Rote Zahlen

Viele Verkehrsflughäfen in Deutschland kämpfen jedes Jahr mit zum Teil erheblichen Verlusten, hier eine Auswahl:

Berlin-Brandenburg (Tegel, Schönefeld, BER): 182 Millionen Euro
Dortmund: 18,5 Millionen Euro
Saarbrücken: 8,8 Millionen Euro
Kassel-Calden: 6,8 Millionen Euro
Frankfurt-Hahn: 5,7 Millionen Euro
Münster/Osnabrück: 5,4 Millionen Euro
Nürnberg: 3,9 Millionen Euro
Erfurt-Weimar: 3,8 Millionen Euro
Bremen: 2,8 Millionen Euro
Zweibrücken: 2,8 Millionen Euro
Rostock-Laage: 2,7 Millionen Euro
Hannover: 2,5 Millionen Euro
Paderborn/Lippstadt: 1,4 Millionen Euro
Memmingen: 1,1 Millionen Euro

Profitabel arbeiten u.a.: Fraport/Frankfurt am Main (235,7 Millionen Euro), München (98 Millionen Euro), Hamburg (37 Millionen Euro) und Düsseldorf (35 Millionen Euro). Die Mitteldeutsche Flughafen AG, zu der Halle-Leipzig und Dresden gehören, wies 26 Millionen Euro aus.

Cochstedt l Jens Galkow steht vor dem Terminal und winkt. Wer den Kommunikations-Chef dieser Tage am Flughafen Cochstedt besuchen möchte, kann bequem mit dem Auto anreisen und keine zehn Meter vom Haupteingang entfernt parken. Reisende mit Kofferwagen sind nicht zu sehen, neben Galkow verlieren sich lediglich ein gutes Dutzend abgestellte Autos auf dem fußballfeldgroßen Parkplatz.

"Der Flughafen Magdeburg-Cochstedt? Muss man sich in etwa vorstellen wie die Investruine Kassel-Calden. Nur komplett ohne Flugzeuge. (...) Wenn irgendwo nichts los ist, dann hier", schreibt Spiegel Online. Und auf den ersten Blick stimmt das auch. Coch-stedt ist ein Paradebeispiel für verschwendete Steuergelder: Bis 2010 sind 56 Millionen Euro öffentliche Mittel in die Idee geflossen, den alten russischen Militärflughafen in einen internationalen Airport zu verwandeln. Das Land Sachsen-Anhalt steuerte hierfür den Löwenanteil von 36 Millionen Euro bei.

2020 soll der Durchbruch in Cochstedt gelingen

Der einzig schwache Trost für den Steuerzahler: Im Gegensatz zu anderen Ländern zog die hiesige Regierung 2010 die Notbremse und verkaufte Cochstedt an das dänische Unternehmen Airport Development für rund eine Million Euro. In Kassel, Erfurt und Rostock wollen die Politiker hingegen weiterhin nicht wahrhaben, dass Fluggesellschaften und ihre Passagiere eben doch große Flughäfen in den Ballungszentren bevorzugen, sich Wald- und Wiesen-Plätze nicht für die alltägliche Massenfliegerei rechnen.

Nun würde Cochstedts Kommunikationschef Galkow seinen Job ja nicht machen, wenn er nicht auch das Geschäftskonzept vertreten würde, das sich der dänische Investor Peter Sølbeck ausgedacht hat und bis 2020 umsetzen will. "Wir betrachten Cochstedt nicht mehr als gewöhnlichen Verkehrsflughafen, sondern als Gewerbegebiet mit angeschlossener Landebahn", erklärt Galkow. Statt den verlustreichen Wettlauf um Billigfluggesellschaften wie Ryanair fortzusetzen, will sich der Airport im Kerngeschäft vor allem als Logistik-Dienstleister profilieren. Kleine und mittlere Firmen aus der Region sollen künftig ihre Waren über Cochstedt in alle Welt verschicken. Der Airport will damit dem größeren Umschlagplatz Halle-Leipzig nicht einmal Konkurrenz machen. "Zu uns sollen Unternehmen mit Spezialtransporten kommen, die den großen Flughäfen nicht ins Konzept passen", erklärt Galkow.

In Cochstedt wären bereits Organtransporte für die Unikliniken und Tier-Transporte für Zoos abgefertigt worden. Bei den Frachten gehe es in der Regel darum, sie möglichst kurzfristig und schnell abzufertigen. "Für einen Automobilhersteller haben wir auch schon öfters Ersatzteile für eine kaputte Produktionsstraße nach Spanien geliefert."

Airport Development investiert 30 Millionen Euro

Um Schwung in das Frachtgeschäft zu bekommen, hat Airport Development mehr als acht Millionen Euro in ein neues Logistikzentrum investiert. Komplett betriebsbereit ist es noch nicht, eine Halle befindet sich noch im Bau. Wie bei so vielem, was mit dem Flughafen zu tun hat, ist ein langer Atem nötig. Galkow erinnert sich: "Als wir 2010 den Flughafen übernommen haben, gab es kein Terminal, die Feuerwehr war nicht richtig ausgerüstet, das ILS-Landesystem für Flugzeuge war nicht vorhanden."

Bei so einer Schilderung stellt sich die Frage, wie der Flugbetrieb funktionierte, als das Land noch Betreiber war. Galkow will hierzu nicht viel weiter sagen, berichtet aber, dass Airport Development seither mehr als 30 Millionen Euro insgesamt investiert hat, um den Airport zum Laufen zu bringen. Neben dem im Bau befindlichen Logistikzentrum soll am Flughafen auch ein Gewerbegebiet entstehen - damit der Weg für die Firmen-Fracht zum Flughafen möglichst kurz ist. Erschlossen ist das Gebiet bereits, doch Unternehmen haben sich bislang noch nicht eingefunden. "Das geht auch nur Schritt für Schritt - erst müssen wir mit dem Logistikzentrum in der Lage sein, Fracht zu verschicken, dann können wir auch Firmen anlocken."

Bis dahin bleibt aber noch viel zu tun: Einige Grundstücke gehören Airport Development noch gar nicht, das Unternehmen muss noch mit dem Land über den Verkauf verhandeln. Um Frachtströme nach Coch-stedt zu lenken, soll außerdem eine alte Eisenbahnlinie wiederbelebt werden. "Ingenieure prüfen für uns gerade, welche Streckenabschnitte dafür saniert werden müssen", berichtet Galkow.

Flugverbindungen nicht zu jedem Preis

Neben der Logistik-Sparte sollen Passagierflüge ein weiteres, nur eben untergeordnetes Standbein bleiben. "In diesem Jahr leisten wir uns den Luxus, keine Reisen anzubieten", sagt Galkow. Betriebswirtschaftlich sei das sogar sinnvoll: Das Passagiergeschäft rechnet sich nur, wenn es viele Flüge gibt und Fluggesellschaften auch angemessene Flughafengebühren zahlen. Fehlt zum Beispiel die kritische Masse von Angeboten, dann übersteigen die Flughafen-Betriebskosten die Gewinne aus Flugreisen.

"Man darf nicht vergessen, dass wir bei großen Maschinen zum Beispiel das komplette Sicherheitspersonal aufbieten müssen - die ganzen Vorkehrungen gehen richtig ins Geld", erklärt Galkow. Weitaus günstiger sei es da, lediglich kleinere Privatjets abzufertigen - für die gelten geringere Standards, so dass der Flughafen Personalkosten sparen kann.

Fluggesellschaften fordern Vergünstigungen

Staatliche Airports wie Kassel, Rostock, Frankfurt-Hahn oder Bremen stehen außerdem immer unter dem Druck von Politik und Öffentlichkeit, Flüge in den Süden um jeden Preis anzubieten. Fluggesellschaften wie Air Berlin, Lufthansa oder auch Ryanair können dadurch günstigere Gebühren fordern - oder aber von den Flughäfen verlangen, dass sie für die Plätze zahlen, die im Flieger leer bleiben. Folglich häufen sich schnell hohe Millionen-Verluste an - die wiederum über die Steuergelder ausgeglichen werden müssen.

Um nicht in die Kostenspirale zu kommen, will Cochstedt ab 2015 zwar wieder Reisen anbieten, etwa in die Arabischen Emirate oder nach Rom - doch künftig sollen die komplett in Eigenregie organisiert werden, und nur dann, wenn die Konditionen mit den Fluggesellschaften stimmen. "Wir haben ein eigenes Reisebüro aufgebaut, wir bieten künftig den kompletten Service an, da sich das Ganze sonst für uns nicht lohnt", erklärt Galkow.

EU will Subventionen der Länder kappen

Insofern scheint es, als hätte Cochstedt anderen Pleiteflughäfen etwas voraus: ein schlüssiges Konzept. Ob das aufgeht, wird sich jedoch erst in ein paar Jahren zeigen: "Experten gehen davon aus, dass man zehn Jahre braucht, bis ein Flughafen wie Cochstedt profitabel betrieben werden kann", erklärt Galkow. Das jährliche Defizit des Airports lag zuletzt bei zwei Millionen Euro, für das aber nun seit 2010 nicht mehr der Staat, sondern der dänische Betreiber Airport Development aufkommen muss.

Ab 2015 könnte das Unternehmen - falls alles doch viel schlechter kommen sollte - den Flugbetrieb auch komplett einstellen. Dem Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt zufolge musste Airport Development nämlich nur für die ersten fünf Jahre garantieren, dass Cochstedt ein Flughafen bleibt und nicht komplett zu einem Gewerbegebiet umfunktioniert wird. Galkow betont aber, dass niemand bei Airport Development die Notbremse ziehen will.

So manche Bruchlandung droht jedoch dem ein oder anderen staatlichen Flughafen ab 2024. Die Europäische Union will sich nämlich nicht mehr länger mit ansehen, wie die Politik Steuergelder in defizitäre Regionalflughäfen pumpt und will die Beihilfen per Kommissionsbeschluss kappen. Wenn am Ende also nicht die Schließung drohen soll, müssen zahlreiche Flughäfen ihre Kosten drastisch senken.

Beim Flughafen Rostock-Laage betrug das jährliche Minus 2013 2,65 Millionen Euro, das Land Thüringen bezifferte den Verlust für den Airport Erfurt-Weimar auf 3,8 Millionen Euro. Die Bilanz des jüngst in Hessen eröffneten Flughafens Kassel-Calden wies gar desas-tröse 6,8 Millionen Euro aus.

Und überhaupt: Experten gehen davon aus, dass deutschlandweit derzeit nur drei Flughäfen profitabel arbeiten, wenn staatliche Subventionen mal außen vor gelassen werden: Frankfurt am Main, München und die Berliner Flughäfen im Verbund. Letzteres ist mit Blick auf die Pannen-Baustelle BER kein Witz. Grundsätzlich ist das Passagieraufkommen in der Bundeshauptstadt so hoch, dass selbst mit dem BER die Flugkapazitäten kaum ausreichen.

Frankfurts Flughafenchef rechnet mit Schließungen

Der Frankfurter Flughafenchef Stefan Schulte hält es jedenfalls für möglich, dass ab 2024 mehrere kleine Regionalflughäfen schließen. Der Nachrichtenagentur DPA sagte er: "Wenn ein Flughafen dauerhaft rote Zahlen schreibt, kommen Sie doch zu der Frage, wer denn auf Dauer die Unterstützung gibt."

Nach Angaben des Flughafenverbands ADV verzeichnen knapp 30 Flughäfen in Deutschland weniger als fünf Millionen Reisende pro Jahr. Wie hart die EU-Vorgaben die deutschen Pleite-Airports treffen, sollte aber abgewartet werden. Denn bis zum Jahr 2024 dürfte noch so mancher Landeschef sich Argumente zurechtlegen, weshalb nun gerade sein Regional-Airport weiter mit Steuergeldern subventioniert werden sollte.

Frankfurts Flughafenchef empfiehlt, dass sich betroffene Airports lieber schon mal auf die Suche nach neuen Märkten machen sollten. Und in der Hinsicht hat der viel belächelte Flughafen Cochstedt seinen Wettbewerbern einiges voraus - auch wenn noch nicht klar ist, ob er ab 2020 Gewinne erwirtschaftet, wie es sich der dänische Investor erhofft.

 

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