Stendal/Tangerhütte/Delta l Am Telefon kann er gar nicht aufhören zu erzählen. "Diese Natur hier ist einmalig", schwärmt er. "Man steht vor der Haustür und trägt Sommerklamotten und auf den Bergen dort oben liegt Schnee. Wenn man einen Ausflug in die Berge machen will, sollte man also immer Sommer- und Winterkleidung im Gepäck haben." Auch die aufgeschlossene Mentalität der Kanadier findet der gebürtige Tangerhütter toll. Und die Tiere, die scheinbar furchtlos in den Wohnsiedlungen umherschweifen. Bären und Pumas sind hier keine Seltenheit, aber immer ein Grund, um auf der Hut zu sein. Dann wären da noch die Seen und die Wälder. Er kann gar nicht aufhören, von seiner neuen Heimat zu schwärmen.

"Am Anfang war ich schockiert." - Sandra Till

Knapp eine Stunde dauert das Gespräch mit Stephan Till (39). Er ruft aus Delta an, einer Stadt, die ganz in der Nähe von Vancouver liegt und seine neue Heimatstadt ist. Vor knapp acht Jahren hat er sein Leben in Deutschland aufgegeben, um mit seiner Familie in Kanada zu leben. Mit dem Umzug hat er sich einen Kindheitstraum erfüllt. "Ich weiß gar nicht, woher dieses Kanada-Fieber kommt", erzählt er. "Es war schon immer da."

Dabei schien es am Anfang gar nicht so einfach. Vor allem zwei Probleme haben an dem Tangerhütter genagt: Wann ist der richtige Zeitpunkt und wie sage ich es meiner Familie? Lösung eins schien die einfachere. "Ich habe mir vorgenommen, nach der Schule erst eine Ausbildung abzuschließen und hier in Deutschland auch erste Arbeitserfahrungen zu sammeln. Man braucht ja eine Grundlage, wenn man auswandert, sowohl finanziell als auch ausbildungstechnisch. Man kann nicht einfach so drauflos ziehen."

Stephan Till lernte Metzger und machte auch seine Meisterausbildung, wie sein Vater Klaus. Auf diesem Standbein wollte er in Kanada aufbauen. Doch dann kam das schwerste: "Über eine Anzeige wurde ich auf eine Stelle in einer Fleischerei in Kanada aufmerksam. Ich habe mich beworben und eine Zusage bekommen. Jetzt musste ich es also meiner Familie sagen."

Für seine Eltern war es ein Schock. "Kanada ist so weit weg", sagt seine Mutter Sigrid Till. "Dabei waren wir eigentlich immer so eng verbunden." Doch er sei nicht mehr zu halten gewesen, erzählt sein Vater Klaus. Was soll`s, solange er glücklich ist, sei alles in Ordnung.

Glücklich ist Stephan Till auf jeden Fall. Damit muss er seine Frau Sandra angesteckt haben. "Am Anfang war ich schockiert. Alles aufzugeben, ist ja nicht so einfach. Wir haben ja nicht mal Möbel mitgenommen. Wir haben alles verkauft und verschenkt. Mehr als unsere Klamotten hatten wir nicht mit."

Stephan, der bereits ein Jahr früher als seine Familie nach Kanada gezogen ist, hat indes alles vorbereitet, eine Wohnung gesucht, eine Schule für Florian, Kontakt zu Nachbarn und Behörden aufgenommen und alle Formalitäten erledigt, um seine Familie nachholen zu können. Aller Anfang war schwer, vor allem für Sohn Florian, der zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt gewesen ist und überhaupt kein Englisch sprach. "Die erste Zeit hat er sehr oft geweint, weil er hier niemanden verstanden hat." Mittlerweile spricht Florian perfekt Englisch, "fast ohne Akzent", erzählt der stolze Papa. Auch Sandra und er selbst haben gebüffelt, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. "Jetzt kommen wir richtig gut klar. Wir haben viele Freunde gefunden, übrigens auch viele Deutsche", erzählt er.

"Die Kanadier lieben die thüringische Bratwurst." - Stephan Till

Seit knapp zwei Jahren hat sich die kleine Familie, die mittlerweile mit der dreijährigen Tochter Emily zu viert ist, selbstständig gemacht. Als Metzgermeister hat Stephan sein eigenes Geschäft eröffnet, "mit Wurst nach original deutschem Rezept von Papa", erzählt er. Das Geschäft läuft gut. "Besonders gern kaufen die Kanadier thüringische Bratwurst. Und Leberkäse. Das ist schon verrückt."

Und wie sieht es aus mit Heimweh? "Wir haben sehr viel Kontakt nach Hause. Dank Facebook und Skype (Video-Telefonie) ist das kein Problem. Nur reisen können wir nicht so oft. Für vier Personen ist das teuer." Auch für seine Eltern sind die neuen Medien eine große Hilfe. "Mein anderer Sohn Ronald hat dafür gesorgt, dass ich einen Laptop bekomme und mir beigebracht, wie man skypt und mit Facebook umgeht", erzählt Sigrid Till. Seitdem kann sie mit ihren Kindern und Enkelkindern in Kanada täglich erzählen und die Entwicklung ihrer Enkel miterleben.

Drei Mal sind sie bisher schon in Kanada gewesen. Bald soll es ein viertes Mal geben. Das Kanada-Fieber scheint auch vor den Eltern nicht Halt zu machen.

   

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