Kamern/Schönfeld/Neukamern l "Sie fliegen wieder", begrüßt Manfred Körtge seine Gäste. Stolz berichtet der 77-Jährige von seinen neuen Bienenvölkern, die im Garten nun wieder ein festes Zuhause haben. Als er und seine Frau Irmgard nach der Flut im Juni vorigen Jahres nach der Evakuierung wieder in ihr Haus am Ortseingang von Schönfeld zurückkehrten, erwartete sie ein katastrophaler Anblick in Haus und Garten. Der Schock: Die Bienen sind alle tot. In den sogenannten Schrankbeuten sind sie jämmerlich ertrunken. Oder verkohlt. Denn in ihrem Todeskampf erzeugen sie eine große Hitze. Für den Schönfelder, der seit Jahrzehnten Honigbienen hat, bei all den anderen Schäden und Problemen, die die Flut mit sich gebracht hat, ein herber Verlust.

Das erkennt auch Andreas Velten sofort, als er Körtges in den Wochen nach der Flut unangemeldet besuchte und ihnen einen Spendenscheck überreichte. Er unterhielt sich lange mit dem Ehepaar, besah sich die Schäden an Haus und Garten. Erst später fragte Manfred Körtge, ob das Geld zwingend für Schäden am Haus genutzt werden muss und erzählt von seinen Bienen. Natürlich durfte er die Spenden für neue Magazine verwenden, in denen sich nun vier Völker mit rund 100.000 Buckfastbienen tummeln. Sein Sohn ermunterte ihn dazu, es mit dieser aus dem englischen Buckfast stammenden Honigbiene zu probieren. Zusammen setzten sie sich Weihnachten hin und suchten alles aus, was für den Neuanfang der Imkerei erforderlich war.

"Die viele Hilfe hat uns gut getan und Mut gemacht"


Monatelang lief der Trockner im Haus von Körtges. Sehr früh hatten sie mit der Renovierung angefangen. Alle Fußböden mussten raus, die Wände halbhoch erneuert, eine ganz neu gebaut werden. "Wir haben versucht, so viel wie möglich zu retten. Doch letztendlich mussten wir auch die Waschmaschine neu kaufen. Die Reparatur des Motors hat nicht gereicht", erzählt Irmgard Körtge und berichtet von der großen Hilfe, die ihnen zuteil wurde. Was unbürokratische Hilfe ist, hätten ihnen die Spenden von Rotary und den Maltesern gezeigt. Aufreibender waren die Anträge an die IB-Bank. Als sie noch einen Nachtrag benötigten, mussten noch mal alle alten Rechnungen eingereicht werden. "Das hat mehr an den Nerven gezehrt als die Flut", sagt Manfred Körtge. "Judith Liban war uns bei der Bearbeitung der Anträge sehr behilflich", sind die Senioren dankbar. Aber auch allen anderen für die kleinen und großen Hilfen. Irmgard Körtge berichtet zum Beispiel von ihren ehemaligen Kolleginnen aus der Sparkasse in Havelberg, die mit Kartoffeln, Johannisbeeren, Äpfeln, Kartoffeln, Tomatenpflanzen und Blumen immer wieder für Freude sorgten. Und auch von der Hilfe von Leuten aus dem Dorf und der Feuerwehr. "Das hat uns gut getan und uns Mut gemacht."

Im Garten grünt und blüht es wieder, alles musste neu gepflanzt werden. Ein abgestorbener Apfelbaum steht als Mahnmal. "Wir hatten sonst so viele Äpfel, dass es für unsere vier Kinder für Säfte gereicht hat", sagt Irmgard Körtge. Dass sie noch nicht mal schnell vom Strauch eine Stachel- oder Johannisbeere naschen konnte, hat ihr in diesem Jahr auch gefehlt.

Familie Senst brauchte neue Elektroanlage

Dankbar für die spontane Hilfe war in Neukamern im vorigen Jahr auch Familie Senst. Andreas Velten, der sich bald nach der Flut aufs Motorrad gesetzt hatte - mit dem Auto wäre er noch nicht überall hingekommen -, um zu sehen, wo Spenden am dringendsten gebraucht werden, hatte erfahren, dass das in den Keller eindringende Wasser die Elektroanlage zum Schmoren gebracht hatte. Nicht nur im Keller war alles schwarz, der Ruß zog sich durchs ganze Haus. "Selbst unsere schneeweiße Katze war schwarz", erinnert sich Willy Senst. "Das war das erste Projekt, das wir gefördert haben. Hier musste schnell geholfen werden, damit die Familie wieder Strom hatte", sagt Andreas Velten. Willy Senst: "Das war echt toll, er war wie ein Engel für uns. Wir wussten doch nicht, wo hinten und vorne ist." Gut 1,20 Meter stand das Wasser im Keller. Der Trockner lief noch bis vor kurzem. Der Kraftanschluss ist jetzt in Höhe der Kellerfenster angebracht, alles andere noch weiter oben im Treppenhaus. 70.000 Euro Schaden hatte die Flut bei Familie Senst angerichtet.

Von einer ähnlichen Summe sprechen auch Röschs, die gleich gegenüber in Neukamern wohnen. Der Ort war im Juni 2013 zur Insel geworden, nachdem das Deichbruchwasser aus dem rund 30 Kilometer entfernten Fischbeck gen Norden Richtung Havel strömte. Gerade erst zehn Tage wohnen sie wieder in ihrem Haus, als am Mittwoch der Besuch vor der Tür steht. "Wir hätten nie gedacht, dass wir hier alles neu machen müssen", sagt Falko Rösch. Zunächst war er davon ausgegangen, dass es reicht, nur teilweise den Fußboden zu erneuern. Doch über einen teilunterkellerten Bereich hatte sich das Wasser seinen Weg gesucht. Letztendlich blieb nur noch die Hülle des Hauses stehen. Alles musste raus, der Schimmel hatte sich die Wände hochgefressen. "Nur die Treppe und der Kamin blieben stehen. Auf den habe ich aufgepasst", sagt Bärbel Rösch. Der Kamin wurde einst aus dem von 1936 stammenden Kachelofen errichtet. Heute ist er das verbliebene Stück Erinnerung an das geliebte alte Heim. "Wir haben alles selbst Schritt für Schritt aufgebaut. Mit fünf Kindern war ja nicht alles gleich machbar. Mal gab`s eine neue Garderobe, mal einen neuen Stuhl", denkt Bärbel Rösch zurück.

"Wofür ist denn dieser Lichtschalter", fragt Falko Rösch und macht deutlich, dass noch vieles ungewohnt ist, in dem schmucken neuen Haus, das noch nicht wieder das ihre ist. "Wir müssen es uns hier noch richtig gemütlich machen", sagt Bärbel Rösch und freut sich, dass ihr Mann nun langsam wieder zu sich selbst findet. Viel Stress war in den vergangenen Monaten auszuhalten. Froh sind sie, dass ihr Sohn Sven den ganzen Bau in seine Hände genommen hat. Dabei war seine vorn auf dem Grundstück gelegene Tischlerei bis zu 60 Zentimetern hoch geflutet. Zum Glück blieb aber sein höher gelegenes Wohnhaus verschont. Dort wohnten auch seine Eltern während der Bauphase.

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"Bis Weihnachten muss alles fertig sein"


Mit der Schadensregulierung durch die Investitionsbank sind Röschs ganz zufrieden. Und ebenfalls dankbar für die viele Hilfe, die sie von verschiedenen Seiten erhalten haben. Sven Rösch läuft allerdings die Zeit davon, um alle Unterlagen bei der IB zur Abrechnung bis 30. September einzureichen. Ein Zwölf-Stunden-Tag von Montag bis Sonnabend ist Normalität zurzeit. "Der einzige Vorteil ist, dass ich jetzt aufgrund der vielen Aufträge in der Region nicht mehr auf Montage fahren muss", sagt der Handwerker.

<7>"Bis Weihnachten muss alles fertig sein, dann will ich nichts mehr von all dem hören", macht Falko Rösch deutlich, dass es immer noch genug Arbeit auf dem Grundstück gibt und die Flut und ihre Folgen noch immer allgegenwärtig sind. Noch fehlt dem Ehepaar dieses Gefühl, "dass das hier Unsers ist", sagt Bärbel Rösch.

"Ich würde alles wieder genauso machen wie im vorigen Jahr, als die Flut kam, vermutlich würde ich mich aber nicht evakuieren lassen", ruft Sigrid Butscher noch mal in Erinnerung, was ihr am späten Abend des 13. Juni und den Tagen danach geschah. Wie ein Tsunami rollte die Flutwelle auf ihr Haus an der Ecke Chausseestraße/Schulsteig in Kamern zu. Mit ihrer Hündin Alia fand sie in Schollene Unterschlupf. Doch schon am nächsten Tag machte sich die Seniorin zu Fuß durchs tiefe Wasser auf den Weg zu ihrem Haus, um zu sehen, wie es ihren Enten, Hühnern, Wellensittichen, Katzen und Fischen geht. Nicht alle Tiere hatten überlebt. Das Haus stand meterhoch im Wasser, auch im Garten war alles geflutet.

<8>Schon bald kehrte sie ganz zurück in ihr Haus, campierte in der oberen Etage zwischen Campingkocher, Büchern, Koffern und Kisten. Dass sie kein Strom hatte, störte sie weniger. Die überaus agile Frau, die so schnell wie möglich auch wieder die Volksstimme in Kamern zustellte, hat sich nie den Mut nehmen lassen. Über Arno Brandt organisierte sie sehr schnell die Handwerker in ihrem Haus. Ihre Kinder halfen viel und auch sie bekam Hilfe und Spenden. Eine Elementarversicherung hatte sie - wie so viele andere Flutopfer - nicht. Weder mit Hochwasser noch mit Erdbeben oder Vulkanausbruch hätte die 72-Jährige jemals gerechnet. Gut 100.000 Euro beträgt der Schaden, 80 Prozent hat die IB übernommen.

"Ich bin sehr zufrieden mit der Abwicklung, ich kann mich nicht beklagen. Das alles genau überprüft wird, ist doch richtig", findet sie. In ihrem großen Garten grünt und blüht es schon wieder prächtig. "Ich habe da jeden Tag gewirbelt." Im Teich schwimmen wieder Fische, Wellensittiche zwitschern in der Voliere. Auf dem Hof hinten gibt es auch bei ihr noch viel Arbeit. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen und will auch nicht jammern. "Man muss sich doch kümmern", ist ihre Devise. "Beim nächsten Mal würde ich nur versuchen, mehr zu retten", findet sie noch etwas, was sie anders machen würde.

   

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