So soll das Zentrum arbeiten
Die Koordinierungsstelle Lost Art in Magdeburg und die Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin werden unter einem Dach zusammengefasst.
Die Zahl der Mitarbeiter steigt von derzeit zusammen 14 auf zunächst ungefähr 20.
Der Bund zahlt ab 2015 bis zu 6,25 Millionen Euro, die Länder wie bisher 608 000 Euro im Jahr.
Das Land Sachsen-Anhalt stellt den neuen Dienstsitz in Magdeburg kostenlos zur Verfügung.
Das Zentrum bekommt die Rechtsform einer Stiftung. Dadurch können Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände gemeinsame Träger sein.
Die Beteiligten zahlen 25 000 Euro, 24 000 Euro und 1000 Euro als Stiftungskapital ein. (dpa)

Magdeburg l Immer, wenn in Deutschland ein Museum ein bedeutendes Kunstwerk an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben muss, flammen Diskussionen auf. Sie drehen sich um Forschungsgeld, Ankaufsetats und auch um die Rechtmäßigkeit der Ansprüche beraubter jüdischer Sammler und ihrer Erben. Sind diese Diskussionen besonders laut, reagiert auch die Politik.

So war es 2006, als bekannt wurde, dass das Brücke-Museum in Berlin Ernst Ludwig Kirchners "Berliner Straßenszene" an die Erben des Besitzers zurückgeben würde. Die Provenienzforschung, also die Erforschung der Geschichte eines Kunstwerks und seiner Eigentümer, hatte ergeben, dass das Bild seinem jüdischen Eigentümer, dem Erfurter Schuhfabrikanten und Kunstsammler Alfred Hess, nach 1933 "verfolgungsbedingt entzogen wurde", wie diese Form der Enteignung offiziell genannt wird.

Als die Hess-Erben das Bild dann für viele Millionen versteigern ließen, brach eine Diskussion über die Notwendigkeit dieser Rückgabe los, die nicht nur wegen ihrer teilweise antijüdischen Aussagen international für Befremden sorgte.

Ist die Diskussion laut, reagiert auch die Politik


Immerhin hatte die mehr als unschöne Diskussion eine direkte Folge: 2008 wurde die Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin gegründet. Sie fördert Forschungsprojekte an Museen, in Bibliotheken und Archiven. Seit ihrer Gründung wurden 151 Projekte in 78 Museen, 32 Bibliotheken und drei Archiven gefördert.

Am Freitag nun wurde die Gründung des "Deutschen Zentrums Kulturgutverluste" bekannt gegeben. Bund und Länder haben sich darauf geeinigt, eine Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Magdeburg zu gründen. Sie soll "die Vernetzung der Provenienzforschung vorantreiben, nationale und internationale Kooperationen initiieren und begleiten sowie mit universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen kooperieren", wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters und die Kultusminister der Länder mitteilten.

Unter dem Dach des Zentrums werden die Arbeitsstelle für Provenienzforschung, die Koordinierungsstelle Magdeburg, die "Beratende Kommission" sowie weitere Provenienzforscher-Vereinigungen zusammengefasst. "Die Gründung des `Deutschen Zentrums Kulturgutverluste` ein Jahr nach Bekanntwerden des Falls Gurlitt ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg der Aufarbeitung des nationalsozialistischen Kunstraubs in Deutschland", sagte Kulturstaatsministerin Grütters. Allerdings, so muss man hinzufügen, wäre das Zentrum ohne den international Aufsehen und Kritik erregenden "Fall Gurlitt" jetzt gar nicht gegründet worden.

Mitte 2013 wurde bekannt, dass in einer Münchner Wohnung die bis dahin - auch der deutschen Forschung - völlig unbekannte "Sammlung Gurlitt" lagert. Hildebrand Gurlitt war einer von vier Kunsthändlern, die von Hitler mit dem Verkauf beschlagnahmter Kunst aus jüdischem Besitz beauftragt worden waren. Inwieweit sich die Gurlitt-Sammlung aus solchen beschlagnahmten Werken zusammensetzt, wird Gegenstand weiterer Forschungen in Deutschland sein müssen - selbst wenn die Sammlung ins Kunstmuseum Bern geht.

Wie dringend die neue Stiftung benötigt wird, zeigt auch eine aktuelle Umfrage des Instituts für Museumsforschung. Nach dieser Umfrage kennt bisher nur jedes fünfte Heimat-, Technik- oder Naturwissenschaftsmuseum die Möglichkeit, seine Sammlung mit Hilfe einer staatlichen Förderung zu untersuchen. Der Museumsverband Sachsen-Anhalt lädt deshalb am 10. November seine Mitglieder zu einer Fortbildung ein. Thema der Veranstaltung: "Provenienzforschung - Auch ein Thema für kleine Museen?"

Die Antwort lautet natürlich "Ja!", denn selbst Museen mit langjähriger, kontinuierlicher Erforschung der eigenen Bestände sind nicht vor Überraschungen gefeit, wie beispielsweise die Staatlichen Museen zu Berlin. Sie waren nicht nur das erste deutsche Museum, das schon 1999 zwei Kunstwerke an Erben jüdischer Sammler zurückgab. Sie forschten und restituierten immer weiter.

Museen sollten die Geschichte ihrer Sammlung gut kennen


Erst am Mittwoch dieser Woche gaben sie zwei Zeichnungen aus der Sammlung von Dr. Marianne Schmidl aus Wien, die 1939 und 1941 angekauft worden waren, an deren Erben zurück.

Und 2008 standen sie überraschend der Forderung nach Rückgabe des sogenannten Welfenschatzes gegenüber. Der Kirchenschatz mit bedeutenden Goldschmiedearbeiten aus dem 11. bis 15. Jahrhundert war 1929 von den Hannoveraner Fürsten an ein jüdisches Händlerkonsortium verkauft worden. Die Händler verkauften einige Teile in der ganzen Welt und 44 Stücke 1935 an den preußischen Staat, dessen Schätze heute Teil der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind.

Die Erben der Händler forderten 2008 den Schatz zurück, da der Kaufpreis zu niedrig gewesen sei. Da die Preußenstiftung das anders sah, wurde die "Beratende Kommission", eine unabhängige Schiedsstelle mit Sitz in Magdeburg, angerufen. Sie entschied aufgrund der ihr vorgelegten Forschungsergebnisse, dass eine Restitution nicht gerechtfertigt wäre.

So weit muss es nicht kommen, wenn Museen die Geschichte ihrer Sammlung gut kennen. Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle zum Beispiel konnte 2006 nachweisen, dass es rechtmäßige Besitzerin von Franz Marcs Gemälde "Weiße Katze" und Albert Weisgerbers "Sebastian in Blau" aus der Sammlung Fischer ist. Erben hatten die beiden Bilder vom Museum zurückgefordert, das Museum wies nach, dass es die Bilder bereits 1924 auf der Basis eines Leibrentenvertrages bekommen hatte.

Es wäre schön, das neue Magdeburger Zentrum arbeitet in Zukunft so professionell und effektiv, dass nicht noch ein Skandal nötig ist, um diesen Teil der deutschen Geschichte endlich umfassend aufzuarbeiten und allen vor 80 Jahren beraubten Kunstsammlern und ihren Familien zu ihrem Recht zu verhelfen.

 

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