Havelberg l 109 Jahre! Auf diese Lebenszeit blickt der Havelberger Gustav Gerneth zurück. Er ist damit der älteste in Sachsen-Anhalt lebende Mensch und wohl auch der älteste Mann Deutschlands, wie der MDR beim Rostocker Institut für demografische Forschung erfuhr. Und er hat vor, das noch eine Weile zu bleiben. Mindestens den 110. Geburtstag will er feiern. "Das ist dann eine runde Sache", versichert er am Mittwoch seinen Gästen gut gelaunt.

Wer ihn sieht, glaubt nicht, dass er schon im Jahr 1905 geboren ist. Das war in Stettin. Dort lernte er den Beruf des Maschinenschlossers. Um Maschinist zu werden, absolvierte er die erforderlichen Pflichtjahre in einer Reederei, bevor er 1924 sein Patent erhielt und in der See- und Binnenschifffahrt auf allen großen deutschen Flüssen und auf der Ostsee zu Hause war.

Durch die Schifffahrt lernte er in der Silvesternacht 1930 seine spätere Frau kennen. Ihr Vater kam aus Havelberg und hatte zwei Schiffe, auf denen Gustav Gerneth auch tätig war. Geheiratet wurde in Havelberg, drei Söhne wurden geboren. "Sie sind jetzt 84, 82 und 80 Jahre alt. Da habe ich mich doch gut rangehalten", scherzt der 109-Jährige. Die junge Familie zog, als die Jungs ins Schulalter kamen, nach Stettin. Gustav Gerneth arbeitete als Flugzeug- und Bordmechaniker. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begann sein Militärdienst. Nach zweieinhalb Jahren in russischer Gefangenschaft wieder in Freiheit, fand er seine Familie dann in Havelberg. Bis zur Schließung des Gaswerkes 1972 arbeitete er in dem Betrieb.

"Auf den Hintern soll man sich nicht setzen, da wird man steif", verriet er zu seinem 100. Geburtstag seine Devise. Und auch heute ist er immer noch aktiv. In der Woche lässt er sich das Mittagessen bringen. Doch am Wochenende kocht er in seiner Wohnung auf der Stadtinsel, zu der eine steile Stiege hochführt, selbst. "Steak, Fisch, Roulade - je nachdem, worauf ich Lust habe."

Bis vor wenigen Jahren ist er einmal in der Woche mit seinem Sohn einkaufen gefahren. Jetzt sagt er jeden Mittwoch um vier telefonisch seine Wünsche durch. Dann ist seine Mittagsruhe vorbei. Die ist ihm heilig. "Da kann es klopfen oder klingeln, von zwei bis vier ist Ruhe."

In seiner Wohnung stehen Blumen- und Kerzenständer aus Kupfer und Messing. Auch selbstgebaute Lampen sind zu finden. "Diese kreative Ader habe ich wohl von ihm geerbt", sagt Enkelin Christine Rattay. Sein Tag beginnt morgens um neun. Dann gibt`s ein Brötchen mit Marmelade und Honig. Nach dem Mittag wäscht er ab und hält Ruhe.

Die Volksstimme liest er ausgiebig. Im Fernsehen interessiert ihn der Sport. Keine Frage, die Fußballspiele gegen Polen und Irland hat er gesehen. Von seinem Wohnzimmerfenster aus verfolgt er per Fernglas das Geschehen am Stadtgraben oder oben auf dem Domberg.

Einst hat er selbst geangelt - "viel Zeit hatte ich dafür aber nicht" -, heute zählt er die Kilozahlen der gefangenen Karpfen von Enkel Benny auf.

Sein Rezept für ein langes Leben: "Ich habe immer gut gelebt und gegessen. Keine Diät. Immer Butter, keine Margarine. Ich habe mein Leben lang keine Zigarette angerührt und Alkohol nur zu Feiern getrunken."