Halberstadt l Mit einem großen Rums bahnt sich ein Radlader einen Weg in das Foyer der Volksbankfiliale in Harzgerode. Mit brachialer Gewalt gelingt es den Unbekannten, in der Nacht zum 10. Juli gegen 2.45 Uhr den Geldautomaten herauszureißen. Das Gerät wird, so ergeben später die Ermittlungen, auf einen blauen offenen Transporter verladen. Die modernen Bankräuber hinterlassen einen Haufen Schutt und eine Staubwolke. Es ist der vorerst letzte Überfall einer ganzen Serie, die seit Jahresbeginn Schlagzeilen macht.

Andreas Haberlag, Leiter der Ermittlungsgruppe "Schaufel" aus dem Polizeirevier des Harzkreises, ist sich sicher, dass zumindest zu dieser Vorgehensweise noch mindestens zwei weitere brachiale Aufbrüche passen. So gingen die Täter am 17. April in einer Bank in Gernrode und am 6. Mai in Königerode fast identisch vor. Auffällig: Mit den zuvor gestohlenen Radladern bzw. Baggern rückten sie in zwei Fällen aus mehreren Kilometer entfernten Orten an. In allen Fällen wurde der Tresor oder Automat auf Pritschen umgeladen. Die eigentliche Arbeit, nämlich das Aufbrechen des Stahlbehälters, muss dann an anderer Stelle erfolgen.

Experten erstaunt, dass es noch keine Toten gab

Wie schwer es ist, solche Tresore der Geldautomaten zu öffnen, zeigte sich auch nach einer Sprengung eines Automaten in Wasserleben am 7. Mai. Dieser Fall gehört zu der Serie, die von der gemeinsamen Ermittlungsgruppe "Explosion" von LKA und Revier Harz untersucht wird. Die Geldkassetten hatten der Sprengung widerstanden. Nach Volksstimme-Informationen benötigten selbst Experten einer Spezialfirma vier Stunden zum Öffnen der in Tatortnähe gefundenen Wertbehälter, weil ein zusätzlicher Sicherheitsriegel ausgelöst hatte. In zwei anderen Fällen aktivierte die Sprengung sogenannte Farbbomben, so dass diese später unter anderem entlang des Ufers der Holtemme gefunden wurden. So wie in Seehausen im Bördekreis scheiterten die Täter oft auch schlicht an der falschen Zusammensetzung des Gasgemisches. Paulus Vorderwülbecke von der Technischen Prüfstelle VdS Schadenverhütung in Köln: "Es ist ein Wunder, dass es bei den Explosionen noch keine Todesopfer gab. Bei unseren Testsprengungen sind die schweren Stahltüren sogar mehr als zehn Meter weit geflogen."

An einer Quedlinburger Tankstelle sprengten die Gasbomber am 11. Juni sogar einen Automaten in der Nähe der Zapfsäulen. "Entweder sehen die Täter die Gefahr nicht oder sie wollen sie nicht sehen", meint der Experte. Es gebe inzwischen Wertbehälter, die einer solchen Gassprengung standhalten. Nur sind diese noch nicht in allen Geräten eingebaut. "Schon aus Kostengründen werden die Banken und Institute die teuren Automaten erst austauschen, wenn es technisch notwendig ist", sagt der Schadenverhüter.

Aus diesem Grund rüsten immer mehr Banken ihre Geldkassetten wenigstens mit den Farbbomben nach, um das Geld im Fall eines Überfalls unbrauchbar zu machen, so LKA-Sprecher Andreas von Koß.

Idee kam ursprünglich aus Südafrika

Möglichkeiten wie den Einsatz von Gas-Sensoren, die eine Gegenmaßnahme in Gang setzen und Alarm auslösen, gibt es zwar. "Der Haken dabei ist aber, dass diese Systeme einfach noch zu leicht sabotiert werden können. Es hat dadurch auch noch keine VdS-Anerkennung", sagt Schadenverhüter Vorderwülbecke.

Das Sprengen von Geldautomaten mit Gas sei vor einigen Jahren ursprünglich von Südafrika nach Europa gelangt und dann nach Deutschland herübergeschwappt. Inzwischen nehmen die Fälle auch bundesweit weiter zu. Die Bedienungsanleitung gibt es sogar im Internet, die Gerätschaften und Flaschen sind in fast jedem Baumarkt erhältlich.

Aus diesem Grund ist es auch nicht ausgeschlossen, dass im Fall der Automatensprengungen gleich mehrere Trittbrettfahrer aktiv sein könnten.

Zeitweise arbeiten nach LKA-Angaben mehr als zehn Ermittler allein in der gemeinsamen Ermittlungsgruppe "Explosion" an den Fällen.