Magdeburg l "Im vergangenen Jahr hat mir eine Onkologin gesagt, dass ich mir die falsche Impfung habe geben lassen. Für mich sei Fluad der richtige Impfstoff gegen die Grippe", erzählt Maria Maaß. Sie nahm jetzt - aufgeklärter als im Vorjahr - Anlauf zur Grippeschutzimpfung 2014. "Bei meiner Hausärztin wiesen mich die Schwestern ab und erklärten, es stünden für mich als Kassenpatientin nur zwei andere Impfstoffe zur Verfügung, alles andere gegen Zuzahlung. In der onkologischen Praxis war der Impfstoff nicht verfügbar." Auch ihr Weg ins Gesundheitsamt erwies sich als vergeblich. Mit Fluad wird dort nicht geimpft. "Was kann ich tun?", fragt Frau Maaß. "Mich ärgert das Ganze gewaltig."

Gesundheitsamtschef Dr. Eike Hennig bestätigt die Angaben der Frau. "Es gibt die offizielle Empfehlung, älteren Menschen mit chronischen Erkrankungen das wirkverstärkte Fluad zu impfen." Die Impfaktionen im Amt seien allerdings viel mehr eine an die Allgemeinheit gerichtete aufklärerische Geste. "Wir verfügen dafür nur über einen Impfstoff und verweisen Patienten mit speziellem Bedarf an ihre Ärzte", so Hennig. Natürlich sei sein Amt an einem bestmöglichen Impfschutz für die Bevölkerung interessiert, weshalb er, so Hennig, sich auch schon 2012 an die Seite der Kassenärzte gestellt habe, als diese eine Praxis der Krankenkassen kritisierten, die ihren Mitgliedern den Zugang zum bestmöglichen Schutz verwehrten.

In Magdeburg war der Kinderarzt und Impfexperte Dr. Gunther Gosch Vorreiter der Bewegung. Gosch nannte es "skandalös", dass die Kassen die Impfung von Kindern mit dem neuen und besser wirksamen Grippeschutz-Impfspray Fluenz nicht zu finanzieren bereit waren. Seine Kritik an einer Systematik, nach der Krankenkassen das Gebot der Wirtschaftlichkeit vor das der bestmöglichen Vorsorge bzw. Behandlung stellen, hält der Mediziner aufrecht - auch mit Blick auf die aktuelle Impfsaison.

"Die Kassen haben die Impfstoffe erneut ausgeschrieben, Rabattverträge abgeschlossen und weisen Ärzte zur Verordnung von zwei herkömmlichen Impfstoffen an, eben der billigsten", so Gosch. Kassenärzte sind verpflichtet, ihre Patienten mit diesen Impfstoffen zu versorgen, allerdings - darauf verweisen Gosch, Hennig und auch Sprecher von AOK und Barmer unisono - nicht ausnahmslos. In speziellen Fällen dürfen Ärzte auch andere Impfstoffe abrechnen, soweit sie von der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut empfohlen werden. Während Fluad für ältere Menschen mit Vorerkrankungen bereits seit Jahren wegen seiner besseren Wirksamkeit auf der Empfehlungsliste steht - Frau Maaß war also richtig informiert -, rückte erst 2013 auch das von Gosch angemahnte Nasenspray Fluenz nach. Sein Einsatz wird für Kinder von 2 bis 6 Jahren nahegelegt. Weder Fluad noch Fluenz fanden Berücksichtigung in den Rabattverträgen, auf Basis derer die Kassen die Impfstoffe von Pharmafirmen ordern. AOK-Sprecher Bernd Franke verweist darauf, dass der Arzt "grundsätzlich den vereinbarten Grippeimpfstoff zu verordnen" hat. Nur in "medizinisch begründeten Einzelfällen" sei der Einsatz anderer Impfstoffe "ausnahmsweise und unter strenger Beachtung des Wirtschaftlichkeitsgebots" möglich. Die Gründe dafür seien vom Arzt "patientenbezogen zu dokumentieren". Nach einer Einladung zur Großzügigkeit klingt das nicht. Kinderarzt Gosch sieht in solchen Formulierungen den Grund, dass manche Kollegen möglicherweise den Aufwand oder die Auseinandersetzungen mit Kassen scheuen, und hält das für Kassenstrategie. "Für Kinder von 2 bis 6 erachte ich den Einsatz von Fluenz grundsätzlich als indiziert, schon weil fast alle die Kita besuchen."

Zurück zu Maria Maaß. Mit den von der Redaktion recherchierten Fakten aufgerüstet, sprach sie erneut in ihrer Arztpraxis vor. "Ich bin jetzt mit Fluad geimpft, ohne Zuzahlung."