Der E-Golf von Volkswagen
Das meistverkaufte Auto von VW gibt es seit diesem Jahr in einer rein elektrisch betriebenen Version. Manch treuem Golf-Fahrer dürfte aber beim Preis der Schlag treffen: Den E-Golf gibt es ab 34900 Euro.

Die Flüster-Version des Golfs wird von einer 115 PS starken E-Maschine angetrieben. In 10,4 Sekunden hat der Stromer von Null auf Hundert Stundenkilometer beschleunigt, auf der Autobahn wird er bei 140 Kilometern pro Stunde elektronisch abgeriegelt.

Der hohe Kaufpreis amortisiert sich - wenn auch langsam. Die Energiekosten des E-Golfs liegen auf 100 Kilometern bei etwa 3,20 Euro. Beim aktuellen Golf-Modell mit Verbrennungsmotor müssen Fahrer mit Kraftstoffkosten zwischen 6 und 8 Euro pro 100 gefahrenen Kilometern rechnen.

An der normalen Steckdose lädt der Akku in rund neun Stunden voll auf. Bei Schnellladesäulen sind 80 Prozent der Batterie in einer halben Stunde gefüllt. Während der Fahrt gewinnt der E-Golf beim Bremsen etwas Energie zurück.

Magdeburg l Reichweitenangst. Autofahrer in Sachsen-Anhalt kennen das Problem nicht. Alle paar Kilometer gibt es eine Tankstelle. Wenn der Begriff im Duden stehen würde, ich hätte ihn vor der Woche mit dem Elektroauto nachschlagen müssen. Nach der Woche brauche ich das nicht mehr. Ich bin aus Erfahrung klug geworden. Denn Reichweitenängste müssen in Sachsen-Anhalt nur Fahrer von Elektrofahrzeugen durchleiden.

Eine Woche fahre ich ohne einen Tropfen Sprit mit dem E-Golf von Volkswagen. Ohne Verbrennungsmotor. Ohne den Ausstoß von Kohlendioxid. Das fühlt sich gut an. Es ist eine Woche, die mir zeigt, wie begeisternd Elektromobilität sein kann. Aber auch mit wie vielen Problemen Elektroautofahrer noch zu kämpfen haben.

Kennenlernen
Wir beschnuppern uns. Der E-Golf und ich. Das passt. Mein erstes Auto war ein Golf. Viel anders sieht die Strom-Version des Bestsellers auch nicht aus. Nur der Auspuff fehlt. Der Elektromotor zieht seine Energie aus dem über 300 Kilogramm schweren Lithium-Ionen-Akku, der hinter der Rückbank untergebracht ist.

Fahrgefühl
Ruhe. Dieses Wort in Verbindung mit einem Auto zu benutzen, ist ungewohnt. Ich drehe den Schlüssel. Der E-Golf gibt beim Start einen kurzen Ton von sich. "Ready" steht im Display neben dem Geschwindigkeitsmesser. 115 Pferdestärken stecken unter der weißen Haube. Und ich höre: nichts. Ich trete das Gaspedal. Der Wagen rollt. Lautlos gleitet der Stromer über den Asphalt. Der E-Golf ist temperamentvoll: An der Ampel sehen vergleichbare Kompaktwagen nur meine Rücklichter. Schaltpausen? Gibt es nicht. Der Elektromotor zieht ohne Getriebe durch.

Auf Knopfdruck lässt sich aber auch ein völlig anderes Fahrgefühl erleben. Denn ob der E-Golf die vom Hersteller angegebene Reichweite schafft, liegt nicht nur am Fahrer. Im Eco-Plus-Betrieb wird die Klimaanlage zurückgefahren, auch der Elan ist plötzlich dahin. Der Wagen wird von 115 auf 75 PS gedrosselt. Dafür meldet die Akkuanzeige: 20 Prozent mehr Reichweite.

Ich parke ein. Das knisternde Geräusch beim Rückwärtsfahren hört sich wie ein Parkrempler an. Tatsächlich ist das nur das Surren der Rückfahrkamera. Die fährt sich unter dem VW-Logo aus der Kofferraumklappe und war bislang nie zu hören. An die Ruhe an Bord muss ich mich gewöhnen.

Alltagstauglichkeit
Dich nehme ich mit nach Hause, denke ich mir. Ja, ich bin ein bisschen verliebt in das Elektroauto. Keine Angst: Die Nacht verbringt der Wagen alleine in der Tiefgarage am Magdeburger Friedensplatz. Am Morgen fällt mein Blick auf die Reichweitenanzeige im Display. Laut Herstellerangaben schafft der E-Golf mit einer Akkuladung 190 Kilometer. Das halte ich schon nach der ersten Tour für unrealistisch.

Wo lade ich das Fahrzeug auf? Ich wohne im fünften Stock in einer Mietwohnung. Mein Verlängerungskabel reicht nicht bis auf die Straße vor das Haus. In meiner Tiefgarage gibt es keine zugängliche Steckdose. Im Internet finde ich auf einer Seite Ladesäulen in meiner Nähe. Ich fahre zum Fraunhofer-Institut im Magdeburger Wissenschaftshafen.

Aufladen
Vor dem Forschungsinstitut bin ich mit der Elektroauto-Expertin Kathleen Hänsch verabredet. Per Kabel verbinden wir Säule und Auto. Es passiert nichts. "Nicht jede Säule ist mit jedem E-Auto kompatibel", erklärt die Wissenschaftlerin. An einer weiteren Säule in der Tiefgarage funktioniert die Ladung. Ich lerne, dass das Laden eines Elektroautos dauert. An der normalen Ladesäule bis zu neun Stunden. An Schnellladesäulen geht es rasanter. Dann sind 80 Prozent des Akkus in 30 Minuten gefüllt. In Sachsen-Anhalt gibt es davon genau eine an der A9 bei Dessau-Roßlau. Traurig.

Reichweitenangst
Wer ein Elektroauto fährt, hat Planungsstress. Wie weit komme ich mit dem Akku? Wo kann ich den Wagen laden? Ich plane eine Fahrt in den Harz. Das Hotel ist gebucht. Gibt es dort eine Lademöglichkeit? Ich rufe an. "Nein", sagt mir die freundliche Hotelbesitzerin. Auf den Parkplatz könne man leider kein Verlängerungskabel legen. Ich erkundige mich bei der Kurverwaltung. "So etwas hatten wir hier noch nie", sagt eine Frau.

Selbst wenn, denke ich mir, komme ich mit dem Wagen überhaupt von Magdeburg bis in den Harz? 90 Kilometer. Was ist mit Stau? Was, wenn eine Straße gesperrt ist und ich einen Umweg fahren muss? Wenn ich liegenbleibe, kann ich nicht mit einem Kanister an die Tankstelle gehen und ein paar Liter Benzin holen. Reichweitenangst. Ich spüre sie schon, bevor ich überhaupt losgefahren bin. Vielleicht ist der Harz-Trip für das Elektroauto zu lang. Es bleibt in Magdeburg.

Fazit
Ein Elektroauto kostet Nerven. Planungsstress. Reichweitenangst. Die Suche nach Lademöglichkeiten. Spontanität und Elektroautos vertragen sich momentan noch nicht. Gelingt es den Herstellern, an Reichweite und Kaufpreis zu drehen, werden die Wagen interessant. Denn das Fahrgefühl mit einem Elektrofahrzeug ist einzigartig.

 

Bilder