Das Urteil in Kurzform
Ein Mitarbeiter eines Hamburger Krematoriums musste sich vor Gericht verantworten, weil er aus der Asche Verstorbener bis zu 31 Kilogramm Gold gesammelt und verkauft haben soll. Die Richter des Erfurter Bundesarbeitsgerichts entschieden, dass Zahngold ausschließlich in die Verwahrung des Krematoriums gegeben werden darf und sich dessen Mitarbeiter nicht daran bereichern dürfen. Tatsächlich gelten Zahngold, Prothesen und künstliche Gelenke als herrenlos, sobald die Verstorbenen eingeäschert wurden. Sachsen-Anhalts Krematorien sichern sich deshalb meist ab, indem Angehörige die Totenfürsorge für die künstlichen Gelenke auf das Krematorium übertragen. Die Einrichtungen können die Metallreste dann verkaufen und die Einnahmen nach eigenem Ermessen im Betrieb verwenden. Angehörige haben zwar das Recht, die Gelenke zurückzufordern, müssen diese aber laut Landesbestattungsgesetz mit der Urne beerdigen.

Magdeburg l Tatsächlich denken die wenigsten Hinterbliebenen daran, dass im Körper von Verstorbenen wertvolle Edelmetalle sind. Laut einer Studie des Bestatterverbandes aus dem Jahr 2011 bleiben durchschnittlich 80 Euro bei jeder Einäscherung zurück, in Form von Silber, Gold, Platin und Palladium.

Wem die Metalle gehören, war bisher umstritten. Nach geltendem Recht werden Zahngold und künstliche Hüftgelenke nach der Verbrennung herrenlos. Mit dem Erfurter Urteil dürfen Krematorien das zurückbleibende Zahngold nun verwahren und verwerten. Volksstimme-Recherchen haben ergeben, dass die Einrichtungen in Sachsen-Anhalt unterschiedlich mit den edlen Hinterlassenschaften der Toten umgehen.

"Wenn bei einer Einäscherung künstliche Gelenke oder andere Metallteile zurückbleiben, sortieren wir sie aus, bevor die Asche des Toten gemahlen wird", erklärt Volker Klose, Inhaber eines Krematoriums in Stendal. Edelmetall von Hüftgelenken oder Nägeln im Körper werden zweimal im Jahr einer Firma übergeben, die es aufbereitet und wiederverwertet. Zahngold wird in Kloses Unternehmen nicht gesammelt. "Das schmilzt bei den Temperaturen und ist dann sehr fein", sagt er. So hält es auch das Schönebecker Krematorium. Hans-Joachim Aue, einer von drei Geschäftsführern, erklärt: "Auf Wunsch übergeben wir den Angehörigen die Metallreste, die müssen aber mit der Urne beerdigt werden." Er verweist auf das Bestattungsgesetz Sachsen-Anhalts.

Sowohl Kloses als auch Aues Betrieb erzielen bis zu 4000 Euro im Jahr mit den Metallen aus den Toten. Geld, das beide Unternehmer spenden. "Das Geld geht auf ein Sonderkonto und wird im Betrieb nicht verwendet", sagt Aue. "Gemeinsam mit den anderen Geschäftsführern stimmen wir ab, wofür gespendet wird." Operationen, Kirchenfenster und Vereine haben so schon unterstützt werden können.

Anders beim Krematorium in Eisleben. Es ist ein Eigenbetrieb der Stadt. Dessen Leiter René Koschei ist sich bewusst, wie heikel das Thema ist. Er erklärt: "Es ist vor allem moralisch problematisch. Deshalb sammeln wir kein Gold aus der Asche Verstorbener." Jedoch große Metallreste werden in dem Eisleber Betrieb gesammelt, sorgen so für Einnahmen in Höhe von 500 Euro im Jahr. "Das Geld geht an die Stadtkasse zurück", sagt Koschei. "Damit werden die Gebühren für Beerdigungen gesenkt."

Probleme hätten Angehörige damit meist keine, Geschäftemacherei sähen sie darin nicht. "Die Hinterbliebenen werden von uns aufgeklärt, wie wir mit den Metallresten umgehen. Viel wichtiger sei für sie zu wissen, wie mit den Toten umgegangen wird und wie der Prozess abläuft, wenn ein Mensch eingeäschert wird, sagt Koschei.