Magdeburg l Kein Wasser, kein Strom, keine Heizung, verwahrloste Treppenhäuser und überall Müll. Trotzdem zahlt Bärbel Dittmar (49) 290 Euro Miete im Monat. Die Magdeburgerin bekommt das Geld vom Jobcenter und überweist es nach eigenen Aussagen regelmäßig auf ein Konto der Vermieterin Thi Thu H.-V. aus Leipzig. Teil ihres Mietvertrages ist ein dubioses Zusatzdokument, das Dittmar leichtfertig unterschrieben hat. Darin steht, dass sie über den Zustand des Hauses informiert sei und sich bis zur Sanierung selbst helfen müsse. Wann saniert wird, steht in diesem Zusatzdokument nicht. "Ich habe das ein bisschen leichtfertig unterschrieben", sagt Dittmar.

Die Magdeburgerin ist eine von acht, vielleicht neun verbliebenen Mietern am Westring. So genau weiß das keiner. Auch am gestrigen Freitag lehnte Vermieterin Thi Thu H.-V. Nachfragen diesbezüglich ab. "Bitte rufen Sie nicht mehr an", sagte sie. Unter den Bewohnern gehen die Aussagen ebenfalls auseinander, wie viele Mieter noch in dem Plattenbau leben. Fest steht: Vier Bewohner, mit denen die Volksstimme sprechen konnte, gaben an, ihre Miete vom Jobcenter zu bekommen.

Stadtverwaltung ging von unbewohnter Immobilie aus

Ende Juli war bekannt geworden, wo die Stadtverwaltung ab Oktober Wohnungen für Asylbewerber schaffen will. Einer von zwei Standorten: der Westring-Plattenbau mit vier Eingängen und ungefähr 50 Wohnungen. Dass in der Immobilie noch Leute wohnen, hat die Stadtverwaltung am Tag nach der Veröffentlichung des Oberbürgermeister-Beschlusses aus der Zeitung erfahren. Unterrichtet über die katastrophalen Zustände rückten Mitarbeiter des Gesundheits- und Veterinäramtes, des Sozialamtes und des kommunalen Gebäudemanagements an. Sie konnten allerdings keine Gefährdung erkennen. Dann passierte weiter nichts.

Wie die Volksstimme inzwischen erfuhr, hätte die Beschlussvorlage noch gar nicht veröffentlicht werden sollen. Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) wollte sich auf Nachfrage nach der Rückkehr aus seinem Urlaub nicht persönlich äußern. Schriftlich teilte er mit, dass alle weiteren Einzelheiten der Sozialbeigeordnete Hans-Werner Brüning (Linke) beantworte. In der Rathausspitze ist man verstimmt, weil die Beschlussvorlage auf Verlangen Brünings veröffentlicht worden sein soll und man davon ausgegangen sei, dass die Immobilie unbewohnt und zum 1. Oktober bezugsfertig ist.

Doch auch Hans-Werner Brüning versichert, falsch informiert worden zu sein. Er sagt, dass ihm das Haus bereits im Mai vom Ingenieur-Büro Rolf Onnen angeboten worden sei. Der Magdeburger Architekt sei im Namen der Leipziger Vermieterin aufgetreten. "Die Frage, ob es noch - gekündigte, aber wohl geduldete - Bewohner gibt, war für das avisierte Vertragsverhältnis beginnend zum 1. Oktober nicht relevant, zumal Herr Onnen versicherte, dass das Gebäude vollständig saniert und unbewohnt zur Miete angeboten wird."

Vermieter macht das "Geschäft seines Lebens"

Die Mieter jedoch gaben an, nie eine Kündigung erhalten zu haben. Schriftliche Nachfragen diesbezüglich beim Immobilienbüro Onnen Onnen sind seit 14. August unbeantwortet. Brüning versicherte, dass die Bewohner derzeit Angebote für andere Wohnungen erhalten würden. "Es handelt sich um privat-rechtliche Mietverhältnisse, die also auch auf privat-rechtlichem Weg beendet werden", so Brüning weiter.

Heftige Kritik an der Westring-Posse kam unter anderem vom Mieterverein Magdeburg. Geschäftsführerin Sigrid Kubica zeigt sich schockiert, dass hier ein Wohnblock offensichtlich seit Jahren wissentlich heruntergewirtschaftet wurde und der Eigentümer nun mit der langfristigen Vermietung des Blocks an die Stadt auch noch "das Geschäft seines Lebens mache". Nach mehreren Berichten, auch des MDR, über die Zustände im Chaos-Haus, hat die Stadt die Westring-Entscheidung zurückgezogen und sucht nun nach Alternativen. Unter anderem werde laut Brüning gemeinsam mit der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) die "Wiederinbetriebnahme" geeigneter Gebäude geprüft.

Bärbel Dittmar sagte der Volksstimme, dass sie im September ihre Mietzahlungen einstellen werde und sich nun nach einer geeigneten Wohnung umsehe. "Bei mir scheitert es aber leider schon oft an der Kaution, die ich mir als Aufstocker nicht leisten kann", sagte sie.

   

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