Der Weg zum Gegner des Hitler-Regimes

Henning von Tresckow wurde am 10. Januar 1901 in Magdeburg als Sohn einer pommerschen Adelsfamilie geboren. Bereits als Jugendlicher folgte er der langen preußisch-militärischen Tradition seiner Familie und trat in die kaiserliche Armee ein. Zwischen den Weltkriegen begann er ein Jurastudium und arbeitete einige Jahre als Bankkaufmann an der Börse. 1926 ging er erneut zur Reichswehr.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten begrüßte Henning von Tresckow zunächst als willkommene Chance, die Schmach des Versailler Vertrages von Deutschland abzuwenden. Bald erkannte er jedoch den wahren Charakter der politischen und militärischen Strategien der NSDAP unter Hitler, woraufhin er sich mehr und mehr auf die Seite der Regimegegner stellte. Als 1941 immer mehr Details über die Konzentrationslager und Kriegsverbrechen zu ihm durchdrangen, schloss er sich der Berliner Widerstandsgruppe um Ludwig Beck und Hans Oster an. In den folgenden Jahren plante er mehrere Attentate auf Hitler, die jedoch stets an unvorhersehbaren Umständen scheiterten.

Henning von Tresckow war maßgeblich an der Vorbereitung des Attentats beteiligt, das Oberst Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 auf Hitler in dessen ostpreußischem Bunker verübte. Da von Tres-ckow kurz zuvor an die polnische Front versetzt worden war, konnte er sich an der unmittelbaren Ausführung des Attentates nicht beteiligen.

Als er hörte, dass Hitler noch am Leben war und die Umsturzpläne der Verschwörer ebenfalls fehlgeschlagen waren, nahm er sich an der Front das Leben. Er wollte nicht riskieren, unter Folter die Namen weiterer Beteiligter preisgeben zu müssen. (Quelle: Stadt Magdeburg)

Beinahe auf den Tag genau 70 Jahre ist es her, da verübten Wehrmachtsoffiziere ein Attentat auf den Nazi-Diktator Adolf Hitler. Unter ihnen war der Magdeburger Henning von Tresckow. Andreas Stein sprach mit dessen Tochter Uta von Aretin über den berühmten Vater.

Frau von Aretin, Ihr Vater, der Widerstandskämpfer Henning von Tresckow, ist tatsächlich Magdeburger. Wie kam das?
Uta von Aretin:
Das war reiner Zufall. Mein Großvater Hermann von Tresckow war als Kavallerieoffizier in Magdeburg stationiert, als mein Vater geboren wurde. Nach einem Jahr wurde er aber schon wieder versetzt und die Familie zog weiter, wie im Militär üblich. Die erste Verbindung zu Magdeburg bekam ich erst wieder durch Professor Karl-Heinz Paqué, der seine Initiative in die Tat umsetzte und zum 100. Geburtstag meines Vaters eine Stele zum Gedenken an ihn errichten ließ.

Welchen Eindruck haben Sie von der Geburtsstadt Ihres Vaters?
Magdeburg ist eine wunderschöne Stadt. Ich finde es eindrucksvoll, was die Menschen nach der Wende aus ihrer Stadt gemacht haben. Und ich freue mich, dass es hier eine Stele und eine Straße gibt, die an meinen Vater erinnern.

Ihr Vater war als Offizier viel unterwegs, im Krieg sowieso. Welche Erinnerungen haben Sie noch an ihn?
Es sind natürlich absolute Kindheitserinnerungen. Zu Beginn des Krieges war ich ein Kind von acht Jahren und er ja nur noch zu Kurzurlauben zu Hause. Er war ein wundervoller Vater, heiter und liebevoll, ein fröhlicher Kamerad - und alles andere als ein Militarist. Er zog sich die Uniform aus, sobald er nach Hause kam, und hasste den Drill. Mein Vater liebte die Natur, am Wochenende gingen wir stundenlang spazieren, im Berliner Grunewald oder in der Umgebung von Potsdam. Auch in seinen Feldpostbriefen berichtete er von der Freude des Ausreitens und der Beobachtung von bekannten oder fremdartigen Tieren.

"Als wir nach dem Attentat verhaftet wurden, war ich ahnungslos."

Sie waren bei Kriegsbeginn noch ein Kind. Hat er über den Krieg und das, was ihn beschäftigte, mit Ihnen gesprochen?
Nein, gewiss nicht. Aus verständlichen Gründen konnte er nicht seine Ansichten öffentlich machen, zudem war er natürlich darauf bedacht, seine Familie durch Nichtwissen zu schützen. Als meine Mutter, meine kleine Schwester und ich nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet wurden, war ich ahnungslos über die Beweggründe. Meine Mutter konnte die ahnungslose Ehefrau spielen, obwohl sie in den letzten Jahren zur Mitarbeiterin meines Vaters geworden war.

Wie ging die neue Bundesrepublik nach 1945 mit den Widerständlern rund um Ihren Vater um?
In den ersten Jahren nach dem Krieg galten sie als Landesverräter. Das änderte sich erst allmählich. 1953 erhielt meine Mutter zum ersten Mal eine Rente. 1954 nahm der damalige Bundespräsident Theodor Heuss in einer Rede die Angehörigen gegen rechte Angriffe in Schutz. Ab Ende der 1950er Jahre würdigte dann die Bundeswehr offiziell den militärischen Widerstand gegen Hitler und nahm ihn ins eigene Traditionsbewusstsein auf. Trotzdem hielt die Mehrheit der Bevölkerung bis Ende der 60er Jahre die Widerstandskämpfer für Landesverräter.

Bestimmt gab es Momente, wo Sie wütend waren, dass Ihr Vater für den Widerstand sein Leben gegeben hat und Sie einfach nur den Vater zurückhaben wollten?
Natürlich gab oder gibt es bei den Angehörigen auch Phasen des Zweifelns. Der Vater war ja heißgeliebt. Ich habe mich später viel mit meinem Vater beschäftigt, seinen Motiven, seiner Erziehung, seinem Wertekanon und seinem unglaublichen Weg des Umdenken-Könnens und der schier unerträglichen Entscheidung zwischen dem Unrecht, Hitlers Krieg führen zu müssen oder einen Mord zu begehen und notfalls das eigene Leben und das seiner Familie für eine notwendig gewordene gerechte Tat zu opfern. Auch wenn es zum Schluss nur noch darum ging, der Welt zu zeigen, dass es auch ein anderes Deutschland gab als Nazideutschland.

Mein Vater war anfangs für mich nur eine Heldengestalt. Meine Mutter hat nie über ihn und die Ereignisse sprechen können, auch dann nicht, als mein Mann (der kürzlich verstorbene Historiker Karl Otmar von Aretin, die Red.), der Spezialist für den Widerstand im Dritten Reich war, versuchte, mehr über ihn zu erfahren. Irgendwann im Laufe der Jahre wurde Henning von Tresckow für mich vom Helden zum "richtigen Menschen". Ich bin glücklich mit diesem Vater. Er ist ein Vorbild für mich auf vielfältigste Weise und in seiner ganzen Menschlichkeit.

Wie ist das, den eigenen Vater als Spielfilm-Gestalt in deutschen und Hollywood-Produktionen im Fernsehen zu sehen?
Sehr eigenartig, vor allem, wenn der Schauspieler wie im Tom-Cruise-Film "Operation Walküre" meinem Vater überhaupt nicht ähnlich sieht. Aber wenn der Film seinen Zweck erfüllt und auch die Menschen im Ausland sehen, dass es Widerstand in Nazi-Deutschland gab, geht das in Ordnung.

"Das Gedenken darf nicht politisch instrumentalisiert werden."

Der Zweite Weltkrieg ist beinahe 70 Jahre vorbei, die letzten Zeitzeugen werden in den nächsten Jahren sterben. Glauben Sie, die Deutschen können die Erinnerung an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und den Mut der Widerstandskämpfer bewahren?
Es wäre ungeheuer wichtig, wenn sie es täten und sich die Lehren, die daraus zu ziehen sind, vor Augen führten und den Verstand bewahren würden. Allerdings habe ich das Gefühl, die heutige Generation kann sich nicht mehr in die Zeit von damals hineinversetzen. Aus der langen Zeit des Friedens und der Freiheit heraus, dem ungeheuren Wandel von täglichem Leben, Arbeit und Werten scheint es schwierig zu sein, sich das Damals vorzustellen. Mir ist wichtig, dass das Gedenken nicht politisch instrumentalisiert wird. Die Erinnerung daran, dass es neben dem Dritten Reich auch noch ein anderes Deutschland gegeben hat, für das die Widerständler kämpften, sollte den Deutschen heute Ansporn sein, Zivilcourage zu bewahren und sich für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie einzusetzen.

Was geht in Ihnen vor, wenn heute wieder Menschen mit Nazi-Ideologien durch Deutschland ziehen?
Da halte ich es mit dem Bundespräsidenten (Joachim Gauck hatte NPD-Mitglieder als "Spinner" bezeichnet, die Red.). Die Gesellschaft sollte jedoch aufpassen und den Anfängen wehren. Das sind Kräfte, die mit den Möglichkeiten unserer freiheitlich demokratischen Ordnung eben dieselbe abschaffen wollen. Diese Menschen dürfen in Deutschland nie wieder das Sagen haben.