Sowjetische Truppen auf dem DDR-Gebiet
Bezeichnung: Aus den Sowjetischen Besatzungstruppen (1945) wurde 1954 die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD). Ab 1989 bis zum Abzug im Jahr 1994 bezeichnete man sie offiziell als Westgruppe der Truppen (WGT).

Personal: 337.800 Soldaten befanden sich 1991 in 24 Divisionen, verteilt auf fünf Land- und eine Luftarmee. Dazu kamen 207400 Familienangehörige. Es gab mehr als 770 Kasernenanlagen an 276 Orten in der ehemaligen DDR.

Technik: Zur Ausrüstung der Truppen gehörten im Jahr 1991 noch 4200 Panzer, 8200 gepanzerte Fahrzeuge, 3600 Geschütze, 106000 sonstige Kraftfahrzeuge, 690 Flugzeuge, 680 Hubschrauber, 180 Raketensysteme und 95500 Kraftfahrzeuge.

Die Geschichte des Abzuges
Der Zwei-plus-Vier-Vertrag ebnete nicht nur den Weg zur Wiedervereinigung beider deutscher Staaten, sondern regelte auch den Abzug der sowjetischen Truppen. Er sollte bis 31. Dezember 1994 erfolgen, wurde aber auf den 31. August 1994 vorgezogen.

Etwas mehr als eine halbe Million Soldaten und Familienangehörige und mehr als 120000 schwere Waffen sowie sonstiges militärisches Gerät mit einem Gewicht von 2,7 Millionen Tonnen mussten auf dem Seeweg (Rostock und Mukran auf Rügen) sowie über Polen zurückgebracht werden.

Als Gegenleistung zahlte Deutschland 15 Milliarden D-Mark (7,5 Milliarden Euro).

Eine offizielle Abschiedsfeier gab es im Treptower Park in Berlin am 31. August 1994.

Magdeburg l Juri Kulik kommt aus der Ukraine und ist inzwischen 50 Jahre alt. Sein durchtrainierter Körper lässt seine persönliche Geschichte als Elitesoldat und Fallschirmjäger erahnen. Der ehemalige Offizier lebt in Magdeburg und hat ein Drei-Jahres-Visum. Länger geht es nicht. Zurzeit arbeitet er für eine deutsch-ukrainische Firma. "Man schlägt sich eben so durch", sagt er. Dieses Leben kennt er seit gut 20 Jahren.

Davor war alles anders. Ganz anders. Kulik schloss Mitte der 80er Jahre die Offiziersschule in Nowosibirsk als Oberleutnant ab. Der Fallschirmjäger hat eine Spezialausbildung im Nahkampf. 1987 wurde der Elitesoldat nach Burg zu einem Fallschirmjägerregiment versetzt. "Von der Spezialeinheit wussten nur wenige. Wir waren fast nur Offiziere."

Zu den bekannteren Einheiten an seinem Standort in Burg zählten aber noch Tausende weitere Soldaten und Offiziere. Ganz in der Nähe, in Altengrabow (Jerichower Land), befand sich sogar einer der größten Stützpunkte der Sowjets auf dem Gebiet der DDR.

Die Kreisstadt Burg habe er in den vier Jahren kaum zu Gesicht bekommen. "Wir haben immer nur trainiert und keine freie Minute gehabt", sagt der Fallschirmspringer. Ohnehin durften Soldaten so gut wie nie raus aus der Kaserne, bei Offizieren war es verpönt.

Erlaubt war der Ausgang ohnehin nur im Garnisonsbereich. Berlin zu besuchen, sei sogar ein absolutes Tabu gewesen. Kulik: "Wer Probleme bereitet hat, konnte gleich seine Sachen packen und war nur 24 Stunden später zurück in Russland."

Strenge und Disziplin gehörten zum Kasernen-Alltag. Dort ging niemand zimperlich mit dem anderen um. Die Soldaten und Offiziere ertrugen es dennoch. "Einen solchen Gehorsam und Patriotismus habe ich seitdem nie mehr erlebt. Ich glaube, wir hätten damals auf Befehl alles gemacht, sagt der Ukrainer heute.

Mit dem Zusammenbruch der DDR, zerbröselte aber nicht nur der Patriotismus, sondern auch der absolute Gehorsam in den Einheiten.

Viele Offiziere und deren Familien empfanden die Art und Weise des Abzugs als "ungerecht und demütigend", wie es der russische Literat und Menschenrechtler Lew Kopelew damals formulierte. Im September 1990 gab es in Burg im Umfeld der Kaserne sogar eine Demonstration der Offiziersfrauen. Es war bis zu diesem Zeitpunkt eine einmalige Situation, die man unter den damaligen Umständen fast als Meuterei bezeichnen könnte. Ausgangspunkt war die Ungewissheit, wo die Familien nach dem Abzug hinsollten. Damals ging das Gerücht um, dass es am neuen Verlegungsziel im Nordkaukasus noch keine Wohnungen gab. Deutschland hatte sich zwar im Rahmen des Zwei-plus-Vier-Vertrages zur Zahlung von umgerechnet 7,5 Milliarden Euro zur Deckung der Kosten des Rückzuges, der Umschulung und dem Bau von Wohnungen verpflichtet. Doch das Geld kam in Russland selten dort an, wo die Offiziere stationiert waren. "Viele haben zum Teil in Zelten gelebt und einige der Familien sind daran auch zerbrochen", erinnert sich Kulik.

Er selbst musste als einer der ersten die Koffer packen. Seine Spezialeinheit sollte möglichst schnell verschwinden.

"Die meisten Informationen bekamen wir damals aus dem Fernsehen. Wir durften zwar keine deutschen Sender sehen, haben es aber trotzdem gemacht", sagt der Ukrainer. Er wurde 1991 in eine Kaserne nach Zentral-Russland versetzt. Kurze Zeit später löste sich die Spezialeinheit auf.

Als Geheimnisträger durfte er das Land aber nicht verlassen. Erst Anfang 1994 wurde dieser Status aufgehoben. "Mit der Reisefreiheit konnte ich aber wenig anfangen, weil ich kein Geld hatte", so Kulik. Später sei der Ukrainer dann in seine Heimat zurückgekehrt und schlägt sich mit Jobs bis heute durch - gerade mal wieder für ein paar Jahre in Magdeburg.

Boris Pikalow, gebürtiger Russe, hat seine Zeit beim Militär ganz anders erlebt und genoss wesentlich mehr Freiheiten. Er kam als Bauingenieur und Zivilangestellter 1981 nach Magdeburg. Heizhäuser und Gruppenunterkünfte in Burg sowie auch ein Gebäude der Abhörstation auf dem Brocken entstammen seiner Arbeit. In den fünf Jahren als Zivilangestellter der Sowjetarmee lernte er seine deutsche Frau Birgit bei einer Feier der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft kennen. Zwei Töchter kamen in der Zeit zur Welt.

Solche gelebte Freundschaft mit dem "Großen Bruder" wurde vor allem von der DDR-Führung gerne gesehen. Pikalow erhielt dafür sogar eine mit tausend DDR-Mark dotierte Medaille.

Anders als die Offiziere und Soldaten durfte sich der Zivilangestellte frei bewegen. Mit seinem sowjetischen Reisepass kam der Russe samt Töchter 1988 sogar auf den Kurfürstendamm in Westberlin. "Das war damals kein Problem", sagt er.

Als sein Vertrag mit dem Militär auslief, durfte Pikalow auch in Magdeburg bleiben. Er übernahm eine Stelle bei der Reichsbahndirektion und überwachte russische Militärzüge.

Mit seinem Sowjet-Pass half Pikalow 1989 auch Nachbarn, nach Prag zu kommen. Ein Russe als Fluchthelfer. Pikalow: "Wir sind mit meinem Wartburg-Tourist losgefahren und mit meinen russischen Dokumenten gab es an der tschechischen Grenze keine Probleme."

Mit der Wiedervereinigung stellte sich auch für Pikalow die Frage nach der Heimkehr. "Doch zu Hause war das Chaos ja noch größer", sagt er.

Bis 1995 schlug sich der Familienvater mit Gelegenheitsjobs in Magdeburg durch. In den Jahren 2000 bis 2006 verdiente der gebürtige Russe als Selbständiger zunächst mit Telefonkarten für Ferngespräche sein Geld und jetzt mit Reisen in die ehemaligen Sowjetrepubliken. Er sagt von sich: "Nach 33 Jahren fühle ich mich als Magdeburger."

Die Deutschen haben hingegen andere Erinnerungen. Nicht nur negative, wie zum Beispiel an die rund 3000 zum Teil als Schrottimmobilien hinterlassenen Kasernen und munitionsverseuchten Flächen.

Wilfried Gille aus Gardelegen: "1985 sind mein Sohn und sein Freund festgenommen worden, weil sie auf dem Kasernengelände in Gardelegen Kohlen für ihren Spielbunker klauen wollten. Nach der Festnahme fuhr man sie samt Kohlesack zur Kommandantur. Die Jungen wurden zwar auf russisch beschimpft, aber ansonsten ordentlich behandelt." Nach fünf Stunden kam die Volkspolizei und notierte die Personalien. "Später ist zum Glück nichts gekommen", sagt der Rentner.

Heute gebe es am Stadtzentrum nur noch einen sowjetischen Soldatenfriedhof.

Der letzte Oberkommandierende der Westgruppe der Truppen, General Matwej Burlakow, meldete am 31. August 1994 den vollständigen Abzug aller Soldaten.

Nach Angaben des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam gab es in Sachsen-Anhalt 183 Standorte des russischen Militärs. 83 im ehemaligen Bezirk Magdeburg.

   

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