Mazar-e Sharif/Havelberg l Backofenhitze schlägt den Soldaten entgegen, die auf dem Flugplatz in Mazar-e Sharif (MeS) mit der Transall gelandet sind. 39,8 Grad sind es, ein leichter Wind weht. Dabei ist das schon kühl, finden die Soldaten. Im Sommer waren es gut 45 Grad. Sengende Hitze im Wechsel zu klimatisierten Räumen, Containerleben, Dienst von morgens bis abends, tristes Beige-Grau, wohin man schaut, Schotter, betonierte Straßen und Wege, Staub und Sand, fast durchgehender Fluglärm. Für drei bis sechs Monate, je nach Auftrag. Wie kommen die Soldatinnen und Soldaten damit klar?

Die Führungsunterstützer aus Havelberg sind im Juni/Juli nach Afghanistan gestartet. Sie kümmern sich um die Kommunikation per Telefon, Computer und Funk im Camp, zu anderen Einheiten und nach Deutschland. Vorrangige Aufgabe ist es, das IT-System für die neue Struktur zu reduzieren. Wenn das Sicherheitsabkommen zwischen Afghanistan und den USA zustande kommt - mit der Entscheidung zur Präsidentschaftsfrage ist die Voraussetzung dafür geschaffen worden - will Deutschland mit bis zu 800 Soldaten verbleiben. Die ISAF-Mission endet nach 13 Jahren zum 31. Dezember dieses Jahres und es soll die Ausbildungs-, Beratungs- und Unterstützungsmission "Resolute Support" anschließen.

"Ich würde jedes Jahr in den Einsatz gehen." - René, Oberstabsgefreiter

Die Fernmelder übernehmen neben den technischen Um- und Abbauten Beratertätigkeiten für die afghanischen Sicherheitskräfte. Letzteres ist auch der Auftrag für die drei Havelberger Pioniere, die als Berater des Kommandeurs der Pionierschule und Ausbilder fungieren. Im 20 Kilometer entfernten Camp Shaheen des 209. Korps der afghanischen Armee ANA stehen sie den einheimischen Ausbildern zur Seite. Die Afghanen sind sehr wissbegierig, wollen lernen, berichten Oberstleutnant Frank, Oberleutnant Maik und Hauptfeldwebel Alexander. Etwa, wenn es darum geht, die modernen Pioniermaschinen beim Bau von Straßen richtig einzusetzen. Künftig sind sie selbst in der Lage, nach Erdrutschen oder Regenfällen Straßen zu reparieren.

Während die Berater außerhalb des Camps tätig sind, gibt es viele Soldaten, die das rund zwei mal anderthalb Kilometer große Feldlager nie verlassen. Sie haben sich arrangiert damit. Klar gibt es Sachen, die stören. Etwa, wenn auf Banalitäten wie fehlende Gummibänder an den Hosenbeinen geachtet wird. Doch geht es den meisten gut. Logisch, dass ihnen ihr Zuhause, ihre Familie, ihre Freunde fehlen. "Die Entscheidung, in den Auslandseinsatz gehen zu müssen, fällt doch aber schon mit der Berufswahl", findet ein Soldat. Probleme haben meist die jüngeren Soldaten Anfang 20, sagt Major René, der aus dem Elbe-Havel-Land stammt und Kompaniechef der Feldjäger ist. Sie haben oftmals noch keine stabile Beziehung und es kommt zu Problemen mit der Freundin zu Hause. "Das ist hier anders als zwei Wochen auf einem Übungsplatz." Jeden Tag Dienst, kein Wochenende, da kann es zu Motivationsproblemen kommen. Dann ist es die Aufgabe der anderen, den Kameraden aufzubauen.

"Ich würde gern jedes Jahr in den Einsatz gehen", bekundet dagegen Oberstabsgefreiter René. Die Arbeit fernab vom Dienstalltag in der Kaserne gefällt ihm.

Man lernt die Menschen verstehen und Dinge zu reflektieren. In einem anderen Auslandseinsatz hat der Perleberger über hundert Tage mit einem Soldaten auf einer Stube gewohnt und in derselben Schicht gearbeitet. "Trotzdem hatte jeder mal zwei Stunden für sich, wenn der andere zum Beispiel zum Sport gegangen ist." Man versteht sich, die Kameradschaft wächst - das bestätigt jeder, der im Einsatz war.

"Auch in Deutschland kann mir was passieren." - Erik, Hauptfeldwebel

"Meine Familie steht hinter mir", berichtet René von seinen beiden sechs und sieben Jahre alten Kindern, die bei ihrer Mutti wohnen. Ist er zu Hause, verbringen sie viele Wochenenden mit ihm und seiner Lebensgefährtin. Jetzt besuchen sie Oma und Opa an den Wochenenden. Hat seine Lebensgefährtin Ängste um ihn? "Sie teilt sie mir nicht mit und macht es mir dadurch einfach." Allerdings muss er nicht raus aus dem Feldlager. "Darüber bin ich heilfroh." Als Truppsoldat bei den Fernmeldern gehört er aber dem Sicherungszug an, für den jede Kompanie Soldaten stellt. Im Alarmierungsfall verteidigen sie das Feldlager.

Hauptfeldwebel Erik, der sich mit seinem Team um das taktische Funksystem Tetrapol kümmert, war schon dreimal im Einsatz in Afghanistan und einmal in der Türkei. Für ihn ist das fast schon Alltag. Mit Blick auf die Auflösung des Führungsunterstützungsbataillons zum Ende dieses Jahres ist er bereits nach Erfurt gewechselt. Seine Frau und der 13 Monate alte Sohn wohnen noch in Havelberg. "Die Arbeit macht meistens Spaß im Einsatz. Ich habe das Gefühl, dass das mehr Sinn ergibt als in Deutschland." Er kennt Einsätze außerhalb des Camps. "Der Respekt fährt natürlich mit. Aber wir sind gut ausgebildet, sind in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs. Meine Frau weiß, dass ich Berufssoldat bin. Die Gefahr ist immer mit dabei, aber mir kann auch in Deutschland auf der Autobahn was passieren." Ein Satz, der oft fällt, fragt man nach dem Umgang mit der Gefahr im Afghanistan-Einsatz, wo landesweit Angriffe von Aufständischen, Selbstmordattentate und Sprengfallen zum täglichen Leben dazu gehören.

Die Betreuungseinrichtungen im Camp sind gut. Dennoch gibt es natürlich Wünsche - außer der Sehnsucht, endlich Familie und Freunde wiederzusehen. Vermisst wird zum Beispiel das Grün von Rasen, Bäumen und Blumen. Sport ist ein wichtiger Ausgleich. Manch einer dreht draußen trotz Hitze, Staub und Sand entlang der Campmauern seine Laufrunden. Doch die meisten nutzen die Hallen mit diversen Sportgeräten und den Badmintonfeldern. So auch Oberfeldwebel Matthias aus Aschersleben, Hauptfeldwebel Eugen aus dem Ostfriesischen und Hauptfeldwebel Patrick aus Stendal. Gerade sind sie per Hubschrauber aus Termez/Usbekistan vom Lufttransportstützpunkt zurückgekehrt. Dass sich immer zwei Soldaten einen Container teilen, ist für sie kein Problem. "Dort sind wir doch nur zum Schlafen." Dennoch benötigt jeder auch mal zehn Minuten für sich. "Und wenn man sich nur mal auf den Wachturm stellt und einfach in die Landschaft guckt", sagt Eugen.

Man lernt hier auch Kleinigkeiten zu schätzen." - Eugen, Hauptfeldwebel

Für etwas Behaglichkeit wird überall gesorgt. Bei den Fernmeldern fallen aus Stein gebaute Wasserspiele auf, auf Pappe gemalte Palmen und ein Gehege an der Sitzecke. Dort sind Vierzehenschildkröten zu Hause, die der Magdeburger Oberfeldwebel Martin nach der Auflösung des Feldlagers in Faizabad 2012 mit nach MeS gebracht hatte.

Große Bedeutung hat der Rückhalt zu Hause, in der Familie. Die Soldaten schätzen dabei auch die Leistung ihrer Partnerin. Aufgaben, die sich normalerweise zwei teilen, müssen sie allein bewältigen. "Solch ein Einsatz hat auch was Gutes", sagt Eugen. Beide erkennen noch besser, was sie aneinander haben. Er vermisst seine vierjährige Tochter sehr. Kinderlachen direkt zu erleben, steht nicht nur bei ihm oben auf der Wunschliste. Nach seinem ersten Einsatz in Mazar-e Sharif im Jahr 2007 ist er zum sechsten Mal dort.

"Die Bevölkerung hier ist sehr gastfreundlich, die Menschen würden ihr letztes Hemd geben. Obwohl es ihnen so schlecht geht, haben sie immer ein Lächeln übrig. Das sagt mir, dass wir auf ganz hohem Niveau jammern. Man lernt hier auch Kleinigkeiten zu schätzen. Das Volk hat es verdient, dass endlich Ruhe einkehrt. Ich werde das Land nie vergessen, ein Teil von mir bleibt hier. Mein Wunsch ist es, dass ich als Rentner Afghanistan als Urlauber besuchen kann und sage, ich war hier, ich habe mitgeholfen."

 

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