Granny Au-Pair

Frauen über 50 als "Granny Au-Pair" - das ist ein Trend, dem inzwischen mehrere Vermittlungsagenturen folgen. Vermittelt werden "Leih-Omas", die sich überwiegend im Ausland bei Familien um Kinder kümmern oder als Betreuerin und Gesellschafterin tätig sind.

Die Agenturen bringen über eine Registrierung Familien und ältere Damen zusammen. Beide Seiten füllen Bewerbungsschreiben aus und verabreden sich. Das Risiko tragen allein die Familie und die Granny. Für den Vermittlungsdienst bezahlen beide die Agentur - in der Regel mehrere hundert Euro.

Ein Aufenthalt dauert bis zu einem Jahr. Die "Granny" bekommt kein Gehalt, sondern nach Verabredung ein Taschengeld und Kost und Logis gestellt. Sie ist nicht angestellt, sondern ein Gast der Familie. Diese arbeitsähnliche "Anstellung" kann zu Problemen mit Behörden in Gastländern außerhalb der EU führen. So kann es passieren, dass die "Granny" mit Touristen-Visum ohne Rückflug-Ticket an der Grenze zurückgewiesen wird, wenn sie bei der Einreise eine "Au-Pair"-Tätigkeit erwähnt.

An den Status "Au-Pair" (französisch für "auf Gegenleistung") knüpfen verschiedene Gastländer bestimmte rechtliche Bestimmungen. Sie regeln zum Beispiel den Status der Tätigkeit und die Arbeitszeit. So etwas gibt es für ältere Menschen nicht. An "Au-Pair"-Austauschprogrammen mit den USA dürfen zum Beispiel nur Personen teilnehmen, die zwischen 18 und 26 Jahre alt sind.

Über das Internet bieten verschiedene Agenturen ihre "Granny"-Dienste an. Zum Teil werden auch "Opas" vermittelt. Sie sind zum Beispiel zu erreichen unter diesen Adressen:

www.granny-aupair.com

www.madame-grand-mere.de

www.aupair-senioren.com

www.womango.at

Auf der Webseite: www.bestagersblog.com ("Best ager" ist der englische Begriff für "Generation 50+") gibt es unter der Kategorie "Reisen" auch kritische Kommentare, die negative Erfahrungen mit dem "Granny"-Trend beschreiben.

Granny Gudrun Pfeiffer aus Magdeburg beantwortet gern auch persönliche Fragen, falls jemand mit dem Gedanken spielt, selbst ins Ausland zu gehen. Ihre Mailadresse lautet: Guhima@web.de

Magdeburg l Gudrun Pfeiffer sitzt auf dem Balkon ihrer kleinen Eigentumswohnung im Magdeburger Westen. Im ruhigen Hinterhof zwitschern die Vögel. Drinnen, im gediegen mit alten Möbeln eingerichteten Wohnzimmer dudelt leise klassische Musik aus den Lautsprechern in der Schrankwand. 71 Jahre alt, geschieden, zwei erwachsene Kinder, alleinstehend. Keine Geldsorgen, ein Lebensabend zum Zurücklehnen, sollte man meinen. Doch nicht für Gudrun Pfeiffer. Die war früher Erzieherin im Lehrlingswohnheim und dachte sich: Vielleicht lässt sich mit dieser Lebenserfahrung noch etwas anfangen.

"Däumchen drehen - das ist nicht meine Sache", sagt sie. Etwas erleben, in fremde Welten eintauchen - danach stehe ihr der Sinn. So hat sie vor einem Jahr spontan im Internet bei Granny-aupair.com einen Bewerbungsbogen als "Leih-Oma" ausgefüllt. Und sich damit bei einer Schweizer Familie, die ebenfalls auf der Webseite einen Kontakt suchte, gemeldet. "Die haben sofort angerufen. Und schon wenige Tage später saß ich im Zug", erzählt sie. Das war im August 2013.

Ein Postkartendorf mitten in der Bergwelt

Die Fahrt ging in Richtung Feutersoey, eine deutsche Enklave in der französischen Schweiz unweit von Gstaad. Ein Postkartendorf, 1400 Meter hoch, mitten in der Bergwelt. Die Verabredung: Zunächst drei Monate soll sie einer wohl-habenden, aber schon etwas gebrechlichen Dame zur Hand gehen und ihr als Gesellschafterin zur Verfügung stehen. Die Fahrtkosten trägt die Familie, natürlich Kost und Logis und ein Taschengeld - "nicht zu knapp", wie die 71-Jährige versichert. Zwei erwachsene Kinder von Erika - so der Name der "Lady" - wohnen in England. Sie selbst lebte 2013 allein in einem großen Bauernhaus aus Familienbesitz.

Und so begann die Zeit mit Erika. Häufig nur zu zweit in dem großen Haus. Zuweilen war auch der Sohn aus England zu Besuch - ein 60-jähriger Unternehmer, der hochwertige Audiosysteme herstellt. Acht Uhr Frühstück. Kaffee und Brot. "Erika war im hohen Maße sparsam. Sie kam mit ihrem Rollator auch immer mit zum Einkaufen", erzählt Gudrun Pfeiffer. Die Magdeburgerin entwickelte dafür zunehmend Verständnis. "Als sie aufwuchs, war die Familie sehr arm. Das hat sie bis ins hohe Alter geprägt."

Auf der anderen Seite legte Lady Erika großen Wert auf Etikette. "Jeden Tag ein anderes Kostüm, immer mit dem passenden Schmuck dazu." Die Dame erwies sich darüber hinaus als geistig topfit. Sie sprach vier Sprachen fließend. Den Tag verbrachten die beiden Frauen mit anregenden Unterhaltungen, Handarbeit, Lesen und Fernsehen. Die Magdeburger Granny hatte ein kleines Zimmer mit eigenem TV-Gerät.

Magdeburg bleibt ihre Heimat

Sie kochte gern regelmäßig das Mittagessen, arbeitet auch mit Freude im ziemlich verwahrlosten Garten und genoss ansonsten das Schweizer Landleben. Als "Dienstmagd" fühlte sie sich nicht. Sie war weder Reinigungskraft noch Krankenpflegerin - das wurde von der Familie extra organisiert. "Ich habe gegenüber der Dame schnell klargemacht, dass ich mich als gleichwertige Partnerin sehe. Das hat sie auch akzeptiert." Durch Besuche von Freunden, Nachbarn und der Familie bekam sie zunehmend Einblick in das Leben der High Society der Region Gstaad. "Ein unglaublicher Reichtum. Selbst einzelne Etagen von alten Bauernhäusern werden dort als Eigentumswohnungen für Millionenwerte gehandelt - ohne dass der Eigentümer dort wirklich wohnt", erzählt sie kopfschüttelnd. Nach drei Monaten war sie auch ein bisschen froh, wieder nach Magdeburg zurückzukehren.

Nicht lange, dann klingelte das Telefon. Die Familie bat inständig um ihre Rückkehr. So reiste Granny Gudrun zum Jahresbeginn 2014 erneut in die Schweiz zu Lady Erika als Gesellschafterin. Erst vor wenigen Wochen kehrte sie zurück. Ein bisschen auf der Flucht. Denn da war Felix, 88 Jahre, der Schwager von Erika, der auch in einer noblen "Hütte" gleich nebenan wohnte. Felix hat sich etwas verguckt in die Granny aus Magdeburg.

Er flehte sie inständig an, sie möge bitte dauerhaft bei ihm bleiben - schließlich musste Lady Erika inzwischen im Heim untergebracht werden. Granny Pfeiffer macht inzwischen nicht mehr viele Worte um Felix. Sie entschied sich am Ende für Magdeburg - "meinen lieb gewordenen Heimathafen", sagt sie. Dorthin ist sie immer wieder zurückgekehrt.

"Auf Montage" im Spendenauftrag

Nachdem die stetig berufstätige Frau Anfang der 1990er Jahre ihren Job als Erzieherin verlor, hat sie nicht die Hände in den Schoß gelegt. Eine Zeitlang sammelte sie "wie auf Montage" bundesweit Spendengelder bei Gerichten für einen privaten Notrufsäulen-Betreiber ein. Dann schulte sie um zur Versicherungskauffrau. Als selbstständige Maklerin arbeitete sie bis zur Rente in Kiel und Magdeburg.

So lernte sie auch den netten Fregattenkapitän kennen, dessen Haus auf Teneriffa sie immer für ein, zwei Monate verwaltete, wenn der Herr ins Krankenhaus zur Krebsbehandlung musste. Elfmal schon. Im September ist sie wieder auf Teneriffa. "Vermutlich aber das letzte Mal", erzählt sie traurig.

Und in Zukunft? Gudrun Pfeiffer schmunzelt und zuckt mit den Achseln. Die englische Tochter von Lady Erika hat auch ein Haus auf Mallorca, auf das immer mal jemand aufpassen muss. "Vielleicht setze ich auch eine Anzeige in der Schweiz in die Zeitung: Gesellschafterin sucht Familie." Erfahrung hat sie ja jetzt gemacht. "Gute Erfahrungen. Ich möchte alle Frauen über 50 ausdrücklich ermutigen, das auch einmal auszuprobieren."

 

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