Eisleben/Hannover l Es ist der frühe Morgen des 8. April 2011, als mindestens zehn somalische Piraten unmittelbar vor der omanischen Küste das Frachtschiff "Susan K" angreifen. Es befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf der Fahrt vom indischen Mumbai in den Sudan. An Bord des Frachters einer niedersächsischen Reederei arbeiten zehn Seeleute, die unter der Flagge von Antigua und Barbuda fahren. Sechs von ihnen stammen von den Philippinen, vier aus der Ukraine.

Die Seeräuber entführen den Frachter schließlich an die somalische Küste noch bevor die deutsche Fregatte "Niedersachsen", die in den Gewässern patrouilliert, zur Stelle sein kann. 70 Tage bleiben die Seeleute auf dem Frachter in Geiselhaft unter extremen Bedingungen. Erst nach der Zahlung von angeblich 3,5 Millionen Euro durch die Reederei und zähen Verhandlungen wird die Crew am 17. Juni 2011 freigelassen und samt Schiff in einen Hafen der ostafrikanischen Republik Djibouti gebracht. "Dorthin haben wir ein erfahrenes Ermittler- und Spurensicherungsteam geschickt", sagt später Frank Federau vom Landeskriminalamt in Niedersachsen. Die Besatzung wird dort vernommen. Tatortermittler können Fingerabdrücke sowie Fußspuren der Piraten sichern.

Alexander Retemeyer von der Staatsanwaltschaft Osnabrück: "Das ist vor Ort äußerst schwierig. Es müssen Rechtshilfeanträge gestellt werden und auch die Spuren sind wegen der hohen Luftfeuchtigkeit nicht einfach zu sichern." Dennoch landen eben jene Spuren von Bord der "Susan K" in der Datenbank des Bundeskriminalamtes AFIS (Automatisches Fingerabdruck-Identifizierungssystem).

Erst drei Jahre später, vor einigen Wochen, kommt nun Bewegung in den Piratenfall. Als aus Sachsen-Anhalt die Fingerabdrücke eines Asylbewerbers aus Somalia eingegeben werden, meldet der Computer einen Treffer. Stefan Brodtrück von Sachsen-Anhalts Innenministerium: "Das Sichern von Fingerabdrücken in den Asylverfahren ist eine übliche Verfahrenspraxis."

Der 20-jährige Asylbewerber wird am 18. August in seiner Unterkunft in Eisleben festgenommen. "Offenbar haben die Somalier nicht damit gerechnet, dass die deutsche Polizei auch Spuren auf dem Schiff nehmen wird. Sonst wären sie wohl nicht so frech gewesen und hätten hier Asyl beantragt", sagt Federau.

Er spricht in der Mehrzahl, weil es den niedersächsischen Ermittlern bereits im Mai vergangenen Jahres gelungen ist, einen anderen Somalier auf die gleiche Art und Weise zu überführen. Der Pirat, der die "Marida Marguerite" (ebenfalls von einer niedersächsischen Reederei) im Jahr 2010 mit weiteren Komplizen gekapert haben soll, war im April 2012 am Hauptbahnhof München von einem Bundespolizisten aufgegriffen worden. Der schickte ihn in das Asylbewerberheim Gießen. Als dort seine Fingerabdrücke genommen wurden, klickten wie jetzt im Eisleber Fall kurze Zeit später die Handschellen. Das Landgericht Osnabrück hatte den Mann zu einer zwölfjährigen Haftstrafe wegen erpresserischen Menschenraubes und Geiselnahme verurteilt. Eine Revisionsprüfung vor dem Bundesgerichtshof steht noch aus.

LKA-Sprecher Federau: "Wir müssen jetzt im aktuellen Fall auch ermitteln, welche Rolle der Beschuldigte an Bord gespielt hat." Der Somalier befindet sich gegenwärtig in Untersuchungshaft und soll demnächst mit einem Dolmetscher vernommen werden.

Weil die Handelsschiffe inzwischen auch massiv aufgerüstet haben, ist die Zahl der Piratenüberfälle vor Somalia stark zurückgegangen. Nur noch 15 hat das Internationale Schifffahrtsbüro im vergangenen Jahr gezählt, der niedrigste Wert seit sechs Jahren.

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