Ulla Schmidt, ehemalige Bundesgesundheitsministerin und Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, war am Montag zu Besuch in Sachsen-Anhalt. Andreas Stein fragte sie, wo den Menschen mit Behinderungen der Schuh drückt.

Frau Schmidt, die Große Koalition will noch vor Ende der Legislaturperiode ein Bundesteilhabegesetz auf den Weg bringen. Was erwarten Sie davon?
Ulla Schmidt:
Bund, Länder und Kommunen sollen künftig die Teilhabe für Menschen mit Behinderungen als gemeinsame Aufgabe verstehen. Unabhängig von Lohn und Einkommen soll dann an jeden Behinderten ein Nachteilsausgleich gezahlt werden. An dessen Finanzierung soll sich der Bund beteiligen. Und wir müssen weg davon, dass Menschen mit Behinderungen nicht mehr als 2600 Euro sparen dürfen, ohne Nachteile zu erleiden.

In Sachsen-Anhalt müssen geistig behinderte Menschen, die Fördergruppen besuchen, bei ihren Eltern leben, obwohl diese oft körperlich und psychisch nicht mehr zu einer Begleitung in der Lage sind. Ist das fair?
Nein. Sachsen-Anhalt ist das einzige Bundesland, in dem das noch so ist. Nach der UN-Behindertenkonvention kann jeder Mensch seinen Wohnort selbst bestimmen. Der Besuch einer Fördergruppe darf nicht an das Wohnen bei den Eltern geknüpft sein. Die Regelung ist Ländersache, aber ich werde mich an den Sozialminister wenden und ihn bitten, das zu ändern.

Immer mehr Kinder mit Handicap besuchen öffentliche Kitas und Schulen. Da gibt es viele Probleme, oder?
Beim Thema Bildung gibt es in unserem Schulsystem noch viel zu tun. Wir müssen statt der Defizite die Fähigkeiten eines Menschen in den Vordergrund stellen. Für mich gibt es keinen Grund, warum behinderte und nichtbehinderte Kinder nicht gemeinsam zur Schule gehen sollten - wenn ihre Förderung ausreichend finanziert ist.