Der Autor
Johann Legner kennt Joachim Gauck seit rund 24 Jahren. Der 60-Jährige hat für ihn von 1996 bis 2000 als Pressesprecher bei der Stasi-Unterlagenbehörde sowie 2012 bei seinem Wahlkampf um die Kandidatur als Bundespräsident gearbeitet. Gauck und Legner wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft in Berlin-Dahlem. Johann Legner ist Autor und Journalist. Der studierte Politikwissenschaftler und Volkswirt begann seine Laufbahn bei der taz, war später für die ARD und n-tv tätig, schließlich auch Ressortleiter Politik und stellvertretender Chefredakteur der Lausitzer Rundschau in Cottbus.

Volksstimme: Was ist eigentlich das Besondere an diesem Mann, der nach seiner Zeit als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde zwar ein beliebter Redner, aber politisch sonst unauffällig war, und dann auf einmal zum Bundespräsidenten taugte?
Johann Legner: Ich habe ihn 1990 erstmals gesehen, und so seltsam das klingen mag: Ich habe damals schon gedacht, der Joachim Gauck ist ein Buch wert. Er ist ein wirklich guter Redner, es gibt nur einen, der meiner Erfahrung nach viel besser ist, das ist Bill Clinton. Die Fähigkeit zur Kommunikation ist in der politischen Sphäre manchmal entscheidend.

Sie behaupten, die erste kritische Biografie über ihn geschrieben zu haben. Was könnte ihm denn an Ihrem Buch nicht behagen?

Das ist die erste Version seiner Lebensgeschichte, auf die er keinen Einfluss hatte. Was mir dabei wichtig ist, dass die Leser bestimmte Abschnitte besser verstehen, über die bislang Unklarheit herrschte. Dazu gehört beispielsweise das Elternhaus, das auf erstaunliche Weise verstrickt war in den Nationalsozialismus. Und sie werden wenig deutsche Familien finden, in denen der Zweite Weltkrieg so geringe Spuren, zumindest schreckliche, hinterlassen hat. Dazu gehört auch, dass er bestimmte Lebensabschnitte besonders akzentuiert, die - im Vergleich mit anderen Familienschicksalen - gar nicht so bedeutsam waren, zum Beispiel die Internierung seines Vaters in Russland. Das sind beispielsweise Dinge, die ich in ein anderes Licht setze.

Sie waren Gaucks Pressesprecher, als er noch die Stasi-Unterlagenbehörde leitete sowie bei seinem Wahlkampf vor zwei Jahren um das Amt des Bundespräsidenten. Wie eng ist Ihr Verhältnis?
Ich habe ihn im Frühjahr 1990 kennengelernt, als in der Volkskammer darüber diskutiert wurde, wie man mit den Stasi-Unterlagen weiter umgehen sollte und er plötzlich als Retter in einer völlig verfahrenen Situation auftauchte. Man brauchte aus der Gruppe des Neues Forums - die ja nicht an der Regierung de Maizière beteiligt war - jemanden, der Schiedsrichter spielte. Ich habe damals für die ARD über die Vorgänge berichtet.

War das Verhalten nicht eher ungewöhnlich für Gauck, der sich sonst meist zurückhielt, wenn es darum ging, aktiv eine politische Rolle zu spielen?
Das ist richtig. Aber er gehörte zu einer Gruppe von Abgeordneten, die innerhalb weniger Monate verschwand und deren Mitglieder an anderer Stelle auftauchten. Dazu gehörte beispielsweise Matthias Platzeck, der spätere SPD-Vorsitzende. Allen war nach wenigen Tagen schon klar, dass das eine Zwischenepisode war und bis auf einige wenige mussten alle schauen, wo sie unterkamen. Gauck hatte nicht das Profil um auf der großen nationalen Ebene sofort eine Rolle zu spielen.

Was fehlte ihm dazu?
Eigentlich kannte ihn niemand außerhalb Mecklenburgs. Er war eine Provinzgröße. Ihm fehlte die Basis für eine politische Karriere. Und wenn er die anstrebte - deshalb war er ja nach Berlin gegangen - , musste er ein Thema finden. Er hatte ja keines.

Hat er das damals gefunden?
Ja, das hat er. Und ich kann mir schwer vorstellen, dass er ein anderes gefunden hätte. Das war das Thema, das auf ihn zukam: den Unterschied zwischen einer diktatorischen und freiheitlichen Gesellschaft zu erklären.

Ansonsten hat er sich gescheut, sich für eine Partei festzulegen. Er wollte im Diffusen bleiben. Das Thema Stasi war das einzige, mit dem sich das anbot, in anderen Fragen wäre das ohne eine Parteizugehörigkeit nicht gegangen. Es hat ihn immer ausgezeichnet, dass er weiß, wo er brillieren kann und wo er scheitert.

Hätte er in einer Partei keine Karriere machen können?
Nein, das wäre nicht gegangen. Es liegt ihm nicht, sich einzuordnen und im Verbund zu arbeiten. Für ihn ist sowohl das Amt des Beauftragten für die Stasi-Unterlagen oder jetzt des Bundespräsidenten ideal. Er braucht Aufgaben, wo es nur einen gibt.

Aber er braucht doch ein Gefolge. Sie beschreiben ihn als Chaoten, der bei den kleinen täglichen Dingen versagt, beispielsweise seine Scheckkarten verliert.
Er braucht Leute, die ihm helfen. Was manchmal dazu führt, dass er im Übermaß Hilflosigkeit signalisiert und damit die rettende Tat herbeiruft. Aber das gilt für viele Männer, insbesondere seiner Generation, denke ich mal. Der Regelfall ist ja die hilfreiche Frau an der Seite, ein Stereotyp dieser Generation.

Er wird zwar von den Liberalen aufs Schild gehoben, aber er hat zu keiner Regierungspartei einen goldenen Draht. Seine Vorgänger hatten ihre Parteien oder Ministerien im Hintergrund. Ist er ein Solitär?
Bei Gauck ist es wirklich eine Premiere, dass er keiner Partei zugehört und zuvor auch kein Exekutivamt hatte - alle anderen waren wenigstens mal Staatssekretär. Er ist mit 72 Jahren auch der Älteste beim Amtsantritt. Und er ist die Antwort auf eine Verlegenheit, eine Pattsituation. Die Mehrheit, die ihn zuerst ablehnte, wählte ihn schließlich. Das gab es in der Form vorher auch nicht. Außerdem wurde er von vielen als etwas Neues, als wirklicher Bürgerpräsident herbeigewünscht - auch das war neu. Seine Andersartigkeit wird immer wieder unterstrichen, besonders in den Medien. Darin liegt das Gefährliche, weil er damit auch Projektionsfläche für Politikverdrossenheit und Parteienmüdigkeit ist.

Muss er sich dadurch nicht ständig vor dem Volk legitimieren? Es ist doch das einzige, das ihn trägt, nachdem die FDP kaum noch eine Rolle spielt.
Er kennt die Gefahr, zu populistisch zu werden. Deswegen wohl auch hat er sich in den ersten zweieinhalb Jahren eher unbeliebt gemacht. Er steht jetzt auch ganz bewusst zu Überzeugungen, die nicht so gut ankommen. Er holt sich aber auch ganz anders Zustimmung als seine Vorgänger. Wenn man Gauck mal vor öffentlichem Publikum, sei es 300 oder 3000 Zuschauern erlebt hat, dann weiß man, dass es das ist, was ihn trägt.

Seine Ausstrahlung?
Seine Fähigkeit Menschen anzusprechen. Ich habe viele seiner Auftritte erlebt und fand es ungeheuer faszinierend, wie er fast identische Redesequenzen so umstellen kann, dass es bei jedem Publikum ankommt. Viele kritisierten, dass er vor kurzem in Polen Kritik an Russlands Ukraine-Politik übte. Doch er hat dort vor Polen gesprochen und die fanden das durchweg gut, was er sagte. Das hätte ihr eigener Präsident nicht besser sagen können.

Helfen ihm kritische Äußerungen im Ausland denn dabei, sein Profil zu schärfen?
Nein, die Auslandsreisen eines Präsidenten haben eher eine geringe Bedeutung. Diese bleiben wenig im Gedächtnis, wenn man die Geschichte der Bundespräsidenten betrachtet. Was wichtiger ist, die Sinnstiftung und Orientierung im Inland. Deshalb ist mein Urteil über diese ersten zweieinhalb Jahre so bescheiden, weil er sein inländisches Thema nicht gefunden hat.

Ganz zu Anfang war doch die Freiheit sein Thema?
Dieser diffuse Freiheitsbegriff führt nicht zu konkreten Aussagen. Das Verhältnis der Bürger zum Staat hat er ja bislang nicht wirklich thematisiert. Richard von Weizsäcker hatte das zum Ende seiner Amtsperiode viel stärker gemacht. Aber das ist auch nicht sein Thema. Nicht umsonst heißt mein Buch "Träume vom Paradies". So ist er. Er ist jetzt da, wo man glücklich sein kann. Das empfindet er nicht nur persönlich, sondern sieht es als notwendige Grundhaltung eines Bürgers. Und dann fehlt der kritische Blick. Aber auch sein Glück ist kein stabiler Zustand. Dazu fehlt noch, dass er ein anerkannter, ein großer Präsident wird. Deswegen muss er noch sein Thema suchen und wird es vielleicht auch finden.

Welches?
Die Antwort auf die Frage, wie integrationsfähig unsere Gesellschaft ist. Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Migrationshintergrund, sondern noch viel mehr. Und dieses Thema passt zu ihm. Das Leben dieses Joachim Gauck war für 50 Jahre ein Leben am Rande, immer in dem Wissen, auch weggeschubst werden zu können.