Die ersten beiden Folgen des Magdeburger Polizeirufs sind bereits ausgestrahlt worden, die dritte folgt am Sonntag. Welche Reaktionen haben Sie bisher erreicht?
Claudia Michelsen: Die Resonanz war sehr unterschiedlich, was ich persönlich angenehm finde. Es gab ja viele Diskussionen, besonders um die erste Folge. Das ist gut so.

Einige Zuschauer zeigen sich ungeduldig und erwarten mehr vom Magdeburger Polizeiruf. Was halten Sie davon?
Sylvester Groth: Wir haben ein anderes Tempo und eine andere Entwicklungsgeschwindigkeit der Figuren, so dass man ein bisschen Geduld haben muss und nicht gleich alles serviert bekommt - fertige Figuren, bei denen man weiß, die sind so, die kenne ich, das weiß ich. Wir wollen die Leute noch ein bisschen irritieren, indem man ein paar Volten schlägt, die überraschend für die Zuschauer sind. Und da muss man ein bisschen Geduld haben.

Welche Entwicklung werden Brasch und Drexler nehmen?
Claudia Michelsen: Teilweise wissen wir das, reden aber ungern darüber. Und ganz vieles wissen wir auch noch nicht über Drexler und Brasch. Manches entwickelt sich auch erst beim Drehen. Das ist das Spannende für uns beide. Ich arbeite sehr gern aus einer unbändigen Neugier heraus. Wenn ich zu viel weiß und alles absehbar ist, langweile ich mich schnell. Ich möchte wach bleiben und neugierig. Wenn das nicht mehr da ist, sollte man es sein lassen

Fühlen Sie sich in Ihren Rollen als Brasch und Drexler wohl?
Sylvester Groth: Wohlfühlen ist zu viel gesagt. Da würde man ja in dem schwimmen, was man weiß und kennt. Also ich liebe meine Figur sehr, weil ich auch nicht wirklich weiß, wohin das mit ihr geht. Es gibt so viele Möglichkeiten - in ihr steckt so viel Potenzial.
Claudia Michelsen: Ich fühle mich jedenfalls nicht unwohl mit ihr. Allerdings finde ich auch ein Unwohlsein gut. Ich werde nervös, wenn ich mich nur wohlfühle. Brasch ist ja nun auch nicht die nette Frau von nebenan, sie ist unbequem.
Sylvester Groth: Wohlfühlen ist dafür ein komischer Begriff. Denn wohlfühlen tut man sich, wenn man ankommen ist. Und wir wollen mit den Figuren erst mal nicht angekommen, sondern mit ihnen auf Reise sein. Wir hoffen, dass wir mit ihnen noch sehr viel Zeit in Magdeburg verbringen.

Welche Eigenschaften von Brasch und Drexler erkennen Sie an sich selbst wieder?
Sylvester Groth: Natürlich kann man sich nicht ganz rauslassen und Farben des Charakters kommen zum Tragen. Es mischt sich, was man selbst mitbringen kann und was einem die Figur vorgibt.

Und was bringen Sie selbst mit?
Sylvester Groth: Dass er so zurückhaltend ist und mitunter ein bisschen schroff werden kann, was dann uncharmant wirkt, aber gar nicht so gemeint ist. Der ist einfach so. Er ist nicht sonderlich kommunikativ, schaut einfach mehr, bekommt alles mit, muss das jedoch nicht mit jedem bequatschen. Er ist nicht so verbindlich, ist skeptisch und zurückhaltend. Was nicht heißt, dass er nicht kommunikativ zugänglich und heiter sein kann. Dazu muss er nur auf die richtigen Leute treffen.
Claudia Michelsen: Ich tue mich schwer, Figuren zu charakterisieren. Das ist, als würde ein Maler sein Bild beschreiben. Für mich ist es spannend, wie andere sie empfinden. Aber was ich sagen kann ist, Brasch geht den geraden, den direkten Weg. Sie ist unaufwendig und hält sich nicht mit überflüssigen Dingen auf. Und das ist etwas, was ich auch übe in meinem Leben. Obwohl Umwege manchmal auch gut und notwendig sind.
Sylvester Groth: Worin sich die ja auch beide sehr ähnlich sind.
Claudia Michelsen: Sie wissen es nur noch nicht.

Schauen Sie sich die Folgen eigentlich noch einmal an?
Sylvester Groth: Ja, wir wissen ja auch nicht bis ins Detail, was die Kollegen daraus machen. Ich schaue es mir grob noch einmal an, damit man weiß, worüber man mit den Leuten redet. Man kann allerdings nicht so pur gucken wie Zuschauer. Wir kennen ja die Umstände, warum etwas so ist. Man guckt eher mit Distanz und ein bisschen kritisch, wie die Dinge ineinander gehen, was funktioniert hat und was nicht.
Claudia Michelsen: Ja, auf jeden Fall schaue ich mir die Arbeiten an. Es ist wie in einer Beziehung - die Figur und ich oder der Drexler und die Brasch. Das ist für mich der große Spaß daran. Und da ist es gut, immer auch drauf zu gucken, was wir erzählt haben und wie die Wirkung ist.

Lesen Sie denn die Kritiken?
Sylvester Groth: Ich lese sie eigentlich nicht mehr. Aber ich lasse mir immer ein bisschen was erzählen.
Claudia Michelsen: Ich lese manche Kritiken. Es kommt darauf an, wer sie geschrieben hat. Ich lese nicht mehr wahllos. Es ist ja auch eine Kunst, gut Kritiken zu schreiben.

Und was haben Sie bisher gehört oder gelesen?
Sylvester Groth: Sehr Unterschiedliches.
Claudia Michelsen: Ja, die Kritiken waren nicht nur positiv. Letztlich ist das aber auch gut so. Auch das ist Bewegung. Es ist sowieso schwer, allen zu gefallen. Wo gibt´s das schon? Und will man das?

Sowohl nach der ersten Folge als auch nach der zweiten wurde von einigen Magdeburgern der Ruf laut, "zeigt doch mal die schönen Seiten der Stadt". Können Sie das nachvollziehen?
Claudia Michelsen: Naja, wir erzählen ja nun keine wie-schön-ist-unsere-Stadt-Geschichten und sind ja auch kein Reisejournal. Es ist nach wie vor ein Krimi-Format. Das sollte man dabei nicht ganz vergessen. Aber es werden sicherlich auch die anderen Ecken gezeigt werden, das braucht Zeit.
Sylvester Groth: Diese rauen Ecken von Magdeburg, welche die Magdeburger wahrscheinlich schon gar nicht mehr sehen können oder sie furchtbar finden, finde ich ganz reizvoll und machteburjerisch. Wir drehen ja nicht umsonst hier. Wir nehmen das auf, was es hier gibt. Und es gibt schöne Sachen und es gibt eben dunklere Ecken.
Claudia Michelsen: Aber keine Sorge, der dritte Teil wird schon anders.
Sylvester Groth: Wir können nicht mit einem Film alles abdecken - alles zeigen, alles erzählen. Was soll denn dann noch kommen? Es gibt nicht den einen Film. Das ist wie ein Mosaik, man muss alles Stück für Stück zusammensetzen.

Was würden Sie Ihren Kritikern mit auf den Weg geben wollen?
Sylvester Groth: Kritikern kann man nichts mit auf den Weg geben. Meistens werden Befindlichkeiten geäußert und nicht Dinge beschrieben. Das ist ein großes Manko in der deutschen Film-Kritik. Man setzt sich nicht mehr mit dem auseinander, was man sieht, sondern mit dem, was man gern gesehen hätte.
Claudia Michelsen: Es gibt natürlich Ausnahmen. Aber was für mich verloren gegangen ist, ist grundsätzlich Respekt vor einer Arbeit, egal wie sie ist, egal, ob`s gefällt. Niemand kann ein Leben lang nur großartige Bilder malen oder geniale Bücher schreiben.

Haben Sie schon die Zeit gefunden, sich die Stadt fernab der Dreharbeiten anzuschauen?
Sylvester Groth: (lacht) Schön wär`s. Ich kenne Magdeburg noch von früher. Das letzte Mal war ich vor gut 20 Jahren in der Stadt. Es hat sich unheimlich viel verändert.

Welches Bild hatten Sie von Magdeburg, als Sie das erste Mal wieder hier waren?
Sylvester Groth: Ich hatte es nicht so grün in Erinnerung, das ist ja wohl die grünste Stadt der Welt. Wo man hinguckt, ist es grün. Das fällt wirklich auf.

Frau Michelsen, waren sie zuvor schon einmal in Magdeburg?
Claudia Michelsen: Nein, leider nicht. Das Einzige, was mich bisher mit der Stadt verband, ist die Elbe, die wir ja in meiner Heimatstadt Dresden auch haben. Der schönste Fluss, den wir haben. Das muss ich natürlich sagen.

Sie haben auf vielen verlassenen Fabrikgeländen und in düsteren Ecken der Stadt gedreht. Hat das Ihr Bild von der Stadt geprägt?
Sylvester Groth: Nein, ich bin doch nicht blind.
Claudia Michelsen: Nein, überhaupt nicht. Jede Stadt hat solche Ecken.

Welchen Eindruck hat Magdeburg bisher auf sie gemacht?
Claudia Michelsen: Ich erschließe eine Stadt über die Leute. Eine Stadt kann noch so schön sein, aber wenn die Menschen darin kühl sind, dann bin ich nicht gern dort. Aber hier ist es so: Seit dem Moment, als wir ankamen, waren die Leute hilfsbereit. Ich habe das Gefühl, dass sie sich freuen, dass wir hier sind. Magdeburg ist eine spannende Stadt. Vor allem auch um Geschichten zu erzählen, in all ihren dunklen und schönen Ecken. Und wir sind froh, dass wir hier sein dürfen.

Sie drehen häufig an öffentlichen Orten, werden Sie erkannt?
Sylvester Groth: Mittlerweile passiert das schon. Manchmal ist es denen aber auch wurscht. Und dann fühlen die sich gestört - was ich verstehen kann. Da kommen wir mit einem Tross an, machen Lärm und leuchten nachts mit unseren Scheinwerfern noch ins Wohnzimmer rein. Da darf man sich gestört fühlen. Das ist in anderen Städten auch so.

Was machen Sie eigentlich nach den Dreharbeiten?
Sylvester Groth: Man ist einfach so kaputt. Man will gar nichts mehr - nicht mehr denken, reden oder sonst irgendwas machen.
Claudia Michelsen: Schnell schlafen. Wir kommen spät von den Dreharbeiten ins Hotel und fangen sehr früh wieder an. Da bleibt weder Zeit noch Kraft

Am Sonntag wird die dritte Folge des Magdeburger Polizeirufs ausgestrahlt. Was können Sie schon verraten?
Sylvester Groth: Ich denke, es wird ein guter Krimi. Anders als die anderen. Ich glaube, dass wir sehr nah an den Leuten sind, die in dem Film spielen.
Claudia Michelsen: Die Hauptspielorte, die auf eine merkwürdige Art und Weise verbunden sind, sind der Campus und der Hafen.

Sylvester Groth: Wir sind an unterschiedlichen Orten unterwegs, die Brasch macht eher die Hafenseite und Drexler die Uniseite. Und plötzlich begegnen wir uns, weil wir den gleichen Verdächtigen haben. Und da wird´s dann interessant.

Wird die dritte Folge etwas weniger düster als die vorherigen?
Claudia Michelsen: Das können wir nicht sagen. Da sind wir abhängig von der Regie und vom Schnitt. Oder von der Musik, auch die hat einen enormen Einfluss. Wir können ja nur unsere Arbeit machen. Der ganze fertige Koffer wird dann übergeben. Dann schauen wir mal, was die künstlerischen Köpfe damit machen. Der Film kann im Schneideraum noch mal ganz neu erfunden werden, das ist auch für uns spannend.

Schauen Sie auch die Polizeirufe München, Rostock und Brandenburg?
Sylvester Groth: Klar, man will ja wissen, was die Familie macht.
Claudia Michelsen: Aber natürlich.

Worin unterscheiden sich diese drei von dem Magdeburger Polizeiruf?
Claudia Michelsen: Das sind wir gerade noch am Herausfinden. Aber ich glaube, das können wir am schlechtesten beurteilen.