Die am Freitag gestartete Magdeburger Aktionswoche rund um den Christopher-Street-Day erinnert alljährlich daran, dass für Homosexuelle noch viele Barrieren in Politik und Gesellschaft bestehen. Rainer Schweingel sprach darüber mit Stefan und Hendrik Grebe. Die beiden sind seit 10 Jahren miteinander verheiratet.

Volksstimme: Die CSD-Aktionswoche beginnt. Ein Grund zur Freude, weil sie immer mehr Zuspruch erfährt, oder ein Grund zum Ärgern, weil Homosexuelle noch immer für ihre Gleichberechtigung kämpfen müssen?

Hendrik Grebe: Das ist in der Tat ein Zwiespalt. Es ist gut, wenn auf die noch bestehenden Probleme aufmerksam gemacht wird. Die Woche zeigt ja auch, dass sich Homosexuelle zunehmend nicht mehr verstecken müssen, sondern offen damit umgehen.

Stefan Grebe: Ich freue mich auf die Woche. Es ist gut, dass es die gibt und sie räumlich mehr ins Zentrum rückt und von der Liebigstraße am "Hassel" auf den Alten Markt. Das ist ein weiteres Zeichen für mehr Offenheit und Toleranz.

Stichwort Offenheit und Toleranz: Wie ist es damit in Magdeburg bestellt?

Stefan Grebe: Aus unserer eigenen Erfahrung können wir sagen: Wir leben in dieser Stadt völlig normal und haben in Bezug auf unsere Homosexualität keine Probleme. Aber wir wissen, dass es nicht allen so geht und manche noch immer ein Doppelleben führen.

Hendrik Grebe: Ich stelle schon einen Wandel fest. Als wir vor zehn Jahren heirateten, wurde das ja auch von der Volksstimme begleitet und das Thema war für die meisten durch. Insgesamt sehe ich Magdeburg durchaus als tolerant und aufgeklärt. Man merkt das übrigens auch an kleinen Dingen. Früher gab es hier in Klubs viel mehr spezielle Partys für die sogenannte "Szene". Das hat stark abgenommen. Jetzt feiern alle zusammen.

Sie haben es schon erwähnt: Viele Homosexuelle führen noch ein Doppelleben und trauen sich nicht, über ihre Gefühle offen zu sprechen. Wie war das bei Ihnen?

Hendrik Grebe: Das war bei uns anfangs nicht anders. Bei mir gab es den entscheidenden Punkt, als ich Stefan kennen- und lieben gelernt habe. Da sind wir gemeinsam zu einer Familienfeier gegangen und haben gesagt: So, Mutti, ich bin schwul, und das ist mein Freund Stefan. Das war erstmal ein Schock für meine Familie, zumal in der selben Runde ein Bruder mitteilte, dass er seinen Job verloren hatte und der andere stolz verkündete, dass er Vater wird. Dann haben alle geheult und es war gut. Das ist inzwischen lange her und alle haben es akzeptiert.

Stefan Grebe: Bei mir war es ähnlich. Die Liebe zu Hendrik war der Auslöser. Für uns beide war es eine regelrechte Erlösung. Das Doppelleben hatte ein Ende. Das hat uns beide sehr erleichtert.

Was raten Sie anderen, die sich diesen Schritt noch nicht trauen?

Hendrik Grebe: Das ist schwer. Es gibt kein Rezept, jede Situation ist anders. Generell ist es wichtig, Leute um sich zu haben, denen man vertrauen kann und die einen in schwierigen Situationen beistehen.

Stefan Grebe: Das war ja auch bei uns der entscheidende Punkt. Leider ist es aber so, dass so mancher daran verzweifelt, damit nicht klarkommt und sich schlimmstenfalls etwas antut. Das kommt ja immer wieder vor. Wir appellieren deshalb: Bitte, bitte sucht vorher Rat bei Freunden oder Beratungsstellen. Kein Homosexueller muss sich wegen seiner Orientierung verstecken. Zu dieser Erkenntnis kommt man aber erst, nachdem man sein Coming-out hatte. Auf dem Weg dorthin sollte man sich Hilfe im Freundes- oder Familienkreis oder bei Beratungsstellen holen. Das Doppelleben ist viel bedrückender als der offene Umgang. Es ist doch schließlich unser Leben, von dem wir keinen Tag verschenken wollen.

Aber mal Hand aufs Herz: Treffen Sie im Alltag wirklich nicht mehr auf Schwulenfeindlichkeit?

Hendrik Grebe: Natürlich gibt es die noch. Ganz klar. Es wird schon mal getuschelt, wenn ich meinen Mann Stefan vorstelle und sage, er ist nicht mein Bruder, für den ihn viele halten. Aber wir nehmen sicher auch eine gewisse Sonderstellung ein, weil wir in Magdeburg seit langem offen damit umgehen.

Stefan Grebe: Wir wissen, dass es viele andere nicht so leicht haben. Deswegen ist ja auch der CSD so wichtig.

Sie sind beide erfolgreiche Geschäftsleute, führen zwei Hotels in Magdeburg, hatten vorher auch zwei Klubs. Wie erleben Sie die Geschäftswelt, zum Beispiel, wenn es um Kreditwürdigkeit geht für ein gleichgeschlechtliches Ehepaar?

Stefan Grebe: Das war nie ein Problem. Entscheidend ist ja das wirtschaftliche Konzept und auch die Bonität der Bürgen. Da spielt das keine Rolle, ob das mein Mann ist oder nicht.

Hendrik Grebe: Kurios ist nur, dass es für gleichgeschlechtliche Ehen keine Formulare gibt und da immer "Ehefrau" und "Ehemann" steht. Unsere Bank jedenfalls ist damit cool umgegangen, hat sich entschuldigt und alles per Hand geändert. Beim Finanzamt ist das übrigens ebenso. Wenn wir gemeinsame Post von denen erhalten, steht immer handschriftlich drauf. "Bitte entschuldigen Sie, dass wir noch keine passenden Formulare haben ..." Das ist doch nett.

Dennoch gibt es in der Gesellschaft viele, die mit Homosexualität so ihre Probleme haben. Die meisten sprechen das öffentlich nicht aus. Wie kann man dort aufklären?

Hendrik Grebe: Das geht nicht mit Gewalt. Man kann niemanden verdonnern, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die Aufklärung ist eine langer Prozess der Erkenntnis, der dauert.

Stefan Grebe: Noch vor 25 oder 30 Jahren wäre ein solches Interview wie das hier heute weder für uns und vielleicht auch für die Zeitung nicht so offen und entspannt möglich gewesen. Das zeigt, dass ein Wandel da ist. Wichtig ist auch, dass sich die sogenannte "Szene" auch nicht aufdrängt und die Berührungsängste ernst nimmt. Das ist auch ein Stück Toleranz, aber auf der anderen Seite.

Volksstimme: Würden Sie als verliebtes Ehepaar entspannt Hand in Hand durch jedes Stadtviertel in Magdeburg laufen?

Handrik Grebe: Es gibt ein paar wenige Ecken, die ich nicht nennen möchte, wo wir das nicht tun würden. Wir sind aber ohnehin kein Paar, das den ganzen Tag Hand in Hand rumlaufen muss. Das macht ja auch nicht jedes heterosexuelle Ehepaar. Grundsätzlich aber fühlen wir uns in Magdeburg wohl und sicher.

Wie reagieren eigentlich die Gäste in Ihren Hotels?

Hendrik Grebe: Die meisten merken ja gar nichts. Und wenn es doch mal zum Kontakt kommt und jemand fragt, wo ist eigentlich ihre Frau, dann stelle ich meinen Mann vor und dann ist es auch schon gut. Das trifft übrigens auch für unser Personal zu, denen auch allen die Situation klar ist und unter denen es natürlich auch schwule Mitarbeiter gibt wie anderswo auch. Ich glaube aber, dass vielleicht auch gerade deswegen ein durchaus gutes Klima bei uns herrscht.

Was muss sich politisch noch ändern in Deutschland?

Stefan Grebe: Wir sind schon ein gutes Stück vorangekommen. Aber es ärgert uns schon, dass die CDU viele Blockaden aufgestellt hatte und erst juristisch zum Beispiel die Steuerfragen für gleichgeschlechtliche Paare entschieden werden mussten. Auch beim Adoptionsrecht muss noch nachgebessert werden. Ein Stück Erkenntnis ist ja auch schon da. Der Magdeburger CDU-Fraktionschef ist ja jetzt erstmals einer der CSD-Schirmherren.

Was denken Sie, wenn Sie beispielsweise nach Russland schauen und dort die Situation der Homosexuellen sehen?

Das beschäftigt uns schon. Und wir haben höchste Achtung vor den Menschen, die für die Rechte der Schwulen und Lesben dort auf die Straße gehen und dafür Gefängnis riskieren. So ein Blick rüber zeigt aber auch, wie weit wir hier in Deutschland schon sind. Und das ist gut so.