Magdeburg l Vor dem Plattenbau am Westring türmen sich die Müllberge. Alte Möbel, Unrat und dazwischen wächst Unkraut. "Das ist alles nur noch ein Witz", sagt Udo Keil. Der gebürtige Chemnitzer wohnt seit 2009 in einem der vier Eingänge des Hauses. "Ich übernachte bei Freunden", sagt er.

Grund dafür sind die unhaltbaren Zustände in dem Plattenbau mit ungefähr 50 Wohnungen. Kein fließendes Wasser, keine Heizung, kein Hauslicht, Schimmel, eingetretene Haustüren. Keil wohnt im obersten Stock. Wasser buckelt er in Kanistern die Treppe hoch. "Das muss man sich mal vorstellen. Wir leben mitten in einer großen Stadt", sagt er. Mehrfach habe er die Leipziger Eigentümerin auf die Missstände aufmerksam gemacht. Passiert sei nichts.

Aus der Volksstimme haben Keil und seine Nachbarn dann erfahren, dass der Wohnblock bis Anfang Oktober ein Asylbewerberheim werden soll. Außerdem hatten Recherchen bei der Verwaltung ergeben, dass der Stadt gar nicht bekannt war, dass am Westring überhaupt noch Leute wohnen.

Wie viele Mieter in dem heruntergekommen Haus tatsächlich noch wohnen, ist unklar. Wahrscheinlich sind es mehr als fünf. Die Volksstimme konnte mit vier Mietern persönlich sprechen, Wohnungen und Kellerräume besichtigen, Mietverträge einsehen. In keiner der Wohnungen funktioniert das Wasser oder die Deckenbeleuchtung. In den Kellerräumen sind alle technischen Geräte defekt. Leitungen fehlen, Stromzähler sind nicht vorhanden. Eine Wartungsplakette an der Heizung zeigt, dass die letzte Prüfung der Anlage vor acht Jahren stattgefunden hat. Unabhängig von einander berichteten die Bewohner, dass die Heizung auch in den vergangenen Wintern nicht lief.

Mehrere Mieter gaben gegenüber der Volksstimme an, dass das Haus in den vergangenen Jahren wechselnde Eigentümer und Verwalter gehabt haben soll, die Mieten auf wechselnde Konten überwiesen werden sollten. Alle Mieter, mit denen die Volksstimme reden konnte, sind Hartz-IV-Empfänger, deren Miete vom Jobcenter bezahlt wird. Die Mieter gaben an, inzwischen keine Miete oder nur noch teilweise Miete zu zahlen. Eine Nachfrage beim Jobcenter brachte vorerst keine Klärung, da die Volksstimme hier aus Datenschutzgründen keine Auskunft bekam.

Ein qualifiziertes Telefongespräch mit der auf den Mietverträgen als Eigentümerin gekennzeichneten Leipzigerin Thi Thu H.-V. scheiterte ebenfalls. Zwar bestätigte die Frau, Besitzerin des Westring-Hauses zu sein, lehnte aber weitere Auskünfte gegenüber der Presse ab. Das Versprechen, sich noch mal persönlich zu melden, wurde nicht eingehalten.

Nachforschungen bei den Städtischen Werken Magdeburg (SWM) ergaben, dass in dem Haus wegen nicht bezahlter Rechnungen des Eigentümers monatelang kein Wasser anlag. "Seit 27. März ist das Haus aber wieder ans Netz angeschlossen", sagte SWM-Sprecherin Anja Keßler-Wölfer. Warum trotzdem kein Wasser bei den Mietern ankommt, ist unklar.

Nach Informationen der Volksstimme sind die Verhandlungen zwischen Stadt und Leipziger Eigentümerin von Onnen Onnen Immobilien vermittelt worden. "Ich versuche, den Schulterschluss zwischen Eigentümer und Stadt herzustellen", bestätigte Rolf Onnen auf Nachfrage. Der Magdeburger Architekt bestätigte auch, dass die Leipziger Vermieterin mittlerweile ein Angebot der Stadt Magdeburg vorliegen habe. "Es geht um alle vier Eingänge", so Onnen. "Bevor wir sanieren, müssen die Mieter das Haus verlassen", so Onnen weiter. Allerdings müssten Alternativen gefunden werden. Das Sozialamt der Stadt habe hier bereits Unterstützung signalisiert. Keiner der Mieter konnte allerdings bestätigen, bisher eine Kündigung erhalten zu haben.

Bevor allerdings Bautrupps in der Platte am Westring anrücken, könnte es nun sein, dass zuerst die Umwelthygiene des Gesundheitsamtes das Haus unter die Lupe nimmt. Laut Rechtsanwalt Dieter Mika vom Magdeburger Mieterverein kann in extremen Fällen ein Haus auch gesperrt werden, wenn der Vermieter bestimmte Auflagen nicht erfüllt.

Unterdessen steht Udo Keil vor dem Haus, das sein zu Hause sein soll. "Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass die uns alle einfach vergessen haben", sagt er.

 

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