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Die Klinik für Neurochirurgie am Magdeburger Uniklinikum testet seit zwei Wochen gemeinsam mit der Firma Zeiss ein räumliches Bildgebungsverfahren ("Pentero 800 Trenion 3D HD")zur Darstellung und Aufzeichnung von Operationen am Gehirn und an der Wirbelsäule.

Ärzte und Schwestern können mikroskopisch kleine Operationsfelder stark vergrößert und dreidimensional räumlich auf einem Monitor sehen. Dazu wird der Eingriff über eine Stereokamera im OP-Mikroskop erfasst.

Das räumliche Bild kann aufgezeichnet, im Kliniknetzwerk gestreamt und zu Lehrzwecken im Hörsaal räumlich wiedergegeben werden. Dazu müssen die Betrachter ähnlich wie im Drei-D-Kino Polarisationsbrillen tragen.

Die derzeit in Magdeburg, an der Charité in Berlin und am Uniklinikum Freiburg (Baden-Württemberg) getestete Technik steht noch vor der Markteinführung. Ein OP-Mikroskop kostet etwa 300000 Euro. Für die Technik zur räumlichen Bilderfassung, Wiedergabe und Aufzeichnung würden nach "Zeiss"-Angaben noch einmal 90000 Euro anfallen.

Der Testlauf ist zunächst bis Jahresende begrenzt. Zur Einführung der Technik in den Operationsalltag auch an anderen Kliniken und in die medizinische Lehre gibt es bislang noch keine Entscheidung am Magdeburger Uniklinikum.

An der Klinik für Neurochirurgie am Uniklinikum finden derzeit jährlich etwa 1400 Operationen statt. Knapp 700 Operationen sind Eingriffe an der Wirbelsäule, die andere Hälfte entfällt auf Operationen am Gehirn. Der weitaus überwiegende Teil der Eingriffe (90 Prozent) findet mithilfe von Operationsmikroskopen statt.

Magdeburg l Langsam und Millimeter für Millimeter schleift Oberarzt Dr. Dieter Claas mit der kleinen Fräse den Knochenwuchs an der Halswirbelsäule der 73-jährigen Patientin aus Köthen ab. Die Frau, die tief narkotisiert unter seinem Operationsmikroskop liegt, leidet unter starken Schmerzen. Der Eingriff soll helfen, ihre Bewegungsabläufe wieder zu normalisieren. Direkt an der Wirbelsäule in unmittelbarer Nähe der Bandscheiben ist beim Operateur höchste Präzision nötig. "Ein Abrutschen mit dem Fräskopf hätte verheerende Folgen", flüstert Klinikchef, Prof. Raimund Firsching, der die Operation wenige Meter hinter dem Oberarzt verfolgt.

Auf der Nase trägt Firsching - wie auch die Schwestern und Assistenzärzte neben ihm - eine weiße Polarisationsbrille. Er schaut auf den 40 Zoll großen Monitor gleich neben dem OP-Tisch. Dort fällt der Blick auf die Wirbelsäule, die sich tief nach unten erstreckt. Gewebe, kleine Arterien lassen sich räumlich so erfassen, wie sie der Operateur durch die Stereolinsen seines Mikroskops erkennt. Faszinierend realistisch, stark vergrößert und gestochen scharf kann der Betrachter den Eingriff verfolgen.

Seit zwei Wochen läuft eine Anwendungsstudie der Firma "Zeiss" mit drei Kliniken in Berlin, Freiburg und Magdeburg. Dazu wurde ein Operationssaal in ein "Drei-D-Kino" umgebaut. Und genauso wie im "Hobbit"-Kino müssen die Zuschauer auch im OP-Saal Spezialbrillen tragen, die das Stereobild für den Betrachter räumlich erscheinen lassen.

Zwei Doppel-Okulare für die operierenden Ärzte
Nur der Operateur selbst und sein Assistent können das Bild über zwei Doppel-Okulare räumlich sehen. Bislang war dies in jeder Operation mittels OP-Mikroskop nur diesen beiden Medizinern vergönnt. Im umgebauten OP-Saal erfassen nun Stereokameras das Geschehen und leiten das Signal weiter an einen Schrank mit Aufzeichnungs- und Wiedergabegeräten. Medizintechniker Matthias Rensing öffnet die Schranktür und zeigt auf zwei Receiver mit blinkenden Dioden. "Das Bildsignal wird hier hochaufgelöst verarbeitet und an den Monitor ausgegeben. Es kann theoretisch aber auch direkt in das Netzwerk des Klinikums eingespielt werden", erklärt er. So könnte dann theoretisch jeder Hörsaal zum "Drei-D-Kino" werden. Rensing: "Doch das ist noch Zukunftsmusik. Im Moment steht erst einmal die räumliche Wiedergabe und Aufzeichnung im OP-Saal im Vordergrund."

Um die räumliche Visualisierung in mehreren OP-Sälen aufzubauen und mit Hörsälen zu verbinden, wäre im Universitätsklinikum Magdeburg wohl ein knapp siebenstelliger Eurobetrag notwendig. Allein die von "Zeiss" im Rahmen der Anwendungsstudie installierte OP-Technik in einem OP-Saal kostet 90000 Euro. Klinikchef Firsching wirbt trotz der bislang hohen Kosten für die moderne Ausstattung. "Operationen der Neurochirurgen, die im Gehirn und an der Wirbelsäule arbeiten, sind im höchsten Maße filigran. Für unsere angehenden Mediziner bietet sich damit aber der einzigartige Einblick in diese Operationspraxis."

Zusammenarbeit mit Zeiss seit den 1990er Jahren
Auf die Magdeburger Neurochirurgen kam die Firma "Zeiss" für die Anwendungsstudie nicht ganz zufällig. Zeiss-Ingenieur Klaus Weth betreut den Bereich Mikrochirurgie bei Carl Zeiss Meditec in Oberkochen. "Die Zusammenarbeit geht bis in die 1990er Jahre zurück. Die Klinik war von Beginn an sehr offen für neue Operationstechnik-Verfahren", erzählt er. Hinzu kommt: Nirgendwo sonst in Sachsen-Anhalt finden nach den aktuellen Erhebungen der Qualitätsberichte der Krankenhäuser mehr Operationen an Gehirn und Wirbelsäule statt als an der Neurochirurgie am Magdeburger Uniklinikum. "Für unsere gemeinsame Studie ist ein möglichst breites Anwendungsfeld verschiedener Operationen wichtig. Das ist hier in Magdeburg der Fall", so der Zeiss-Techniker. Prof. Firsching ergänzt: "Wir kommen jährlich derzeit auf etwa 1400 Operationen, wovon knapp die Hälfte auf Wirbelsäulen-Operationen entfallen."

Die Drei-D-Bildgebung könne ihre Vorteile so sehr vielfältig unter Beweis stellen. Das Operationsmikroskop - so ein Gerät kostet etwa 300000 Euro - wird bei fast allen neurochirurgischen Eingriffen eingesetzt. Die räumliche Bilderfassung über diese Geräte, die das Geschehen ohnehin mit einem Doppel-Okular räumlich aufnehmen, wäre ein logischer Schritt der Modernisierung - wenn nicht die hohen Anschaffungskosten für das Klinikum wären.

Die Operation der 73-jährigen Frau aus Köthen hat Oberarzt Dieter Claas inzwischen erfolgreich abgeschlossen. Noch nie zuvor haben vermutlich so viele Zuschauer im OP-Saal ihm bei einem mikrochirurgischen Eingriff über die sprichwörtliche Schulter blicken können. Vielleicht ist das nur der Anfang und bald schaut ein ganzer Hörsaal den operierenden Ärzten mit Drei-D-Brillen auf der Nase bei der Arbeit zu.

 

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