Magdeburg l An dem Baubeginn in der Zollstraße im Oktober 2014 wird sich laut Thorsten Gebhardt nichts ändern. Die Arbeiten starten wie geplant im Süden von der Zollbrücke aus und werden Richtung Norden in Abschnitten von 150 bis 200 Metern fortgesetzt. Der Tiefbauamtsleiter und Julia Baedeker vom Planungsbüro Grün + Form standen am Montagabend den Werderanern noch einmal Rede und Antwort zu den geplanten Baumfällungen. 90 Linden auf dem Werder sollen für den Bau einer Hochwasserschutzwand ab Oktober fallen. Begründung der Stadt: Durch die Arbeiten würden die Bäume absterben. "Wir haben angenommen, dass das vorhandene Böschungspflaster als Hochwasserschutz ausreiche. Eine umfangreiche Untersuchung hat jedoch ergeben, dass der Zustand des Untergrunds schlechter als gedacht ist", erklärte Thorsten Gebhardt. Eine Spundwand soll die stark durchlässigen Bodenschichten unterhalb der geplanten Hochwasserschutzmauer abdichten. Durch das Einrammen der Spundwand werden elbseitig die Wurzeln von den Bäumen abgetrennt. Das führt zu Beeinträchtigungen der Nährstoff- und Wasserversorgung des Baumes sowie dessen Standsicherheit. "Der Radikalschnitt an den Kronen für die nötige Baufreiheit tut sein Übriges", so Gebhardt. Deshalb sollen die 90 Linden schon vor dem Baubeginn fallen und später durch 70 Kaiser-Linden ersetzt werden.

Während viele Anwohner das Konzept der Stadtverwaltung, die fachlichen Argumente und die Neupflanzung als einzige Möglichkeit zum Hochwasserschutz sehen, reagieren mehrere Bürger mit Unverständnis auf die geplante Lindenfällung. "Die Stadt hat nicht mal überprüft, welche der Linden erhalten werden könnten", sagte eine Anwohnerin. "Sie holzt einfach alle ab, um ein einheitliches Straßenbild zu erhalten." Das sei absolut unverständlich. "Es muss eine Einzelfallprüfung bei jedem Baum geben", fordert Christine Meier von der Interessengemeinschaft "Elbinsel Werder". Die Bäume weisen unterschiedliche Entwicklungen auf. Je nach Befund vor Ort könnte die Baumaßnahme angepasst werden. Einen kompletten Kahlschlag lehnt sie ab."Die Bäume werden nicht ohne Grund gefällt", versicherte Julia Baedeker vom Planungsbüro Grün + Form. Die Fachfrau geht davon aus, dass die Bäume trotz aller realisierbarer Schutzmaßnahmen die Baumaßnahme nur mit starken Schäden sowie mit erheblichen optischen Einbußen überstehen werden, die zeitnah zum Absterben der Bäume führen können. 40 Linden sind laut Baedeker bereits nachhaltig geschädigt und weisen Spannungsrisse am Stamm auf. "Mit den Neupflanzungen werden neue optimierte Baumstandorte geschaffen, die den Bäumen nachhaltig ausreichend Raum für die Wurzel und Krone geben, um sich vital entwickeln zu können", so Julia Baedeker. Die Landschaftsarchitektin machte auch deutlich, dass es in diesem Zusammenhang nicht um den einzelnen Baum gehe, sondern um eine Baumreihe, die in ihrer Gesamtheit gesetzlich geschützt sei. Dabei sei nicht von Belang, wie viel Bäume nachgepflanzt werden, sondern dass der Charakter der Baumreihe wieder hergestellt werde. Eine Umpflanzung des jüngeren Lindenbestandes sei vom Stadtgartenbetrieb Magdeburg aus gärtnerischer Sicht abgelehnt worden, teilte Baedeker zudem mit.

Aber ein Hoffnungsschimmer für den Erhalt der stattlichen Linden bleibt. Das Umweltamt hat die Fällung der Baum-Allee noch nicht genehmigt, wie Thorsten Gebhardt erklärte. Das Tiefbauamt habe aber eng mit dem Umweltamt während der Planung zusammengearbeitet, ergänzte Gebhardt.

Die Stadtratsfraktion der Grünen kritisiert unterdessen scharf die geplanten Baumfällungen in der Zollstraße und fordert zum Umdenken auf. Timo Gedlich von Bündnis90/Die Grünen verurteilte zudem, dass den Stadträten keine detaillierten Informationen zu den Plänen auf dem Werder vorlägen. "Der Oberbürgermeister ist - bisher - der Auffassung, dass es sich um ein `Geschäft im übertragenen Wirkungskreis` handelt, das in den Ausschüssen und im Stadtrat nicht behandelt werden müsse, da Hochwasserschutz eine Zuständigkeit des Landes ist", kritisierte Stadtrat Jürgen Canehl. Auch Oliver Müller von der Fraktion Die Linke/Gartenpartei machte seine Vorbehalte deutlich. Zu oft musste er die Erfahrung machen, dass bei Bauvorhaben die vorhandenen Bäume plötzlich krank wären und der Säge zum Opfer fielen. "Wir sind der Auffassung, dass jetzt zunächst ein unabhängiger Baumschutzgutachter den Zustand der 90 Linden zu untersuchen hat. Gemäß einer anerkannten von uns befragten Baumschutzgutachterin kann man zum Bau der Ufermauern die Wurzeln der Linden fachgerecht behandeln", erklärte Jürgen Canehl.

Thematisiert wurden die Werder-Linden auch im gestrigen Umweltausschuss. Ein Antrag von Timo Gedlich für ein weiteres Gutachten für den Erhalt der Linden scheiterte. Mehr lesen Sie in der morgigen Ausgabe