Magdeburg (dpa) l Malte Ahrens steht an der Haltestelle Leiterstraße. Der Statistik-Student wartet auf die Magdeburger Straßenbahn-Linie 10 Richtung Sudenburg. Er fährt aber damit nicht zur nächsten Vorlesung. Die Bahn ist sein Arbeitsplatz. 13.19 Uhr ist für ihn Schichtbeginn. Bis 21.30 Uhr fährt er im Wechsel die Linien 1 und 10. Es ist seine Lieblingsstrecke.

Seit mehr als einem Jahr fährt der 24-Jährige Straßenbahn. "Es ist wie beim Auto. Man muss vorher einen Führerschein machen", erklärt er. Bevor er den Herkules, wie der feuerrote Fahrschulwagen der Magdeburger Verkehrsbetriebe liebevoll genannt wird, fahren durfte, standen Theoriestunden auf dem Plan. Nach zweieinhalb Monaten hatte er den Führerschein.

Während seine Kommilitonen im Supermarkt arbeiten oder in einer Bar kellnern, darf Malte durch ganz Magdeburg Straßenbahnen fahren. "Durch mein Panoramafenster habe ich die beste Aussicht auf die Straßen Magdeburgs und bin immer draußen", scherzt er.

Studierende als Straßenbahnfahrer haben in Magdeburg Tradition. "Bereits zu DDR-Zeiten unterstützten Aushilfsfahrer das Unternehmen", sagt der Sprecher der Magdeburger Verkehrsbetriebe, Tim Stein. 18 Studenten sind derzeit im Einsatz.

Malte hatte sich schon zu Beginn seines Studiums bei der MVB beworben - ohne Erfolg. Als er dann hörte, dass die Verkehrsbetriebe wieder Studierende suchen, nutzte er seine Chance und ergatterte den Studenten-Job der besonderen Art. "Wann kommt man noch mal in seinem Leben dazu, eine Straßenbahn zu fahren?", sagt Malte.

An seine erste Straßenbahnfahrt erinnert er sich noch genau. "Am Anfang war es ganz ungewohnt, mit so viel mehr Tonnen Gewicht als beim Auto zu fahren", berichtet der Student.

Aushilfsfahrer schultern hohe Krankenstände

Etwas Angst hatte er aber erst, als er mit Fahrgästen in der Bahn fahren musste. "Mit der Fahrschule kann man eine Vollbremsung machen, mit Fahrgästen kann das zu Verletzungen führen, gerade bei den älteren Gästen", erklärt Malte. Deshalb sei es besonders wichtig, immer vorausschauend zu fahren. Pünktlichkeit ist Maltes ständiger Begleiter. "Wenn ich nicht pünktlich zur Übergabe komme, dann freut sich mein Kollege, weil er dann weiterfahren muss." Auch an den Endhaltestellen muss er penibel darauf achten, pünktlich loszufahren. Und nur an den Endhaltestellen gibt es eine Toilette für die Fahrer. Mal kurz auf Toilette gehen während der Fahrt? Das geht nicht.

Doch Malte stört das nicht. Bis zu 80 Stunden darf er maximal im Monat arbeiten und er ist dabei völlig flexibel, weil er selbst entscheiden kann, wann er fährt. Bei seinem früheren Job im Supermarkt ging das nicht. Sein Verdienst hängt davon ab, wie viel er fährt. Monatlich erhält er durchschnittlich 800 Euro - ein Nebenverdienst, von dem manch Kommilitone träumt. Ein billiger Aushilfsfahrer ist er für die MVB trotzdem nicht. "Ich werde nach Tarif bezahlt", sagt Malte. Doch warum gibt es überhaupt Studierende als Arbeitskraft? "Die MVB setzen Aushilfsfahrer ein, um Sonderverkehre wie sportliche Großveranstaltungen oder saisonbedingte übermäßig hohe Krankenstände schultern zu können", erläutert Verkehrsbetriebe-Sprecher Stein.

Auch zu schwierigen Gästen ist Malte freundlich. "Es sind alles Kunden. Man kann sich seine Gäste ja nicht aussuchen", sagt er. Belustigend findet er einige angetrunkene Fahrgäste im Nachtverkehr. "Sie schlafen in der Bahn ihren Rausch aus. Ich muss sie an der Endhaltestelle wecken. Wenn ich losfahre, steigen sie wieder ein", berichtet der junge Straßenbahnfahrer. Noch bis zum Ende seines Statistik-Studiums möchte Malte den Hebel der Straßenbahn steuern.