Magdeburg l Der Jemen rutscht immer tiefer in eine politische Krise. Die schiitischen Huthi-Rebellen, die 30 Prozent der Bevölkerung im Norden des Landes repräsentieren, haben vor rund drei Wochen die Hauptstadt Sanaa erstürmt und fordern von der Regierung mehr politische Mitbestimmung. Ein erster Versuch von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi, einen neuen Premierminister gemäß Friedensabkommen mit den Huthis zu ernennen, scheiterte. Mit dem UN-Botschafter des Landes, Chaled Mahfus Baha, hat Präsident Hadi erst am Montag einen weiteren Kandidaten ins Rennen geschickt - der Ausgang ist offen. Das Land wird derweil fast täglich von Bombenanschlägen erschüttert. Volksstimme-Reporter Matthias Stoffregen sprach mit Jemen-Expertin Marie-Christine Heinze von der Universität Bonn über die Hintergründe.

Volksstimme: Frau Heinze, warum sind die Bemühungen des Präsidenten zur Bildung einer Einheitsregierung im Jemen bislang fehlgeschlagen?

Marie-Christine Heinze: Präsident Hadi hatte sich mit den Huthis darauf verständigt, gemeinsam einen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten zu finden und dann eine Übergangsregierung zu bilden. Hadi hat anschließend aber doch im Alleingang mit Ahmad Awad bin Mubarak einen seiner Vertrauten mit der Regierungsbildung beauftragt. Und den erkennen die Huthis nicht an. Sie werfen Präsident Hadi darüber hinaus vor, sich nach den Interessen des Auslands - insbesondere der USA- zu richten und nicht nach den Interessen des Landes und ihrer verschiedenen Volksgruppen.

Die USA wiederum halten den Huthis vor, vom Iran Unterstützung zu bekommen. Wie schätzen Sie die Rebellen ein?

Die Huthis stehen in der Tat in der Kritik, vom Iran unterstützt zu werden. Hierzu muss man wissen: Die Huthis sind Schiiten und auch im Iran stellen die Schiiten den überwiegenden Teil der Bevölkerung. Den Huthis sollte aber zugute gehalten werden, dass sie eine der wenigen Gruppierungen ist, die nicht nur für sich mehr Macht einfordert, sondern mehr politische Mitbestimmung für alle Interessengruppen verlangt. Die Huthi-Bewegung verfolgt insofern in Ansätzen demokratische Ziele, auch wenn sie die jüngsten Verhandlungen mit Waffengewalt erzwungen hatte.

Es geht im Jemen also nicht um einen religiösen Konflikt?

Bislang ging es nicht um die Konfrontation zwischen Schiiten und Sunniten. Die Ziele der Huthis waren politischer Natur, es ging ihnen eben um politische Mitbestimmung auf staatlicher Ebene und um den Zugang zu Ressourcen. Aber sie fordern auch die Bekämpfung von Korruption und den Kampf gegen die Armut im Land. Hierdurch konnten sie viele Unterstützer auch unter Sunniten gewinnen. Der Konflikt droht aber nun, von einem politischen in einen religiösen abzugleiten.

Welche Rolle spielen dabei die Bombenanschläge, die das Land jüngst erschüttert haben?

Die Huthi-Rebellen haben in der Vergangenheit den regionalen Ableger der Terrororganisation Al-Qaida bekämpft, insbesondere im Norden des Landes. Die Bemühungen der jemenitischen Regierungen vor 2011 und nachher, die Terroristen im Land zu bekämpfen, fielen dagegen sehr verhalten aus - obwohl sie von den USA viel Geld dafür kassiert haben. Die jüngsten Bombenanschläge, für die wahrscheinlich Al-Qaida verantwortlich ist, deuten darauf hin, dass die Terroristen nun von den Huthi-Gegnern instrumentalisiert werden, um die Huthis zu schwächen.

Wie wird es nun im Jemen aus Ihrer Sicht weitergehen?

Die Lage im Jemen ist extrem prekär und sie droht weiter zu eskalieren, weil die Gefahr wächst, dass der politische Konflikt in einen religösen Kampf zwischen Schiiten und Sunniten abgleitet. Hier spielt auch der regionale Machtkonflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien eine Rolle. Völlig offen bleibt zudem die Frage, wie es mit der Bildung einer Einheitsregierung weitergeht.