Magdeburg l Die Anlässe wechseln, der Mitgliederschwund ist ungebremst: Seit Jahren verliert die katholische Kirche Mitglieder zu Tausenden. Sie gehen aus Entsetzen über Missbrauchsfälle, wegen eines abgehobenen Bischofs in Limburg oder schlicht, um Kirchensteuern zu sparen. Eine schwere Situation? "Schwer war es doch immer", sagt Kardinal Reinhard Marx vor dem Beginn des Gesprächsforums der Bischöfe im Magdeburg. "Denken Sie an die Zeit des Kommunismus. Sollen wir da heute klagen?"

Seit drei Jahren treffen sich die Bischöfe mit ausgewählten Gläubigen zum Dialog über ihre Kirche. Das Treffen in Magdeburg ist das erste in einem Gebiet, dessen Bewohner an Religion größtenteils desinteressiert sind. 300 Katholiken sitzen im Saal 1 des Hotels Maritim, 30 Bischöfe sind darunter, Patres und Schwestern verschiedener Orden, Theologieprofessoren, Vertreter katholischer Verbände.

Marx versucht, Aufbruchstimmung zu erzeugen. "Wir können nicht kneifen und jammern, dass schon wieder jemand austritt", ruft er den Delegierten zu, "wir müssen von Gott reden. Sonst tut es doch niemand."

Gleich zwei Ministerpräsidenten sind gekommen, um den Kurs ihrer Kirche mitzubestimmen: Reiner Haseloff, der amtierende Regierungschef, nimmt als normaler Delegierter teil. Gekommen ist auch Werner Münch, Amtsinhaber von 1991 bis 1993. Der 73-Jährige lebt heute in Freiburg und hat sich dem Schutz des Lebens verschrieben. Das Embryo im Mutterleib sei ebenso ein Geschöpf Gottes wie der alte und leidende Mensch, mahnt er am Rande der Veranstaltung: "Man kann deshalb Hilfe im Sterben anbieten, aber keine Hilfe zum Sterben."

Die innerkirchliche Oppositionsgruppe "Wir sind Kirche" ist mit anderen Themen nach Magdeburg gereist. Sie fordert von ihren Oberen, auf wiederverheiratete Geschiedene zuzugehen; nach katholischer Lehre sind diese Menschen Ehebrecher und dürfen nicht am Abendmahl teilnehmen. "Wir müssen weg vom Verbotsmodus und in den Vorwärtsgang schalten", sagt Christian Weisner, "Wir sind Kirche"-Vertreter.

Die Kirche bewege sich ja bereits, betont Kardinal Marx drinnen im Saal. Beim Umgang mit Wiederverheirateten oder Homosexuellen seien "Öffnung und Differenzierung" angesagt. Schon jetzt seien kirchliche Arbeitgeber nicht gezwungen, solche Menschen automatisch zu entlassen.

Nötig sei auch, den Frauenanteil in allen kirchlichen Ämtern zu erhöhen - jedenfalls dort, "wo die priesterliche Weihe nicht notwendig ist". Selbst die Kurie in Rom soll geschlechtergerecht besetzt werden, wünscht sich der Kardinal. "Mit dem neuen Papst ist ein neuer Schwung gekommen, Gott sei Dank."

Bis zum Sonnabend dauert das Forum an, Beschlüsse wird es nicht geben. Marx verspricht, dass der Dialog nicht folgenlos bleibt: "Ein paar Impulse gehen von hier aus direkt nach Rom."