Immer vorher den Eigentümer fragen
Wer vom Obstbaum am Straßenrand oder auf einer Obstwiese nascht, begeht damit bereits Diebstahl - wenn auch in geringem Umfang.

Früher war ein solches Vergehen als "Mundraub" bekannt. Das gibt es im Strafgesetzbuch nicht mehr. Egal ob Apfel oder Armbanduhr - jeder entwendete Gegenstand wird heute als Diebstahl verfolgt (Paragraf 242 Strafgesetzbuch).

Werden Dinge von geringem Wert gestohlen (Grenze: etwa 50 Euro), werden Polizei und Staatsanwaltschaft in der Regel nur aktiv, wenn ein Strafantrag vorliegt.

Um beim Sammeln von Obst auf der sicheren Seite zu sein, rät die Polizei dazu, immer den Eigentümer ausfindig zu machen und um Erlaubnis zu fragen. Andernfalls droht juristischer Ärger.

Mehr Informationen: www.mundraub.org

Magdeburg l Landwirte in Sachsen-Anhalt klagen über Wanderer und Spaziergänger, die am Wegesrand Obst und Gemüse mitgehen lassen. "Bei uns werden pro Jahr diverse Tonnen an Ernte gestohlen", sagt André Stallbaum, der in Kürze den elterlichen "Scheunenladen" in Stendal übernimmt. "Das fängt bei kleinen Mengen an und hört bei Menschen auf, die ein ganzes Auto vollladen."

350 Hektar Land bewirtschaftet das Unternehmen, 50 Hektar davon mit Sonderkulturen wie Äpfel, Birnen, Kirschen und Spargel. Sie sind bei Dieben besonders beliebt - zum Ärger von Familie Stallbaum: "Der Warenwert, der bei uns entwendet wird, geht jährlich in die Tausende. Wenn Hunderte etwas mitgehen lassen, summiert sich das gewaltig."

Erst vor wenigen Tagen hat André Stallbaum wieder einen Dieb auf frischer Tat ertappt. "Und der Mann sagte doch tatsächlich frech zu mir, ich solle mich wegen der paar Kirschen nicht so anstellen. Das mache hier jeder", redet sich der Landwirt angesichts der Dreistigkeit richtig in Rage. "Da platzt mir echt die Hutschnur!"

"Der Mann sagte zu mir, ich solle mich wegen der paar Kirschen nicht so anstellen." André Stallbaum, Landwirt

Stallbaum hat den Dieb angezeigt - so wie es die Polizei empfiehlt. Doch gelöst wird das Problem der Landwirte damit oft nicht. "Die Sachen werden wegen Geringfügigkeit meistens eingestellt", sagt er. "Die Selbstbedienung geht weiter - trotz Einzäunung und privatem Sicherheitsdienst. Uns dürstet nach mehr staatlicher Hilfe."

Die Polizei kann den Ärger der Bauern verstehen. "Aber die Ermittlungen - oft gegen unbekannt - führen häufig leider zu keinem Ergebnis", räumt Polizeisprecher Marc Becher ein. Patrouillierende Feldstreifen wie beispielsweise in Baden-Württemberg gebe es in Sachsen-Anhalt nicht.

Becher sieht im Obstdiebstahl ein "gesamtgesellschaftliches Problem. Dass sich so etwas nicht gehört, ist eigentlich Sache einer guten Erziehung." Sein Tipp an Sammler: Immer zuerst den Eigentümer der Obstbäume ausfindig machen und vorher fragen. "Denn herrenlose Bäume gibt es mit Sicherheit nicht. Irgendwem gehören sie in Deutschland immer", sagt der Polizeisprecher.

Auf einigen Streuobstwiesen ist das Sammeln sogar regelrecht erwünscht. Viele Äpfel- und Birnenbäume gehören Gemeinden oder Landkreisen, die keine Ernte betreiben. "Wir freuen uns über fleißige Erntehelfer", sagt Steffi Trittel, Bürgermeisterin der Gemeinde Hohe Börde. Kindertageseinrichtungen und Schulen würden zunehmend Interesse daran zeigen.

Auch in Magdeburg, Wernigerode, im Altmarkkreis Salzwedel und im Salzlandkreis gibt es keine Vorbehalte gegen das Sammeln von Obst an Alleen und auf Wiesen, die Eigentum der Kommunen sind. "Grundvoraussetzung ist jedoch, dass dabei an Bäumen oder Flächen kein Schaden entsteht", sagt ein Sprecher der Stadt Magdeburg.

Doch wie sollen Obstsammler erkennen, ob ein Baum der Gemeinde oder einem Landwirt gehört? "Da hilft wirklich nur, in jedem Einzelfall bei der Kommune nachzufragen", erklärt eine Sprecherin des Umweltministeriums auf Anfrage der Volksstimme. Eine landesweite Übersichtskarte gebe es nicht.

"Dass sich Obstdiebstahl nicht gehört, ist eigentlich Sache einer guten Erziehung." Marc Becher, Polizeisprecher

Im Internet entsteht eine solche jedoch Stück für Stück seit Jahren - auf der Seite www.mundraub.org informieren sich Obstsammler gegenseitig über Fundstellen. Für Sachsen-Anhalt sind von Bismark bis nach Halle bereits hunderte Flächen eingetragen - mit dem ausdrücklichen Verweis auf die einzuhaltenden Eigentumsrechte.