Der Tag des weißen Stockes

- Am 15. Oktober jährt sich der "Tag des weißen Stockes" zum 50.Mal.

- Der Tag ist ein Anlass, um auf die Situation blinder und stark sehbehinderter Menschen hinzuweisen.

- Er geht auf den 15. Oktober 1964 zurück, als der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson im Weißen Haus eine Gruppe blinder Bürger empfing und ihnen weiße Langstöcke überreichte.

- Diese und die damit verbundene Tast-Technik waren damals neu entwickelt worden.

- Das Hilfsmittel hat sich auch in Europa durchgesetzt.

- Als blind waren Ende 2013 in Magdeburg 293 Betroffene anerkannt (seit Jahren leichter Rückgang wegen verbesserter medizinischer Möglichkeiten)

- Die meisten sind im fortgeschrittenen Lebensalter (über 75 Jahre).

- Wegen einer Sehbehinderung sind rund 1200 Betroffene als schwerbehindert eingestuft.

- In der Regionalgruppe Magdeburg des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes Sachsen-Anhalt arbeiten derzeit rund 135 Mitglieder in 4 regionalen Selbsthilfegruppen und 5 Interessengruppen (u.a. Wandern, Sport, Singen, Handarbeiten) mit.

- Davon sind 110 selbst blind beziehungsweise sehbehindert. Drei Mitglieder haben einen Blindenführhund, es gibt aber noch einige wenige weitere Blindenführhundehalter in der Stadt.

- In Magdeburg sind von 235 Ampelknoten und -übergängen 104 mit akustischer Signalisierung für Blinde und Sehbehinderte ausgestattet.

Magdeburg l Orientierungslos. So lässt sich meine Situation wohl am ehesten beschreiben, als ich an diesem Vormittag meine Brille, ich brauche sie zum Weitgucken, gegen eine mit Pflaster verklebte Schutzbrille aus dem Baumarkt tausche. Ich möchte einmal rund um das Magdeburger Rathaus laufen. Ein Weg, den ich sehend in wenigen Minuten zurücklegen könnte. Doch nicht ohne mein Augenlicht.

Im Büro des Behindertenbeauftragten der Stadt Magdeburg, Hans-Peter Pischner, erhalte ich von ihm eine kurze Einführung, wie ich mit dem Blindenstock umgehen muss. Eine Kugel an dessen Ende macht es möglich, dass ich ihn einfach vor meinem Körper hin- und herschwenken kann. Im Rathaus funktioniert das gut. Der Boden ist glatt. Die Stufen zum Ausgang des Gebäudes nehme ich sehend. Zu gefährlich! Dann stehe ich mit Hans-Peter Pischner, einer Mitarbeiterin des Rathauses und dem Vorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Sachsen-Anhalt, Bernd Peters, vor der Tür. Ich setze die Brille auf - und bin hilflos.

Schrittchen für Schrittchen taste ich mich unsicher voran, den Stock noch etwas unbeholfen hin- und herbewegend. Erst jetzt merke ich, wozu Blinde und Sehbehinderte Leitlinien nutzen - um auf der Strecke zu bleiben und nicht vom Weg abzudriften.

Meine Leitlinie ist zunächst ein Absatz, gegen den die Kugel bei mir mangels Übung in unregelmäßigen Abständen pocht. Dann bekomme ich einen Tipp von Pischner, der diesen Weg bereits unzählige Male gegangen ist: Er lässt sich vom unterschiedlichen Pflaster leiten. Tatsächlich, der Unterschied zwischen den glatten Platten und den Mosaiksteinen überträgt sich deutlich auf den Stock.

Dass ich längst in Richtung Johanniskirche abgebogen bin, wird mir erst bewusst, als ich gegen einen Fahrradständer neben dem Rathaus stoße. Die Metallständer hatte ich vorher schon gesehen. Doch ohne mein Augenlicht verliere ich völlig den Bezug zur Umwelt. Rechts von mir höre ich nun aber das Plätschern von Wasser. "Ah", denke ich, "hier bist du jetzt also."

Die Mitarbeiterin des Rathauses sagt mir, dass zunächst keine Hindernisse zu erwarten sind. Dennoch sträubt sich mein Inneres dagegen, mutig voranzuschreiten. Weiß ich, ob nicht beim nächsten oder übernächsten Schritt doch eine Stolperfalle lauert?

Wenig später höre ich das regelmäßige "Tock-Tock-Tock" der Fußgängerampel an der Johanniskirche, das sich nach und nach immer deutlicher aus der übrigen Geräuschkulisse schält. Da will ich hin.

"Nachdem ich mehrmals in die Luft gegriffen habe, fühle ich endlich den kalten Pfeiler."

"Die Ampel ist jetzt nicht mehr weit, oder?", frage ich meine Begleiter. Doch es sind noch gut 15 Meter und einige unsichere Schritte, bis ich über den Stock das geriffelte Leitpflaster wahrnehme, mit dem sich blinde Menschen an Ampeln behelfen.

Ein metallisches Kling verrät mir, dass ich den Ampelmast erreicht habe. Den Pfeiler in nächster Nähe vermutend, strecke ich den Arm aus - und fasse ins Leere. Der Stock ist um einiges länger als mein Arm. Aber nachdem ich mehrfach in die Luft gegriffen und mich langsam in Richtung Bordsteinkante vorgearbeitet habe, fühle ich endlich den kalten Pfeiler. Noch ein bisschen nach oben und nach unten getastet, und dann habe ich auch den Schalter entdeckt, mit dem ich die Signalanlage aktivieren kann. Den Weg über die Straße spare ich mir allerdings. Stattdessen geht es zurück in Richtung Rathauswand. Dort orientiere ich mich wieder an der unterschiedlichen Pflasterung. Die Geräusche der Autos - sie kommen mir jetzt besonders nah vor - verraten mir, dass ich mich noch an der vielbefahrenen Jakobstraße befinde. Aber wann kommt die Ecke, an der ich in Richtung Alter Markt abbiegen muss? Ich habe keine Ahnung.

"Uneben, große Rillen. Die kleine Kugel am Ende des Stockes bleibt immer wieder hängen."

In der rechten Hand den Stock, nutze ich die linke aus Reflex immer wieder, um nach der Häuserwand zu tasten. Dann fängt der Stock an, sich immer wieder zu verhakeln, über den Boden gleiten ist hier kaum möglich. "Dieses Pflaster ist nicht nur für Rollstuhlfahrer eine Katastrophe, sondern auch für Blinde und Sehbehinderte", moniert Pischner. Uneben, große Rillen. Die kleine Kugel bleibt immer wieder hängen. Aber zumindest weiß ich nun ungefähr, wo ich mich befinde. Die Häuserecke kann jetzt nicht mehr weit sein.

In Richtung Alter Markt wird es nun wesentlich ruhiger. Ich entspanne mich ein bisschen. Von sicheren Schritten kann aber längst nicht die Rede sein. Die Lüftung einer Heizungs- oder Klimaanlage hatte ich beim ersten Rundgang, sehend, nicht wahrgenommen. Nun höre ich sie ganz leise summen. An der Rathauswand entlang geht es zurück zum Ausgangspunkt.

Die Eingangstür zum Rathaus, von der mir zuvor meine Gesprächspartner berichtet hatten, will ich nun aber noch allein finden. Doch ohne Hilfe gelingt mir das nicht. Dann fühle ich endlich das kühle Glas und Metall der Tür. Aber ein Griff? - Fehlanzeige. Wer nicht weiß, wie die Rathaustüren geöffnet werden, dürfte selbst sehend zunächst vor einem Rätsel stehen.

Nach gut 20 Minuten nehme ich die Brille wieder ab. Und ich bin glücklich, meine Umwelt wieder mit den Augen wahrnehmen zu können. Es hat sich bestätigt, was mir Hans-Peter Pischner unterwegs bereits gesagt hatte: Einen Weg, den ein Blinder nicht kennt, kann er allein nicht gehen. Und ein Sehender mit verbundenen Augen schon gar nicht.

 

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