Magdeburg l "Wir brauchen oben noch ein Radeberger", stellt Oliver Henkel fest. Der Tag geht ja gut los, denkt sich der Volksstimme-Reporter, in der festen Überzeugung, dass gleich zu Beginn der Übungseinheit ein kühles Blondes fällig wird. Aber weit gefehlt natürlich, beim "Radeberger" handelt es sich um einen Spezialhaken, der in keiner Höhenretterausrüstung fehlt. Die wiegt locker über zehn Kilogramm und wird jetzt als erste umgeschnallt.

Es ist Donnerstagvormittag im Übungszentrum des Instituts für Brand- und Katastrophenschutz in Heyrothsberge. Die Höhenretter der Magdeburger Berufsfeuerwehr unter Gruppenführer Ernst Datow trainieren hier für den Ernstfall. Heute geht es auf den großen Sendemast. Das Abseilen von Personen in Not mit der Krankentrage steht heute an.

Der Volksstimme-Reporter darf mit in 23 Meter Höhe und schon die Fahrt hinauf mit der Drehleiter ist nichts für schwache Nerven. Der Korb wankt im Wind, Oliver Henkel steuert ihn manuell per Joystick. Weil das Fahrzeug erst zwei Wochen alt ist, probieren die Männer noch an der Feinjustierung herum, während der Reporter hofft, bald wieder halbwegs festen Boden unter den Füßen zu haben. Die Alternative - über die Steigleiter nach oben zu klettern - ist allerdings noch abschreckender.

Patienten am Seil versorgen


Inzwischen ist der Acht-Mann-Trupp auf der Plattform angekommen. Ausbilder Dirk Ohgke darf als Erster in die Trage, er spielt den Verletzten. Julian Könnicke ist sein Begleiter, der im Ernstfall beruhigend auf den Patienten einwirken soll oder ihn auch beatmen kann. Jetzt plaudern die beiden aber über dies und das und warten, dass die Kameraden bereit zum Abseilen sind. Das geht entweder passiv oder aktiv, d.h. der Mann am Seil steuert den Abstieg selbst oder die Leute oben geben den Takt vor. Nach wenigen Momenten ist die Übung vorbei, Dirk Ohgke wurde erfolgreich gerettet.

Jetzt wird es schwieriger. Ernst Datow schickt seine Männer im Inneren des Turms durch die Stahlstreben. Hier muss die Trage mit dem Patienten senkrecht durchmanövriert werden. Der Chef selbst begibt sich jetzt in die hilflose Opferrolle. Dutzende dicke und dünne Seile werden quer über die Plattform gespannt, ebenso viele Karabiner klicken. "Sicherheit geht immer vor", sagt Datow. Deshalb sichern sich die Höhenretter immer doppelt ab. Versagt ein System, greift das andere. Vorsichtig bugsiert Oliver Henkel seinen Ausbilder durch die Streben und passt auf, dass sich der "Patient" nirgendwo den Kopf stößt.

Turm wird zum Schacht


Unten angekommen wird aus dem hohen Turm kurzerhand ein tiefer Schacht. Datow ist jetzt ein abgestürzter Mann, der nach oben gebracht werden muss. Jetzt sind Muckis gefragt. Denn während beim Abseilen die Schwerkraft die meiste Arbeit übernimmt, geht es beim Hochziehen um kräftige Arme, die den Verletzten samt Helfer hochziehen - je nach Gewicht also locker über 150 Kilogramm. Klar gibt es auch elektrische Seilwinden, manchmal wird auch ein Fahrzeug genutzt, erklärt Michael Pilz. Doch heute wird der gute alte Flaschenzug aufgebaut. Und die übrigen Männer ziehen ihre Kameraden Stück für mühseliges Stück hinauf.

Erst im vergangenen Jahr mussten sie sich vom Nordbrückenzug herablassen, um einen Mann von einer Sandbank in der Alten Elbe zu retten. Aber auch für die klassische Katzenrettung sind sie schon gerufen worden, sagt Heiko Fümel, ebenfalls Ausbilder. Ein Arbeiter mit Herzinfarkt auf dem Baugerüst oder in einem Windrad sind weitere typische Notfälle für sie.

72 Stunden Training im Jahr


Ungefähr 15 Einsätze haben die gut 45 Höhenretter im Jahr, die sonst als ganz normale Berufsfeuerwehrmänner im Einsatz sind. 72 Stunden Höhenrettertraining müssen sie jährlich nachweisen, um als solche zum Einsatz zu kommen.

Heiko Fümel lernt der Volksstimme-Reporter zum Ende des Trainings noch besonders gut kennen. Denn schließlich muss er auch wieder irgendwie herunter. In der sogenannten "Rettungswindel" wird er an Fümel festgeschnallt. Nun gilt es, sich zu überwinden, über die Brüstung zu klettern und in Mann und Material zu vertrauen. Mehr schlecht als recht hängt das "Opfer" dann zwischen den Beinen seines Retters, der ihn schließlich vorsichtig auf dem Boden absetzt.

Am Ende des Tages steht eine Erkenntnis: Respekt für die Retter aus höchster und tiefster Not.

   

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