehr an Konfusion: Rheinland-Pfalz etwa deutet die Abmachung so, dass die Länder "unverbrauchte" Aufgaben einsenden sollen - nicht solche, die bereits in einer echten Prüfung gestellt worden sind. "Alles andere macht doch gar keinen Sinn", heißt es aus Mainz.

Was hat die KMK tatsächlich beschlossen? Deren Sekretariat will sich auf Nachfrage nicht festlegen. "Über diese Verfahrensfragen werden die Gremien der Kultusministerkonferenz im September und Oktober beraten", heißt es aus der Pressestelle. Anlass dürfte der Streit um Sachsen-Anhalts Mathe-Abi sein, über den die Volksstimme berichtet hat. "Der Kultusminister hat das Thema für die nächste Präsidiumssitzung der KMK angemeldet", so Dorgerlohs Sprecher Martin Hanusch. Meinung