Das arme Land am Golf von Aden

Wie Deutschland war auch Jemen einst geteilt, 1990 vereinigte sich der formal sozialistische Süden mit dem Norden. Jemen ist etwa so groß wie Frankreich. Das arabische Land hat 24 Millionen Einwohner, Staatsreligion ist der Islam. 70 Prozent der Fläche bestehen aus Wüste. Die Einkommen sind niedrig. Öl und Erdgas sind die wichtigsten Exportgüter.

Als instabil und gefährlich schätzt das Auswärtige Amt die Lage im Land ein. Es gebe "erhebliche Risiken durch innere Konflikte, Stammesauseinandersetzungen, Massendemonstrationen und terroristische Anschläge", heißt es. Gängige Praxis verschiedener Stämme ist die Entführung von Ausländern, um Lösegeld und politisches Entgegenkommen zu erpressen. Im Januar etwa wurde ein Deutscher verschleppt, der nach Polizeiangaben aus Haldensleben stammt und im Mai wieder freikam, vermutlich nach Lösegeldzahlungen.

Im September stürmte die schiitische Huthi-Bewegung mit ihrer Miliz Ansar Allah die Hauptstadt Sanaa, der Präsident musste die Regierung entlassen.

Magdeburg l Der Kampf um die Macht im Jemen wird traditionell mit Gewalt geführt. 24 Millionen Einwohner hat das Land, 60 Millionen Waffen sind im Umlauf. Die russische Kalaschnikow ist allgegenwärtig. Doch mittendrin im Machtkampf steckt ein Wissenschaftler, der sein Büro im friedlichen Magdeburg hat: Ayoub Al-Hamadi.

Der 43-Jährige ist Professor für Neuro-Informationstechnik an der Universität. Sein gesamtes akademisches Leben hat er dort verbracht. Doch vor zehn Monaten hat er sich mit einem eigenen Plan in die jemenitische Politik eingeschaltet. Jetzt stehen mehrere Machtblöcke hinter ihm - vor allem die Miliz Ansar Allah. Sie verlangt, dass Al-Hamadi Ministerpräsident wird.

"Ich gehöre nicht zu Ansar Allah", stellt der Professor klar, "aber wir haben gemeinsame Ziele." Als wichtigstes nennt er mehr Geld für die Bildung. Ohne gute Schulen und Hochschulen könne sich das Land nicht aus der Armut befreien. "65 Prozent der Bevölkerung im Jemen sind unter 20 Jahre alt", sagt Al-Hamadi, es fehlten 15000 Schulen im Land. "Das Land investiert nicht genug in Ausbildung und zu viel ins Militär. Warum sollen wir das tun? Wir haben keine Konflikte mit unseren Nachbarländern."

"Ich will nicht für einen anderen Regierungschef arbeiten."

Auch gegen die Korruption will der Professor angehen. Das bitterarme Land könnte wohlhabend sein, es verfügt über Erdöl. Der allgegenwärtige Filz aber verhindert, dass die Menschen davon profitieren.

Im Jemen ist die Lage brisant. In der Hauptstadt Sanaa hat sich die Ansar Allah festgesetzt, der militärische Arm der schiitischen Huthi-Bewegung. Diese hat die Regierung gestürzt und Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi aufgefordert, den Mann im fernen Deutschland zum Ministerpräsidenten zu ernennen. Hadi lehnte ab. Er will seinen Vertrauten Chaled Mahfus Baha an der Spitze der Regierung sehen. Wer den Poker gewinnt, ist unklar - es könnte auf einen anderen Mann als Kompromiss hinauslaufen.

In jedem Fall würde Al-Hamadi wohl ein Ministeramt angeboten werden, vielleicht auch das Amt des Vize-Ministerpräsidenten. Darauf jedoch hat der Professor keine Lust. "Ich will nicht für einen anderen arbeiten. Ich will die Regierung selbst übernehmen, dann muss sie nach meinem Plan arbeiten."

Sogar das allerhöchste Amt im Staat hat er bereits ins Auge gefasst. "Wahrscheinlich wird mein Name bei der nächsten Präsidentschaftswahl auf dem Stimmzettel stehen. Ich habe Lust darauf." Dafür müssten allerdings auch andere Parteien ihn unterstützen. Dass Al-Hamadi längst deutscher Staatsbürger ist, wäre kein Hindernis für eine Kandidatur. Er hat sich informiert: Es reicht, dass er von jemenitischen Eltern abstammt.

1989 kam Al-Hamadi nach Deutschland, als 19-Jähriger. In Köthen besuchte er am Herder-Institut einen Deutsch-Sprachkurs. Ab 1991 studierte er in Magdeburg: zunächst Elektro- und Automatisierungstechnik, dann Technische Informatik. In letzterem Fach promovierte er 2001. Seit 2008 ist er Professor für Neuro-Informationstechnik an der Fakultät für Elektro- und Informationstechnik.

"Schon möglich, dass Ansar Allah vom Iran unterstützt wird."

Nebenbei baute er die Islamische Gemeinde Magdeburg auf. Er war Vorsitzender des Moscheevereins und achtete darauf, die verschiedenen Strömungen des Islam zu integrieren. Er ist zwar offiziell kein Mitglied mehr im Vorstand, gilt aber weiterhin als einflussreich.

Seine Flexibilität könnte ihm jetzt im Jemen nutzen. Die Schiiten-Miliz Ansar Allah setzt auf ihn, obwohl er selbst Sunnit ist. "Das ist sehr geschickt von denen, denn die Schiiten sind im Jemen eine Minderheit."

Al-Hamadi sagt, er habe seinen Unterstützern drei Bedingungen gestellt. Erstens: Die bewaffneten Kräfte müssten die Hauptstadt räumen. Zweitens: Sie dürften sich nicht wie die Hisbollah im Libanon entwickeln, zum Machtfaktor neben der Armee - alle Kämpfer müssten sich in die regulären Streitkräfte integrieren. Drittens: Der Jemen garantiert Menschenrechte für alle. "Das alles haben sie mir auch zugesagt."

Ob sich die Bewegung daran hält, ist fraglich. In deutschen Regierungskreisen gilt Ansar Allah als "sehr problematischer Akteur". Zum einen, weil die Bewegung mit Waffengewalt die innere Ordnung des Jemen gefährde. Zum anderen wegen möglicher Verbindungen zum Iran, der ein Interesse daran hat, Unfrieden im Einflussbereich von Saudi-Arabien zu stiften. Al-Hamadi selbst hält es für möglich, dass ein Teil seiner Unterstützer vom Iran beeinflusst wird. "Beweise dafür habe ich allerdings nicht", sagt er.

Der zweite Machtblock, der Al-Hamadi unterstützt, ist nicht weniger schillernd. Es handelt sich dabei um die Islah-Partei, unter deren Banner sich gleich drei verschiedene Strömungen mit unterschiedlichsten Auffassungen versammelt haben. Ein Lager soll den islamistischen Muslimbrüdern nahestehen, ein anderes pflegt gute Kontakte zum staatlichen Militär und das dritte Lager besteht aus städtischen Bürgerrechtlern. Aus deutscher Sicht kaum vorstellbar, dass eine solche Partei eine klare Linie fahren kann und verlässlich hinter einem Professor aus Deutschland steht.

"Nach zwei bis fünf Jahren gab es immer eine Revolution."

Sollte Al-Hamadi also tatsächlich als Politiker nach Sanaa gehen, übernimmt er ein Himmelfahrtskommando. Er weiß das und schildert auch selbst die politische Kultur des Landes. Bislang habe es noch niemand geschafft, das Land zu einen und länger zu regieren. "Nach zwei bis fünf Jahren gab es immer eine Revolution."

Er träumt jedoch davon, ein Stück Magdeburg nach Arabien zu bringen: einen Ableger der Otto-von-Guericke-Universität. Im Mai, erzählt er, habe er bereits Sanaas Oberbürgermeister in Magdeburg empfangen und ihm seine Pläne geschildert. Und Jemens Präsident habe ihm aufgetragen, das Projekt umzusetzen.

Jemen dürfe als Staat nicht scheitern, warnt er. Durch den schmalen Golf von Aden laufe 80 Prozent des Welthandels. "Wenn dieses Land außer Kontrolle gerät", sagt der angehende Politiker, "dann haben wir einen Riesen-Kopfschmerz in der Welt."

In deutschen Regierungskreisen wird die Lage im Jemen allerdings nicht ganz so bedeutsam eingestuft. Der Hafen von Aden etwa habe seine Bedeutung für den Welthandel schon in den 50er Jahren verloren. In erster Linie handele es sich um einen innerstaatlichen Konflikt, der im Zweifelsfall ein Resultat regionaler Machtspiele zwischen dem Iran und Saudi-Arabien sei.

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