Der Tag, an dem der gefürchtete Schuldirektor Westermann mich und meine "Jinglers"-Jeans zur Schnecke machte, verdient es, hier kurz erzählt zu werden. Eine Sternstunde meiner Kindheit. Doch von vorn:

Adventszeit 1976. Der kleine Oliver, 13 Jahre, etwas dicklich, wartet am Fenster auf den Postboten. Da kommt er! Endlich. Im Arm: Das Westpaket. Familienkreis um den Tisch. Mutter, Brüder, Vater. Alle gucken gespannt. Der Deckel geht auf. Peter-Stuyvesant-Zigaretten, Kaffee, Nimm Zwei, Schokolade. Das ganze Wohnzimmer riecht wie ein Intershop. Jetzt kramt die Mutter eine Tüte hervor. Ein Pullunder, vier T-Shirts. Und meine "Jinglers".

Die aus der Fernsehwerbung. Jeder kennt sie, keiner hat sie. Die coolste Jeans auf dem ganzen Planeten. "Jinglers" haben kleine Klingelglöckchen eingenäht am Hosenbein. Nicht nur eine Jeans, sondern eine, die bei jedem Schritt leise bimmelt. Ist das abgefahren? Gleich anziehen. Schaulaufen im Wohnzimmer. Bimmel, bimmel. Die Familie applaudiert. Glückshormone.

Nächster Tag. Schulhof, POS Rothensee. Auch die Mädchen aus der 10. Klasse wollen meine Glöckchen anfassen. Na gut. Oliver hat heute endlich mal die Aufmerksamkeit, die er verdient. Jeder Schritt ein Laufsteg.

Die Pause ist zu Ende. Jetzt kommt Geografie. Beim Direktor. Mist, aber ich bin vorbereitet. Thema ist Bulgarien. Mappe auspacken. Er kommt rein, schlagartig sind alle still.

Westermann. Sein Vorname war "Herr". Anfang 50, jeden Tag der gleiche braune Anzug. Modell 1961. Er ging nicht, er schlich. Er schaute dich nicht an, er fror dich ein. Er lächelte nur, wenn die Mutter dabei war. Kein Quatsch: Wenn Westermann im Herbst unter den Schulhof-Bäumen entlangging, haben die sofort ihre Blätter abgeworfen. So einer war Westermann.

Geografiestunde. Es läuft zunächst gut, ich komme nicht dran. Nicht unnormal bei 36 Kindern in der Klasse. So war das damals. "Oliver! Nach vorn an die Karte!" Westermann sitzt am Lehrertisch und blickt nicht einmal vom Klassenbuch auf. Wie jetzt, ich? Es wird still im Klassenraum. Grabesstill. Nur Uwe, die dumme Sau, kichert leise. Ängstlich stehe ich auf und schreite langsam den Mittelgang entlang. Gaaanz vorsichtig.

Bimmel, bimmel, hell klingeln die Glöckchen.

Westermann dreht seinen Kopf ruckartig zu mir. Langsam bimmele ich am Lehrertisch vorbei Richtung Kartenständer. Das Industriegebiet von Plowdiw fest im Blick. Da schreit er plötzlich wie von Sinnen los: "WAS SOLL DAS?" Sein Mund bebt. Gelbe Zähne! Gleich frisst er mich. "Ich will sofort eine ERKLÄRUNG!" Ich muss sagen, das war der Moment, wo ich mir fast in meine "Jinglers" geschissen hätte.

Was folgte, war ein Eintrag ins Hausaufgabenheft: "Oliver erschien heute mit Glocken an der Hose. Das ist keine angemessene Schulkleidung." Meine Mutter unterschrieb mit "Frohe Weihnachten, Dr. Schlicht". Und dann hat sie mir die Glöckchen abgeschnitten. Nur wegen Westermann.

Der schlich weiter über die Schulflure von Rothensee. Nur manchmal blieb er abrupt stehen. Hatte er da etwas gehört? Noch so ein Bimmelant? Nein, da war nichts. Was er nicht wusste: Ein "Jinglers"-Glöckchen hat weiter gebimmelt - an meiner Federmappe. Oliver Schlicht