Sie begannen als Schülerband in Magdeburg und starteten dann weltweit durch. In einem Mini-Konzert bei Radio SAW stellten Tokio Hotel jetzt ihr viertes Studioalbum "Kings of Suburbia" vor. Am Rande sprach Volksstimme-Redakteurin Elisa Sowieja mit den Zwillingen Bill und Tom Kaulitz.

Wie ist es, wieder zu Hause zu sein?
Bill:
Herrlich! Leider sehen wir immer gar nichts von der Stadt, in der wir gerade sind - wobei wir Magdeburg nun schon kennen. Aber wir freuen uns trotzdem, dass wir hier sind.

Sie haben hier ein Konzert vor nur zwei Dutzend Zuhörern gespielt. Wie hat sich das angefühlt?
Bill:
Das war ungewohnt! Ich finde es auch mal ganz schön, wenn einem die Leute so nahe sind.
Tom: Ich bin dann immer fast aufgeregter als sonst. Das fühlt sich intimer an.

Sie sind schon seit vergangener Woche in Deutschland. Was haben Sie seitdem gemacht?
Tom:
Wir machen von früh bis spät Promo für das neue Album. Morgens um 9 Uhr fangen wir an, und dann geht das bis 22 Uhr. Danach schlafen wir und fahren anschließend in die nächste Stadt.

Und wie viel Zeit bleibt für Freunde und Familie?
Bill:
Leider ganz wenig. Tom und ich wollen eventuell noch ein paar Tage an unseren Deutschland-Besuch anhängen, um auch mal die Familie zu besuchen. Manchmal schaut jemand bei Terminen zu. Aber wir müssen danach immer direkt wieder los und schaffen es nicht, noch gemeinsam essen zu gehen.
Tom: Vor den ersten Promo-Terminen waren wir aber auch schon in Hamburg und haben dort ein wenig die Tour vorbereitet.

Steht denn Magdeburg mit auf dem Plan?
Bill: Das wissen wir noch gar nicht. Ich denke, wir werden in Blöcken das ganze nächste Jahr lang touren. Über den genauen Plan machen wir uns wahrscheinlich in den kommenden Wochen Gedanken.
Tom: Vielleicht geben wir einfach ein Geheimkonzert unter falschem Namen in der Factory!

Sie leben seit 2010 in Los Angeles. Was hat Magdeburg zu bieten, das es dort nicht gibt?
Tom:
Pflaumen- und Rhabarberkuchen.
Bill: Genau. Unsere Oma macht immer schönen Pflaumenkuchen und friert ihn ein, bis wir zu Besuch kommen. Wir vermissen überhaupt deutsche Backwaren - Schwarzbrot und Brötchen, so was gibt`s in Amerika nicht.

Sehen Sie Magdeburg noch als Ihre Heimat an?
Bill:
Nicht so richtig. Man muss bedenken, dass wir nie direkt in Magdeburg gewohnt haben, sondern in Loitsche. Und von dort sind wir schon mit 15 weggezogen. Für uns ist Heimat dort, wo unsere Familie ist. Am Anfang ist sie ja auch mit nach L.A. gekommen. Und Tom und ich haben ohnehin immer Familie dabei, dadurch, dass wir Brüder sind. Aber wir haben auf jeden Fall Erinnerungen an Magdeburg. Wenn man hier langfährt, kommt mir heute alles viel kleiner vor - was vielleicht auch daran liegt, dass ich ein bisschen gewachsen bin.
Tom: Klar haben wir Erinnerungen, hier waren wir auf unseren ersten Partys.

Apropos Familie: Sie beide wohnen bis heute zusammen - Ihre Bindung scheint besonders stark zu sein.
Bill:
Für uns stellt sich gar nicht die Frage, ob wir mal auseinanderziehen. Wir fänden`s ganz schön, wenn wir eines Tages Häuser hätten, die mit einem Tunnel verbunden sind. Aber momentan wohnen wir noch in einem Haus.
Tom: Die Familienbindung ist aber bei allen von uns stark. Georg und Gustav sind eigentlich wegen ihrer Familien noch in Magdeburg.

Während die beiden in Magdeburg wohnten, ist in L.A. der Großteil des neuen Albums entstanden. Wie lief das praktisch ab?
Tom:
Wir haben in L.A. produziert und sind zwischendurch nach Deutschland gekommen. Vieles macht man auch über`s Internet, so sind teilweise ganze Aufnahmen entstanden. Da saßen Produzenten in Deutschland, und dann hat man gemeinsame Sessions gemacht. Als Band haben wir viel in Hamburg aufgenommen.

Und keiner hat`s mitbekommen.
Bill:
Nein, das haben wir ja nicht vorher angekündigt.

Sie sind in Deutschland sicher öfter undercover unterwegs.
Bill:
Wenn wir privat unterwegs sind, versuchen wir immer unerkannt zu bleiben.
Tom: Dann schreiben wir vorher auf Instagram: "Hallo Mexiko!" - und keiner weiß, dass wir hier sind.

Auf dem Album findet sich kein deutsches Lied mehr. Ist das eine endgültige Entscheidung für Ihre Musik?
Tom:
Nein. Wir haben uns einfach bei diesem Album nicht danach gefühlt, die Texte zu übersetzen. Beim letzten haben wir das oft gemacht, sogar zu 90 Prozent von Englisch auf Deutsch. Es wurde damals irgendwie erwartet und wir fühlten uns ein bisschen verpflichtet. Dieses Album wollten wir so lassen, wie es entstanden ist. Wenn wir irgendwann mal wieder einen Song auf deutsch schreiben, dann übersetzen wir den auch nicht ins Englische.

Das neue Album klingt sehr elektronisch. Wie groß war die Angst, dass die Fans den neuen Sound nicht mögen?
Bill:
Wenn man Fan einer Band ist, möchte man am liebsten, dass sie sich nie verändert. Aber wir wollten nicht irgendwelche Erwartungen erfüllen. Ich glaube, man kann nur Erfolg haben, wenn man selbst zu 1000 Prozent das toll findet, was man macht. Dabei ist es normal, dass es auch Leute gibt, die das nicht so gut finden. Das ändert sich aber mittlerweile von Song zu Song. Ich finde, man darf sich da nicht so verrückt machen.

In den ersten beiden Videos zum Album und auf dem CD-Cover der Single "Love who loves you back" spielt Sex eine große Rolle. Haben Sie bewusst Provokationen gebündelt?
Bill:
Viele sagen, wir haben ein Sex-Paket gemacht. Das haben wir überhaupt nicht, denn man muss dazu sagen: Wir entscheiden immer in dem Moment, in dem wir etwas tun. Zwischen den beiden Videodrehs lagen ein paar Wochen. Die Öffentlichkeit bekam dann ein Paket, und wir selbst haben gar nicht gemerkt, dass es so versext sein könnte.

Wobei das Video zu "Love who loves you back" schon sehr versext ist. Es zeigt Sie inmitten einer Knutsch-Orgie.
Bill:
Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich wollte so etwas eigentlich schon zum letzten Album drehen, weil ich den Film "Das Parfum" so toll finde. Dort gibt es ja in der letzten Szene eine Orgie, als sich der Mörder das Parfum auftupft, das er kreiert hat. Ich wollte das mit Musik machen. Zu dem Song hat es perfekt gepasst.

Was inspiriert Sie noch?
Bill:
Die Freiheit. Wir konnten in L.A. zum ersten Mal wieder richtig leben und uns von Menschen und der neuen Stadt inspirieren lassen. Zu dieser Zeit haben wir auch wieder angefangen zu schreiben. Vorher haben wir so viel Zeit in Hallen verbracht, dass ich überhaupt nicht mehr wusste, worüber wir schreiben sollten. Die Luft war einfach raus.
Tom: Inspirierend war auch die Zeit, die wir außerhalb von L.A. hatten. Wir sind gereist und waren viel auf Festivals. Der eigene Musikgeschmack hat sich verändert.

In Deutschland hatten Sie damals sogar Angst - zum Beispiel, weil man in Ihre Hamburger Villa eingebrochen war. Ist es noch beklemmend, wenn man zurück nach Deutschland kommt?
Bill:
Deutschland fühlt sich immer sehr viel intimer an. In L.A. sind so viele Menschen, da kann man super untertauchen. Als ich letzte Woche in Deutschland aus dem Flieger gestiegen bin, musste ich Hundefutter kaufen. Im Laden war ich der Einzige, es kam sofort eine Mitarbeiterin und wollte mir helfen. Wenn du in L.A. mal Hilfe brauchst, musst du erstmal eine Stunde lang jemanden suchen.
Tom: Man kann auch Deutsch reden, ohne dass einen jemand versteht.
Bill: Genau. Und dort sind viele Freaks unterwegs, da fällt man gar nicht auf.

Dann ist es momentan keine Option für Sie, wieder zurückzuziehen.
Bill:
Für uns ist es einfach super entspannt in L.A. Ich würde das nicht wieder eintauschen wollen. Wenn wir in Deutschland viel unterwegs sind, funktioniert das ganz gut. Aber wenn man zu lange an einem Ort ist, dann sammeln sich viele Leute an. Und dann ist es nicht mehr so einfach. Darum hat das mit dem Leben hier nicht so gut geklappt.

Aber auf Besuch fühlen Sie sich wohl.
Bill:
Das ist schön, wir sind gern in Deutschland. Wenn wir hier leben könnten, dann wäre ich auch gar nicht weggegangen. Ich find`s schon fast peinlich, zu sagen, man wohnt in L.A., weil alle dieses Image von der Stadt haben. Damit haben wir überhaupt nichts zu tun. Wir sind dorthin gezogen, um uns zu verstecken. Wir sind nicht auf die Partys und die roten Teppiche gegangen und wollten irgendein Glamour-Leben führen. Es ist auch nur L.A. geworden, weil wir dort schon Leute kannten.