Der Nobelpreisträger
Stefan Hell ist Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Der 51-Jährige ist Rumäniendeutscher, stammt aus einer Familie Banater Schwaben, die unweit der rumänischen Stadt Arad lebte. 1978 siedelte die Familie nach Deutschland um, Hell machte sein Abitur daraufhin am Carl-Bosch-Gymnasium in Ludwigshafen.

Ab 1981 studierte Hell Physik an der Universität Heidelberg, er promovierte 1990. Seine wissenschaftliche Karriere führte ihn dann unter anderem ins finnische Turku und nach Oxford. 1997 kam er als Leiter einer Nachwuchsgruppe an das Göttinger Max-Planck-Institut und wurde 2003 dort zum Direktor ernannt. Seit 2013 ist er auch Mitglied der Leopoldina in Halle.

Neben dem Nobelpreis hat Hell auch schon eine Reihe weiterer Auszeichnungen für seine Mikroskopie-Forschungen erhalten, in diesem Jahr den Kavli-Preis in Nanowissenschaften. Darüber hinaus erhielt er den Niedersächsischen Staatspreis und den Deutschen Zukunftspreis.

Hell ist verheiratet und hat zwei Söhne und eine Tochter.

Seine Forschungsleistung
Stefan Hell ist es gelungen, das Auflösungslimit von Mikroskopen zu erweitern. 1873 hatte Ernst Abbe entdeckt, dass Lichtmikroskope zwei Objekte nicht mehr voneinander unterscheiden können, sobald ihr Abstand kleiner ist als die halbe Lichtwellenlänge, also 200 Nanometer. Schuld ist die Beugung des Lichts an den beiden Objekten, wodurch sie im Auge des Beobachters zu einem Objekt verschwimmen. Hell konnte Abbes Gesetz zwar nicht außer Kraft setzen, aber er fand einen Weg, es zu umgehen. Er brachte seine Objekte mit Laserstrahlen zum Leuchten und konnte so höhere Auflösungen erzielen. Die von Hell entwickelte Stimulated Emission Depletion (STED) kommt u.a. in der Krebsforschung zum Einsatz.

Volksstimme: Herr Hell, sind Sie in der vergangenen Woche überhaupt zu Ihrer Arbeit gekommen?

Stefan Hell: Doch, doch! Auch nach der Nobelpreis-Verkündung habe ich mich mit Leuten getroffen, um über Experimente zu sprechen. Aber die Arbeitstage waren schon durch viele Interviews und Besuche von Fernsehteams unterbrochen.

Wie fühlt er sich denn an, der Nobelpreis für Chemie?

Es ist schon interessant, wenn ein Kollege auch jetzt nach ein paar Tagen auf mich zukommt und sagt: "Herzlichen Glückwunsch zum Nobelpreis!". Dann denke ich immer noch: "Was hat der eben gesagt?" - Also so ganz angekommen ist es bei mir noch nicht.

Sie sind Rumäniendeutscher. Haben Sie denn auch Glückwünsche aus Ihrer alten Heimat bekommen?

Ja, das hat dort einen ziemlichen Medienwirbel ausgelöst. Darüber habe ich mich sehr gefreut, zumal ich eigentlich keinen richtigen Bezug mehr zu dem Land habe. Ich bin 1978 als 15-Jähriger dort ausgereist, bin dann 34 Jahre lang nicht mehr zurückgegangen, war erst vor zwei Jahren mal wieder da. Es ist heute ein Land, das sich über die Jahre pro-europäisch entwickelt hat und ich hoffe, dass meine Lebensgeschichte ein ganz klein wenig dazu beiträgt, dass die Leute dort diesen Weg weitergehen.

Hat sich denn Herta Müller, die Trägerin des Literatur-Nobelpreises, bei Ihnen gemeldet?

Nein! (Lacht.) Ich kenne sie auch nicht, aber es ist witzig: Sie war in Rumänien auf dem gleichen Gymnasium wie ich, allerdings zu einer anderen Zeit. Die Schule, das Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar, war auch etwas Besonderes, denn es war das einzige deutschsprachige Gymnasium. Und da gab es damals nur 120 Plätze für die etwa 200 000 Deutschen, die in der Region lebten. Das heißt, wer wie Herta Müller dort sein Abi-tur gemacht hat, der konnte auch was. Ich selbst bin noch vor dem Abi nach Deutschland ausgereist.

"Ich wollte in Deutschland Fuß fassen, konnte es aber nicht."

Aber Sie haben von dort offenbar trotzdem viel Wissen mitnehmen können. Denn Walter Kohl, der Sohn von Altkanzler Helmut Kohl, gestand jüngst, er habe damals als Tischnachbar im Ludwigshafener Carl-Bosch-Gymnasium von Ihnen abgeschrieben - weil Sie schon damals ein Überflieger in Physik gewesen sein sollen.

Ja, Walter und ich waren in einer Klasse - auch das war ein gutes Gymnasium. Aber an das Abschreiben kann ich mich nicht mehr erinnern! (Lacht.)

Hätten Sie nun nicht eigentlich den Nobelpreis für Physik bekommen müssen? Optische Messverfahren sind doch eher der Physik zuzuordnen.

Sicher kann man darüber diskutieren. Das Verfahren, das ich entwickelt habe, ist sehr stark ein physikalisches. Aber der große Unterschied zwischen der herkömmlichen Mikroskopie und meinen überauflösenden Verfahren ist, dass ich nicht mehr nur das Licht nutze, um Strukturen unter dem Mikroskop zu unterscheiden. Das geht lediglich bis zu einer bestimmten Grenze, die einst Ernst Abbe definiert hat. Ich habe herausgefunden, dass man diese Grenze überwinden kann, wenn man die Molekülzustände ändert - wenn man zum Beispiel ein Molekül zum Leuchten bringt und das andere nicht. Und daher ist mein überauflösendes Verfahren auch ein chemisches Thema. Insofern ist es verständlich, weshalb ich den Preis in Chemie bekommen habe.

Von Ihrer Idee, das physikalische Grundgesetz von Ernst Abbe mit chemischen Tricks zu überlisten, konnten Sie zunächst niemanden in Deutschland so richtig überzeugen. Die Universität im finnischen Turku gab Ihnen hingegen die Möglichkeit, weiter zu forschen. Wären Sie ohne das finnische Interesse so weit gekommen?

Das weiß man nicht. Fakt ist aber: Ich habe versucht, in Deutschland Fuß zu fassen, konnte es jedoch zunächst nicht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat mir damals für meine Idee keine Gelder bereitgestellt. Insofern hatte ich keine Wahl, ich musste gehen.

Haben es Querdenker denn heute auch noch schwer, oder hat sich das mittlerweile geändert?

Ich glaube, es hat sich viel getan. Früher musste man sich zunächst bei einem Professor verdingen, um selbst dann über Jahre zum Professor aufgebaut zu werden. Leute wie ich, die lediglich ein wissenschaftliches Problem lösen und nicht unbedingt Professor werden wollten, hatten damals wenig Chancen. Heute gibt es hingegen Instrumente wie selbstständige Nachwuchsgruppen und Juniorprofessuren. Die Max-Planck-Gesellschaft war eine der ersten, die solche Instrumente eingeführt haben, ich selbst konnte davon profitieren, als ich aus Finnland 1997 zurückkam.

"Man braucht Ausdauer und Kraft, aber auch den Blick für die Realität."

Wie schätzen Sie denn die Arbeitsbedingungen für Forscher hierzulande grundsätzlich ein? Politiker verbinden Glückwunschschreiben an Forscher wie Sie ja gerne mit dem Hinweis, dass der Standort Deutschland beste Bedingungen bieten würde.

Die deutsche Forschungslandschaft ist sehr unterschiedlich aufgestellt. Die Universitäten sind immer wieder als Landeseinrichtungen den politischen Entwicklungen des jeweiligen Bundeslandes unterworfen. Wenn etwa die Zahl der Studenten steigt, die Universitäten aber nicht mehr Geld bekommen, dann können sie auch nicht in der Weltspitze mithalten.

Was halten Sie denn von der Exzellenzförderung der Bundesregierung?

Die Exzellenzförderung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Punktuell gibt es ja auch hervorragende Institute und Kollegen, die Spitzenleistungen hervorbringen. Ganz anders aufgestellt ist aber die Max-Planck-Gesellschaft. Sie ist etwas ganz Besonderes, weil sie - um einen Fußballvergleich zu bemühen - schon seit Jahrzehnten in der Champions League spielt. Für die Gesellschaft arbeiten weltbekannte Wissenschaftler, sie steht auf einem Level mit den berühmten amerikanischen Universitäten Harvard und Stanford. Und das liegt vor allem daran, dass die Gesellschaft selbstverwaltet ist. Die Politik gibt Geld, aber die Gesellschaft bestimmt, wofür es verwendet wird. Sie unterliegt damit weniger den politischen Einflüssen, denen die Universitäten ausgesetzt sind.

Die Universitäten in Sachsen-Anhalt erhalten keine Exzellenzförderung. Haben junge Forscher dort trotzdem eine Chance, irgendwann einen Nobelpreis zu erhalten oder müssen sie erst an ein Max-Planck-Institut wechseln?

Erfolge in der Forschung basieren auf vielen Faktoren. Das allerwichtigste ist die Person selbst. Man braucht Ausdauer und Kraft, aber auch einen gesunden Blick für die Realität. Ich selbst habe bei einem sehr guten Physiker an der Universität Heidelberg gelernt. Aber das Feld, in dem ich dann nach der Promotion weitergearbeitet habe, war ihm fremd. Das hat mir auch den geistigen Freiraum gegeben.

Ich bin fest davon überzeugt, dass in Deutschland - und natürlich auch in Sachsen-Anhalt - sehr viele Talente schlummern. Was leider in meinen Augen passiert, ist, dass wir diese Talente nicht alle heben. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Entdecker gibt es vor allem in den Ländern, die wirtschaftlich gut dastehen - weil dort dann meist auch die Forschungsbedingungen gut sind. Die USA zum Beispiel standen viele Jahre gut da und haben in der Zeit auch viele große Wissenschaftler hervorgebracht. In Deutschland haben wir aus meiner Sicht momentan keinen Engpass an cleveren Leuten, sondern punktuell unzureichende Förderung.

"Wir müssen bei Kindern die Begeisterung für Wissenschaft wecken."

Wie müsste die Förderung aus Ihrer Sicht aussehen?

Man müsste Begeisterung schon bei den Kindern in der Schule wecken. Wissenschaft ist doch eigentlich cool. Es ist ja nicht so, dass Forscher alle dröge Typen oder Nerds sind, die irgendwo in einem obskuren Labor ihre Arbeit machen und keine sozialen Kontakte haben. Das sind meistens ganz normale Menschen, die eben Wissenschaft machen. Zugegeben, es ist manchmal hart und anstrengend, aber es ist auch etwas, das Spaß macht. Ich wünsche mir, dass die Leute das merken.

Liegt der Fördermangel vielleicht auch an den vielen Reformen im Bildungssystem? Immer mehr Schüler machen zum Beispiel heute Abitur. Kritiker monieren, die Politik fördert vor allem das Mittelmaß, nicht die Hochqualifizierten.

Das ist schwierig zu sagen. Ich halte es für richtig, dass man versucht, viele mitzunehmen. Denn unser Wohlstand hängt auch davon ab, dass möglichst viele gut ausgebildet sind. Aber man darf natürlich die Spitzenschüler nicht vergessen. Ich glaube, wir müssen generell mehr in die Ausbildung investieren.

Von der Politik wird stets betont, dass Deutschland nur wettbewerbsfähig bleibt, wenn wir uns immer wieder Wissensvorsprünge erarbeiten. Aber schöpfen wir unseren Wissensreichtum überhaupt voll aus?

Ich glaube, wir müssen darin noch besser werden. Wir leben ja nicht nur in einer globalisierten Wirtschaft. In vielen Ländern herrscht unter den Menschen derzeit auch eine regelrechte Aufbruchsstimmung. Als ich damals nach Deutschland kam, war ich ebenfalls in so einer Lage. Ich wusste, wenn ich mich hier in meiner neuen Heimat auf den Hosenboden setze, kann ich etwas Großes erreichen - und so kam es dann letztlich ja auch. Eine solche Stimmung über Jahrzehnte aufrechtzuerhalten, ist jedoch schwierig. Die Generationen, die die Folgen des Zweiten Weltkrieges nicht mehr zu spüren bekommen haben, nehmen den durch Willenskraft und Fleiß geschaffenen Wohlstand heute als selbstverständlich hin. "Bei uns ist es halt so", lautet der Tenor. Dass alles auf Leistung beruht und keineswegs selbstverständlich ist, wird oft vergessen.

Die gesellschaftliche Einstellung ist das eine. Aber bringen es deutsche Wissenschaftler auch hinreichend fertig, ihr Wissen, ihre Erfindungen in der Wirtschaft zu vermarkten?

Nicht zwangsweise, aber in meinem Fall schon. Meine Mikroskope wollen ja Mediziner und Biologen einsetzen, es handelt sich letztendlich um Werkzeuge. Und wenn die Werkzeuge etwas taugen, wollen viele sie haben. Mir war es aber wichtig, dass die kommerzielle Verwertung meiner Erfindungen hauptsächlich in Deutschland passiert. Denn letztendlich wird unsere Forschung weitgehend durch deutsche Steuergelder finanziert. Insofern soll dann auch die hiesige Wirtschaft davon profitieren. Deshalb habe ich zwei Ausgründungen initiiert, die in Göttingen ansässig sind und meine Mikroskope vertreiben.

In der auf Wissen basierenden Wirtschaftswelt spielt der Schutz des geistigen Eigentums eine immer größere Rolle. Schützen wir uns in Deutschland ausreichend vor Spionen?

Es mag sein, dass es Spionage in der Wirtschaft und Wissenschaft gibt. Vieles ist heute auch durch die Medien schon viel transparenter. Es gibt aber einen Punkt, den ich dabei wichtig finde: Es ist wichtig, dass man derjenige ist, der die Entdeckung macht. Denn nur derjenige, der sie macht, kann sie auch am besten beurteilen, der hat einen Vorsprung. Wer dagegen eine Entdeckung kopiert, kann sie oft eben nicht richtig einschätzen. Wir sollten deshalb vor allem darauf achten, dass bei uns die Entwicklungsarbeit gemacht wird. Natürlich bauen uns andere Länder zum Beispiel Airbags für Autos nach - aber der deutsche Autobauer, der sie erfunden hat, bleibt im Vorteil, weil er mit seiner Erfindung die meiste Erfahrung gesammelt hat.

"Ich werde genauso wie bisher meine Arbeit weitermachen."

Glauben Sie denn, dass sich Ihr Leben jetzt als Nobelpreisträger ändern wird?

Ich glaube nicht. Ich habe zwar mal so Sprüche gehört wie "In 20 Minuten wird der Nobelpreis verkündet - es werden die letzten 20 Minuten sein, in denen Du in Deinem Leben Ruhe hast", aber das halte ich für übertrieben. Ich werde genauso wie bisher meine Arbeit machen. Im Gegenteil, ich kann mir sogar vorstellen, dass ich für meine Arbeit jetzt viel mehr Freiraum habe. Aber ich sehe es jetzt natürlich auch als meine Aufgabe an, die Öffentlichkeit über Entwicklungen in der Wissenschaft aufzuklären und junge Leute für die Wissenschaft zu begeistern. Das ist wichtig für unser Land, und überhaupt, denke ich.