Osterburg l Bei den meisten Patienten braucht der Doktor keine Karteikarte mehr. Er sagt sofort "Hallo, wie geht´s?". Er fragt auch nach den Eltern und den Kindern. "Die Menschen wollen als Familie betreut werden", sagt Uwe Pommrich. Er ist ein alter Hase im Geschäft und weiß, worauf es ankommt. Weiß, dass Worte manchmal mehr heilen als ein Medikament und dass viele Patienten genau deswegen kommen - bezahlt aber wird das nicht. Das Arztbild habe sich verändert, "wir sind ein Dienstleistungsberuf geworden". So eben sei die Zeit, aber diese neue Zeit, ein wenig liegt sie Pommrich im Magen. Doch er will nicht nur meckern, er lebt gerne heute, ist gerne Arzt.

Alle Söhne folgen dem Vorbild des Vaters

Dem Vater hat er es zu verdanken, dem Chirurgen und Gynäkologen, der auch Ärztlicher Direktor des Stadtkrankenhauses war. 1931 kommt Dr. Walter Pommrich nach Osterburg. Und immer liegt da diese stille Hoffnung im Raum, seine Kinder werden es ihm gleich tun, auch Arzt werden.

Vier Söhne kommen zur Welt und in der Tat, alle folgen dem Vater: Der erste wird Urologe, der zweite HNO-Arzt, der dritte Allgemeinarzt, der vierte - Uwe Pommrich - auch HNO-Arzt. Er studiert in Magdeburg an der Medizinischen Akademie, macht dort auch seine Facharztausbildung. Als er nach Osterburg zurückkommt, hat er seine Frau Elisabeth an seiner Seite. Sie ist Gynäkologin, die beiden haben heute eine Praxisgemeinschaft. Aber daran ist damals noch nicht zu denken. Der Weg zurück nach Osterburg hat neben heimatlicher Verbundenheit auch ganz praktische Gründe: "Es war nicht so leicht, eine Wohnung zu bekommen", sagt Pommrich, der ins Elternhaus einzieht. Als junger Arzt baut er ab 1976 die HNO-Abteilung in der Kreispoliklinik auf. Es entsteht darüber hinaus eine gute Zusammenarbeit mit der Kinderstation des Seehäuser Krankenhauses. Pommrich operiert dort. "Das hat wunderbar geklappt."

Die Wende erlebt Pommrich als eine Art Kulturschock. "Wir waren vorher staatlich angestellt und wurden nun in eine Unternehmer- und Arbeitgeberrolle gedrängt." Das wollte erstmal verdaut werden. Die Kreispoliklinik wird geschlossen und Osterburger Ärzte machen sich auf, den zu DDR-Zeiten begonnenen Anbau am Stadtkrankenhaus in Eigenleistung zu vollenden. "Wir waren vorher nie verschuldet, das war alles ganz neu", erinnert sich Pommrich.

Weil es Probleme mit dem Vermieter gibt, ziehen die Ärzte bald nach und nach wieder aus. Das Ehepaar Pommrich muss sich wieder neu orientieren, lässt sich 1996 schließlich in der Werderstraße nieder. Noch einmal teure Investitionen. Doch diese Bleibe ist von Dauer. Sie sei perfekt eingerichtet - Pommrichs Nachfolger müsste nur in die Praxis eintreten und sich auf seinen Stuhl setzen. "Mehr nicht."

Bisher aber war alles Werben umsonst. "Die jungen Ärzte wollen keine private Haftung mehr übernehmen." Es sei schon paradox, bald hätten "wir die Poliklinik wieder". Und ein Stück weit kann Pommrich das auch verstehen. Er will sich in Wahrheit auch nicht um den tropfenden Wasserhahn kümmern müssen, um die Tür, die klemmt und Druckerpapier. Auch das Betriebswirtschaftliche, es ist nie so richtig seins geworden. Doch die Zeit drängt. Pommrich fühle sich nicht alt und merke doch, dass er älter wird. "Und zwar daran, dass ich mich nicht mehr auf so viel Neues einlassen will."

"Wunderbare Zusammenarbeit"

Wenn Pommrich endgültig in Rente geht, wird er nicht anfangen, Rosen zu züchten. Er will in Deutschland umherreisen, häufiger als jetzt auf die Insel Rügen fahren, die Wahlheimat der Pommrichs. Er wird immer mal wieder Dresden besuchen, woher seine Eltern stammen. Und natürlich will er häufiger bei seinen drei Kindern und zwei Enkelkindern aufschlagen - ein Sohn ist Orthopäde und Unfallchirurg.

Ferner möchte Pommrich seinen Freundeskreis besser pflegen. Darunter sind auch Ärzte aus Osterburg und Seehausen. "Wir haben hier eine wunderbare Zusammenarbeit." Sie gehe weit über das Berufliche hinaus. Das Berufliche: Wenn nicht Arzt, wäre Pommrich womöglich Kfz-Schlosser geworden. Irgendwas Technisches. Früher hat er "gerne geschraubt". Vielleicht kann er auch dieses Hobby irgendwie wiederbeleben. Wenn er es schafft, seine Praxis zu übergeben oder zu schließen - einer seiner Brüder praktiziert noch mit 77 Jahren. "Der ist topfit."