Magdeburg l Für die Feuerwehrleute im schleswig-holsteinischen Rohlstorf endete erst vor wenigen Tagen ein Rettungseinsatz in einem Desaster. Die Einsatzkräfte trafen an einem verunglückten Auto ein, das komplett in Flammen stand. Für den Fahrer kam jede Hilfe zu spät. Was die Retter nicht erkannten: Das Fahrzeug hatte einen Flüssiggastank. Er explodierte während der Löscharbeiten. Zehn Feuerwehrmänner erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Der stellvertretende Vorsitzende des Landesfeuerverbandes in Kiel sagte später den Lübecker Nachrichten: "Sie hatten überhaupt keine Chance, die Explosion vorherzusehen." Der Ford Focus habe sich in keiner Weise von einem Benziner oder Diesel unterschieden.

"Von außen sind die Gefahren nicht immer sofort zu erkennen." - Gottfried Steppan, Lehrbereichsleiter Einsatz im Feuerwehr-Institut

Für Gottfried Steppan, Lehrbereichsleiter Einsatz am Institut für Brand- und Katas-trophenschutz in Heyrothsberge (Jerichower Land), ist dies ein besonders krasser und höchst seltener Fall: "Er zeigt aber auch unser Problem. Von außen sind die Gefahren nicht immer sofort zu erkennen."

Im Notfall muss die Feuerwehr auch die Karosserie mit hydraulischem Rettungsgerät aufschneiden. Doch wo sitzen bei den immer kompakteren Fahrzeugen die Batterie, wo die Kabel, wo der Gasgenerator für das Zünden der Airbags? Die Suche nach den Antworten kostet vor allem Zeit, die im Notfall aber niemand hat.

Hinzu kommen neue verbaute Werkstoffe, wie beim Elektroauto BMW i3. Zum großen Teil besteht seine Karosserie aus Karbon. Dieses kann zwar dem schweren Schneidwerkzeug wie auch herkömmliches Metall kaum etwas entgegensetzen, doch eine andere Gefahr lauert hier. "Das Karbon zerbröselt. Die Einsatzkräfte müssen sich mit Staubschutzmasken vor dem feinen krebserregenden Staub schützen", erklärt der Experte.

Bei Elektroautos kommt das Hochvoltsystem (Betriebsspannungen bis 1000 Volt) dazu. Dieses sollte sich zwar nach dem Auslösen des Airbags wenige Sekunden später von selbst abschalten, doch nicht jeder Unfall löst auch die Airbags aus. Die Trennstellen für die Stromversorgung sind von Auto zu Auto zudem unterschiedlich. "Der Motor ist bei solchen Autos ohnehin nicht mehr zu hören", so Steppan.

"Wir stehen angesichts der Entwicklung vor neuen Herausforderungen." - Frank Mehr, amt. Leiter des Institutes für Brand- und Katastrophenschutz

Angesichts dieser Entwicklungen plane das Institut ab nächstes Jahr spezielle Fortbildungsseminare für Führungskräfte zur Rettung aus Fahrzeugen mit alternativen Antrieben. "Wir stehen angesichts der Entwicklung vor neuen Herausforderungen", meint auch der amtierende Leiter des Instituts, Frank Mehr. Die Automobilindustrie unterstütze die Feuerwehren bei ihrer Arbeit, bescheinigen die Experten.

Ein Projekt sind elektronische Rettungskarten für die Leitstellen (Notruf 112). Das System, das im Auftrag der Automobilverbände entwickelt wurde, macht es möglich, den Rettungskräften schon bei der Anfahrt zum Unfallort über die Gefahren zum speziellen Auto zu informieren. Durch eine Zusammenarbeit mit dem Kraftfahrtbundesamt können die autorisierten Leitstellen über eine Software das Kennzeichen des verunglückten Autos eingeben und erhalten umgehend alle nötigen Informationen zum Fahrzeugtyp und einen Lageplan (Bild links) der wichtigen Bauteile auf den Bildschirm. Dies wird dann an die Einsatzkräfte vor Ort weitergeleitet. Programmiert hat das System die Deutsche Automobil-Treuhand (DAT).

"Das System ist einfach und mit 72 Euro im Jahr sehr preiswert." - Martin Endlein, Sprecher der Deutschen Automobil-Treuhand (DAT)

Allerdings setzt es sich nur langsam in Deutschland durch. Bundesweit sind 80 der etwa 250 Leitstellen damit ausgerüstet. Sachsen-Anhalt ist nicht dabei. Nur das Institut in Heyrothsberge hat über die DAT eine Demoversion für Ausbildungszwecke erhalten. DAT-Sprecher Martin Endlein kann sich die Zurückhaltung nicht erklären: "Es ist einfach und mit 72 Euro im Jahr für zehn Arbeitsplätze sehr preiswert."

Magdeburgs Feuerwehrchef Helge Langenhan: "Das System steckt noch in den Kinderschuhen, wir werden die Entwicklung aber beobachten." Schon jetzt haben die Einsatzwagen technische Datenblätter zu allen wichtigen Modellen an Bord. Diese können anhand des Fahrzeugtyps abgerufen werden. Spätere Nachrüstungen zum Beispiel sind dort gar nicht eingezeichnet.

Bilder