Magdeburg l Wenn die Menschen in 500 Jahren auf die Mode des 20. Jahrhunderts zurückblicken, werden zwei Bekleidungsstücke für diese Zeit charakteristisch sein: der Schlips und die Jeans.

Die DDR-Funktionäre hatten nichts gegen den Schlips. Mal ehrlich: Dieses alberne Gehänge ist doch in erster Linie Ausdruck bürgerlichen Geltungsbedürfnisses. Die Jeans dagegen ist eine Arbeitshose. Doch die SED liebte den Schlips und verteufelte die Jeans. Paradox auf den ersten Blick, aber nachvollziehbar. Denn die Jeans kam aus den USA. Vom Ami, vom Klassenfeind. So wie andere Schlechtigkeiten: Kaugummi und Rock `n` Roll.

Rund um den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 wurden die vom Westen hereingeschleusten "Cowboys mit Texashemden" ("Neues Deutschland") schon anhand ihrer Hosen und Hemden als Provokateure identifiziert. Sag mir, wie du aussieht, und ich sage dir, woran du glaubst. Jeans und Lederjacken - das war selbst im Westdeutschland der Nachkriegszeit nicht die bevorzugte Kleidung für den Sohn aus gutem Hause. In der DDR war die "Nietenhose" - so der eingedeutschte Begriff - das Beinkleid der Konterrevolution.

Bekleidungskultur als politischer Auftrag

Doch was tun, wenn Musik und Lässigkeit des Westens der sozialistischen Jugend den Kopf verdreht? Schon 1952 gründete das Ministerium für Leichtindustrie der DDR das Institut für Bekleidungskultur. Auftrag: "Eine Mode, die frei von Einflüssen amerikanischer Unkultur ist", formulierte es die Leiterin Elli Schmidt. SED-Chef Walter Ulbricht persönlich forderte, dass die Modeschaffenden einen "spezifisch sozialistischen Stil der Bekleidung" schneidern sollten.

Das gelang ihnen nicht wirklich, was nicht an Fantasiemangel der sozialistischen Modemacher lag. Eine im Institut 1954 kreierte jeansähnliche Kinderlatzhose aus Leinen mit umgeschlagenen Hosenbeinen sorgte allerdings nach einem Bericht in der "Neuen Berliner Illustrierten" (NBI) für Diskussionsbedarf bis hoch ins Zentralkomitee der SED. Die von der Zeitschrift zunächst gelobten Entwürfe wurden eine Ausgabe später umgedeutet: Kein Straßenanzug sei das gewesen, sondern eine Hose "zur Gartenarbeit im feuchten Gelände".

Diese und andere Episoden hat die Journalistin Rebecca Menzel 2002 für ihre Magisterarbeit an der Freien Universität Berlin zum Thema "Jeans in der DDR" zusammengetragen. Die junge Frau - zur Wende 14 Jahre alt - hat ihre Arbeit vor zehn Jahren auch als Buch veröffentlicht (siehe Infokasten). Eine wirklich lesenswerte Lektüre.

In den 1960er Jahren verbreitete sich die Jeans in der DDR, obwohl es im ganzen Land keine einzige Hose zu kaufen gab, die diesen Namen auch nur ansatzweise verdient hätte. Wer kann, besorgte sich eine Jeans aus dem Westen. Sie durfte zu dieser Zeit nicht in der Schule getragen werden, waren aber im Straßenbild präsent. Im Westfernsehen, in Filmen trugen Männer zunehmend Jeans. 1962 waren in dem Defa-Film "Die Glatzkopfbande" über jugendliche Randalierer natürlich alle Rowdys Jeansträger. Dem Schauspieler Manfred Krug blieb es vorbehalten, im gleichen Jahr im Film "Auf der Sonnenseite" zum ersten Mal einen positiven Arbeiterhelden, der Jeans trägt, zu verkörpern. Schlagersänger Frank Schöbel ("Party Twist") trat 1964 zum ersten Mal in Jeans im Fernsehen auf.

Musical "Heißer Sommer" mit Defa-Niethosen

Die Anti-Jeans-Front begann in den DDR-Medien langsam zu bröckeln. Dazu trug 1968 nicht unwesentlich das in der DDR sehr erfolgreiche Filmmusical "Heißer Sommer" mit dem Schlager-Traum-Duo Chris Doerk und Frank Schöbel bei. Die dort verwendeten Jeans waren allesamt in der Kostümabteilung des staatlichen Filmstudios angefertigt worden.

1970 schob die FDJ-Zeitung "Junge Welt" eine Diskussion über die passende Schulbekleidung an. Überschrift: "Die Schule ein Laufsteg?" Eine Gruppe Lehrlinge plädiert in dem Artikel dafür, "Nietenhosen" in der Schule zu erlauben, "wenn sie sauber sind". Westjeans in der Schule wurden zunehmend akzeptiert.

1971 löste Erich Honecker Walter Ulbricht an der SED-Spitze ab. Tauwetter setzte ein. Es gab allgemeine Preissenkungen, der Mindestlohn wurde aufgestockt. Es gab die Weltfestspiele der Jugend 1973 in Berlin. Zwischen 1971 und 1976 (Biermann-Ausweisung) ereignete sich in Bezug auf Literatur, Musik und Film die wohl liberalste Zeit der DDR.

Jetzt waren nicht nur die Helden der westlichen Welt Jeansträger, sondern auch die Stars des Publikums im Sozialismus. Die Gruppe Renft spielte 1973 im Fernsehen nicht im schrillen Bühnenoutfit, wie zu dieser Zeit üblich, sondern in ausgeblichenen Jeans. Der Schauspieler Winfried Glatzeder gab in "Die Legende von Paul und Paula" 1973 einen Aussteiger, der den Anzug des Karrieristen gegen Jeans und Pullover tauscht und aufhört, sich zu rasieren. Ulrich Plenzdorf ließ seinen Aussteiger Edgar Wibeau 1973 im Kultroman "Die neuen Leiden des jungen W." ein Hohelied auf die Jeans anstimmen. Ein Monolog, der mit dem Satz endet: "Ich meine, Jeans sind eine Einstellung und keine Hosen."

Aus heutiger Sicht kaum zu glauben: Das alles passierte, während es in den Geschäften nach wie vor keine echten Jeans zu kaufen gab - also Hosen, deren blaue Farbe durch das Waschen auf den Oberschenkeln und im Schritt ihre Farbe verlor. Diese einzig wahre charakteristische Eigenschaft der Jeans war verfahrensstechnisch in den DDR-Textilbetrieben bis Ende der 1970er Jahre nicht herstellbar.

Zwar gab es in den "Jugendmode"-Läden "blaue Niethosen" mit "Steppnähten und Reißverschluss an den Gesäßtaschen" - so ein Werbetext - aber dabei handelte es sich um blauen Baumwollstoff ohne Auswascheffekt. Trotzdem wurden sie aus Mangel an Alternativen gekauft: Und nicht zu knapp. Das Bekleidungswerk Lößnitz im Erzgebirge spezialisierte sich ab 1974 auf "Mode im Jeans-Charakter". 1977 wurden dort 375000 rote und blaue Anzüge gefertigt.

Blaue Baumwollhosen ohne Auswascheffekt

Ab Mitte der 1970er Jahre konnten DDR-Bürger dann gelegentlich auch Importjeans zu stark überhöhten Preisen in den "Exquisit"-Nobelgeschäften kaufen. Der wahre Jeanshandel fand bis Ende der 1970er Jahre aber in den Intershop-Geschäften statt - das waren Läden, in denen mit Deutscher Westmark bezahlt werden musste. In jeder größeren Stadt gab es ein, zwei Intershops - gedacht in erster Linie für Besucher aus dem westlichen Ausland.

Nach der Wende wurden Zahlen des DDR-Zolls bekannt. Danach gingen in den Intershop-Läden Ende der 1970er Jahre jährlich rund 1,2 Millionen Jeanstextilien über den Ladentisch, davon 90 Prozent Hosen. Eine Levi`s kostete dort zu dieser Zeit 55 Deutsche Mark - dies entsprach auf dem Schwarzmarkt knapp 300 Mark der DDR - etwa die Hälfte eines durchschnittlichen Monatslohnes.

Um 1980 begann sich die Lage an der Jeansfront dann langsam zu entschärfen. Bereits 1977 hatte die DDR 6,1 Millionen Westmark in moderne Produktionsanlagen investiert. Im Sommer 1978 erreichte die erste echte Jeans-Farbanlage die DDR. Nun konnten die Hosen endlich, wie schon seit Jahrzehnten im Westen üblich, indigoblau eingefärbt werden. Die neuen DDR-Marken hießen "Boxer", "Wisent" und "Shanty". Mit Hilfe der neuen Anlagen wurden auch Jeans für den Export Richtung Westen produziert. Diese Hosen waren von der Qualität her nicht mit Marken wie Lee oder Wrangler vergleichbar, aber sie entsprachen immerhin Billig-Jeans einfacher Art, wie sie auch heute noch verkauft werden.

Und dann kam die Wende. Und eine Flut von Menschen ergoss sich vorbei an Stacheldraht und Mauer in Richtung Westen. Fast schon uniformgleich trugen die meisten DDR-Bürger Jeans. Die Revolution hatte eine neue Modefarbe. Sie war nicht mehr rot, sie war stonewashed-blau.

 

Bilder