Wernigerode l Einmal pro Woche geht Christine Oppermann-Zapf zur Schule. Nicht etwa, um zu lernen. Sie ist Mentorin im Verein der Leselernhelfer. Vor drei Jahren gründete sie den Verein mit Gleichgesinnten in Wernigerode. Ziel ist es, Kinder für das Lesen zu begeistern.

"Ich hatte ein Interview mit Otto Stender im Fernsehen gesehen", erinnert sich Christine Oppermann-Zapf. Der 77-Jährige Buchhändler ist der "Vater" des deutschlandweiten Mentor-Vereins, für den sich inzwischen 14 000 Ehrenamtliche engagieren. "Nach dem Beitrag war ich von seiner Idee begeistert, habe im Internet recherchiert und schließlich Mitstreiter gefunden, die genauso denken wie ich", so die Wernigeröderin". Menschen, die Kinder lieben, die Freude an der Sprache und dem Lesen haben und diese Freude anderen vermitteln können. "Auch in unserer Stadt gibt es viele Grundschüler, denen das Lesen schwer fällt, die Angst vor Büchern haben. Diesen Kindern wollen wir helfen, damit sie im Unterricht nicht den Anschluss verlieren."

Inzwischen betreuen insgesamt 22 Mentoren 26 Zweit- bis Sechstklässler an neun Schulen in Wernigerode, Ilsenburg und Darlingerode. "Die Empfehlungen kommen von den Lehrern, die Eltern geben ihr Einverständnis. Erst dann nehmen wir Kontakt auf", erläutert die Vereinschefin.

Auch Barbara Cöster engagiert sich als Lesehelferin. "Mir ist es ein Bedürfnis, den Kindern zu zeigen, dass Bücher genauso interessant sein können wie der Computer", sagt die Wernigeröderin. "Als Kinder haben wir zu Weihnachten und Geburtstagen immer Bücher geschenkt bekommen und sie dann auf der Couch gelesen." Das sei heutzutage nicht mehr so. Bücher würden kaum noch verschenkt werden. Es gebe Kinder, die kein einziges Buch besitzen, denen die Eltern nicht vorlesen.

Und wie nehmen die Mädchen und Jungen das Angebot an? "Die meisten von ihnen genießen es, dass sich ein Erwachsener eine Stunde für sie Zeit nimmt", sagt Christine Oppermann-Zapf. "Von diesen Kindern werden wir regelrecht erwartet." Der Schüler selbst suche die Texte aus, der er lesen will. So wollte ein Junge zum Beispiel wissen, wie man eine Wetterkarte liest. Andere Kinder interessierten sich für die Witze in der Zeitung oder die Sportberichterstattung. "Mit meinem Schützling habe ich wochenlang in einer Fußballzeitung gelesen", sagt Barbara Cöster.

Wichtig sei es, dass sich die Mentoren auf die Schüler einstellen, ihnen den schulischen Druck nehmen. Der Erfolg dieser Arbeit lasse sich schwer messen. "Wenn ich weiß, dass ein Kind gern kommt, wenn seine Augen strahlen, wenn es neugierig wird, ist das für mich schon ein Erfolg", so Barbara Cöster. Zudem sei es wissenschaftlich erwiesen, dass gesteigerte Lesekompetenz zu einer Verbesserung in allen anderen Fächern führt, ergänzt Christine Oppermann-Zapf. "Je früher man anfängt, desto besser für das Kind."

Regelmäßig alle sechs- bis acht Wochen treffen sich die Mentoren im Senioren- und Familienhaus Steingrube. "Hauptsächlich, um Erfahrungen auszutauschen", erklärt die Vereinschefin. "Es geht aber auch um fachliche Hilfestellungen. Kürzlich haben wir uns über neu erschienene Kinderbücher informiert." Darüber hinaus werde für die Lesehelfer zweimal im Jahr eine Fortbildung angeboten.

"Neue Mentoren sind jederzeit willkommen", sagt Christine Oppermann-Zapf. "Wir brauchen mehr Lesehelfer." Es gebe viele Kinder, die auf einen Mentor warten. Interessierte können sich gerne mit dem Verein in Verbindung setzen. Eine Kontaktaufnahme mit dem Verein ist unter Telefon (0 39 43) 60 61 25 sowie per E-Mail unter Mentor.wr@gmail.com möglich. Nähere Informationen gibt es auf der Internetseite des Vereins www.mentor-wernigerode.de.

Auch bei den Treffen sind neue Mitglieder gern gesehen. Die nächste Zusammenkunft findet am Montag, 20. Oktober, ab 16 Uhr in der Familien- und Seniorenbegegnungsstätte, Steingrube 8, statt.