Magdeburg/Stendal l Michelle Simon ist Studentin an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Sie wartet am Mittwochmorgen auf dem Magdeburger Busbahnhof auf ihren Fernbus nach Berlin und sagt genervt: "Ich will einfach nur nach Hause!" Es sei inzwischen das zweite Mal, dass sie wegen eines Streiks der Lokführer auf den Bus umsteigen muss. Normalerweise kostet für sie die Fahrt mit ihrer Bahncard etwa 14 Euro. Für den Bus muss sie nun 18 Euro berappen. Und wann sie heute ankommen wird, ist angesichts der Baustellen auf der Autobahn 2 noch völlig ungewiss.

Auf dem Busbahnhof herrscht Gedränge, die vollen Fernbusse rollen im Minutentakt ein. Bettina Engert von Flixbus: "Seit der Bekanntgabe des Streiks haben wir das Zehnfache an Nutzern unserer Internetseite." Es werden zusätzliche Busse organisiert. Dadurch könnten auch mal zwei Busse gleichzeitig in der Landeshauptstadt losfahren. Marika Vetter von "MeinFernbus" sagt, dass sich die Buchungen vervierfacht haben. Und: "An jedem Streiktag wollen wir etwa 130 Fahrten zusätzlich deutschlandweit anbieten." Einige auch in Magdeburg.

Gerade fährt ein Bus des Schienenversatzverkehrs ein. Zwei Bahnmitarbeiter versuchen mit Klemmbrett und Zetteln so gut wie möglich Ordnung ins Chaos zu bringen. Doch das ist nicht ganz so einfach. Es sind eine Menge Busse als Ersatzverkehr unterwegs. Bahnsprecher Jörg Bönisch aus Leipzig: "Wie viele es insgesamt sind, können wir noch gar nicht sagen. Es ändert sich ständig, denn immer wieder melden sich Lokführer für Sonderschichten, um zu helfen. Morgen kann es deshalb schon wieder ganz anders aussehen."

Doch vorerst herrscht auch im Magdeburger Bahnhofstunnel gähnende Leere. Nur vereinzelt huschen Reisende zu den wenigen Personenzügen, die abfahren. Zum Beispiel der Harz-Elbe-Express (HEX), der vom Streik nicht betroffen ist.

Am Serviceschalter bildet sich eine Schlange. Viele wollen ihr Ticket umtauschen oder sich das Geld dafür auszahlen lassen.

Ungläubig blicken die wenigen Reisenden auf die große Anzeigentafel. Deren häufigster Schriftzug lautet "fällt aus". Doreen Hädicke von der benachbarten Autovermietung Avis, direkt neben dem Bahnhofsgebäude, kann das nur freuen: "Wir haben mehr Buchungen als sonst, vor allem von Geschäftsreisenden." Man sei aber vorbereitet, so dass noch genügend Autos zur Verfügung stehen.

In Stendal ist das Gleis 1 - das für die ICE-Züge und damit den Fernverkehr auf der viel genutzten Strecke Berlin-Hannover - verwaist. Denn Fernzüge halten nicht in der Rolandstadt. Im Regionalverkehr gibt es noch einige Züge, vieles aber wird über den Schienenersatzverkehr abgewickelt.

Und so stehen auch hier am Vormittag zeitweise gleich mehrere Busse am Busbahnhof. Für Reisende, die überpünktlich vor Ort sind oder umsteigen müssen, ist nicht immer gleich zu erkennen, welcher Bus wohin fährt. Dennoch ist von Hektik keine Spur, die Männer und Frauen auf dem Busbahnsteig teilen ihr Wissen oder ihre Vermutungen. Kurz vor der Abfahrt der Busse kommen Bahn-Mitarbeiter, schauen auf ihre Pläne und helfen. Reisenden-Lenker werden sie im offiziellen Bahnjargon genannt. Und in Stendal sind sie von der Deutschen Bahn als zusätzliches Personal eingesetzt während der Streiktage.

"Da steht nichts dran, das ist schlecht ausgeschildert", kritisiert Sanja Doerjer und schaut weiter nach dem Bus, der sie nach Seehausen (Altmark) bringen soll, damit sie dort den Bus nach Arendsee nehmen kann. Über den Streik ärgert sie sich, sagt dies auch laut in die Runde der Wartenden. Die pflichten bei, schimpfen etwas - und warten weiter geduldig auf ihren Bus.