Magdeburg l Mehrere Stunden lag die neun Wochen alte Scarlett im Sommer vergangenen Jahres tot im Bett ihrer damals 25-jährigen Mutter, bis diese ihren in der Nähe wohnenden Ex-Freund zu Hilfe rief. Sie hatte das Baby zu Tode geschüttelt. Die Rechtsmediziner stellten später einen Abriss der Brückenvenen im Kopf fest. Die Blutung verursachte eine Hirnschwellung, so dass es keine Rettung gab. Die Mutter wurde vom Landgericht Magdeburg Ende 2013 zu vier Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

Es ist nur eine von fast 200 angezeigten Misshandlungen von Schutzbefohlenen im vergangenen Jahr. In zehn Fällen endeten die Gewalttaten wie bei Scarlett tödlich. Sechs starben nach Totschlagsdelikten, vier nach fahrlässiger Tötung. Nahezu alle Delikte spielten sich im familiären Umfeld ab, so Andreas von Koß vom Landeskriminalamt.

Experten der Jugendhilfe, wie Siegfried Hutsch vom Paritätischen, führen die steigenden Fallzahlen auf eine erhöhte Wachsamkeit in der Gesellschaft zurück. "Nachbarn greifen häufiger zum Telefon und informieren die Jugendämter. Auch die Familiengerichte werden schneller einbezogen", sagt er.

Den Jugendämtern im Land sind im vergangenen Jahr etwa 2500 sogenannte Kindeswohlgefährdungen gemeldet worden. In rund 700 Fällen lag diese tatsächlich in akuter oder dauerhafter Form vor. In weiteren 788 Fällen erkannten die Behörden zwar keine Gefahr, sahen aber eine Hilfe für die Eltern als erforderlich an. Die restlichen tausend Meldungen waren falscher Alarm. Siegfried Hutsch: "In der Jugendhilfe müssen wir deshalb sehr professionell arbeiten und zwischen Hysterie und wirklicher Gefährdung unterscheiden."

Häufigste Ursache von Vernachlässigungen oder Misshandlungen sei eine Überforderung der Eltern. Die meisten Betroffenen kommen aus einkommensschwachen Schichten.