Der Vater der Pille
Als junger Chemiker entwickelte Carl Djerassi 1951 eine der einflussreichsten Innovationen des Jahrhunderts: die Antibabypille. Obwohl vor allem anfangs moralisch umstritten, verbreitete sie sich massenhaft. Die Geburtenrate in vielen Ländern sank schlagartig herab.
Geboren wurde Dejrassi in Wien. Als Jude flüchtete er nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland in die USA. Seit 1959 lehrt er an der Elite-Universität Stanford. Heute versteht sich der 91-Jährige vor allem als Schriftsteller.
Am Mittwoch, 12. November, spricht er öffentlich an der Uni Magdeburg (19 Uhr, Hörsaal 1, Universitätsplatz 2) über das Thema "Sex im Zeitalter der technologischen Reproduktion". Die Universität verschenkt an Studenten 100 Exemplare seiner 2013 erschienenen Autobiographie "Der Schattensammler".

Volksstimme: Dr. Djerassi, durch die Pille, Ihre Erfindung, sind Millionen Menschen nicht geboren worden. Die Geburtenpyramiden in den Industrieländern sind völlig deformiert. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?
Carl Djerassi: Da stelle ich eine andere Rechnung auf. Auf der ganzen Welt gibt es täglich 1,3 Millionen Befruchtungen, davon die Hälfte unerwartet. Von diesen wiederum sind 50 Prozent unerwünscht. Das bringt ungefähr 125000 Abtreibungen täglich, von denen viele illegal und sehr gefährlich sind, etwa in den katholischen Ländern Lateinamerikas. Das ist das Problem - nicht, dass die Pille Babys verhindert hat. Deutsch ist die einzige Sprache, wo es Antibabypille heißt. Warum Anti? Die Pille verhindert nur unerwünschte Babys. Und sie verhindert hunderte von Abtreibungen.

Die Pille greift chemisch in die Natur des Menschen ein. Haben Sie sich nie gefragt, ob der Mensch das darf?
Das ist ja Unsinn. Der Mensch hat in den letzten 100 Jahren die Lebensjahre verdoppelt. Warum soll es erlaubt sein, Mittel gegen Diabetes zu entwickeln, Hormone aber darf man nicht einsetzen?

Seit der Pille ist folgenloser Sex möglich. Hat das die Liebe verändert?
Das ist ein Fortschritt. Das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau beginnt sich anzugleichen. Vorher haben Männer vorgeschlagen, zu heiraten, um Sex zu bekommen. Sie haben Frauen zum Sex überredet oder sie sogar vergewaltigt, sie haben entschieden, ob oder wann eine Frau verhüten soll.

Welche weiteren Veränderungen sehen Sie durch die Trennung von Sex und Nachwuchszeugung?
Es gibt heute nicht mehr eine arme und eine reiche Welt oder Industrieländer und landwirtschaftliche. Es gibt vor allem geriatrische Länder mit alter Bevölkerung und pädiatrische Länder mit junger Bevölkerung. In Deutschland und Japan sind schon 20 Prozent der Menschen über 65 Jahre alt. Das sind Länder, die nur noch 1,5 Kinder pro Familie haben. Das heißt, sie reproduzieren sich nicht mehr - wir brauchen ja 2,1 Kinder, um den Status quo zu erhalten. Pakistan und Nigeria sind jetzt zusammen halb so groß wie Europa, aber 2050 werden sie mehr Leute haben als Europa. In diesen Ländern muss Verhütung das Leitmotiv sein. In den geriatrischen Ländern hingegen ist es das Gegenteil, es geht um Konzeption.

Die katholische Kirche verbietet die Pille, kann das aber in den Industrieländern nicht durchsetzen. Man könnte sagen, Ihre Erfindung ist stärker als der Vatikan.
Offensichtlich. Es wird ja niemand behaupten, in einem Land wie Italien mit 1,3 Kindern pro Familie haben die Frauen nur zwei-, dreimal im Leben Geschlechtsverkehr. Das wäre lächerlich und auch tragisch. Trotzdem ist die katholische Kirche entsetzt, wenn man über die Trennung von Sex und Reproduktion spricht. Die gab es aber schon vor der Pille. Man hat andere Methoden genutzt, zum Beispiel Sex in den empfängnisfreien Tagen oder den Coitus Interruptus, die von der Kirche erlaubt sind.

Die Pille brachte Sex ohne Schwangerschaft. Mittlerweile ist das Gegenteil möglich: Schwangerschaft ohne Sex.
Ja, und diese Entwicklung ist noch radikaler. Nur wenige wissen, dass wir schon fünf Millionen Menschen auf der Welt haben, die ohne Geschlechtsverkehr geboren sind, durch In-vitro-Fertilisation. Das ist in den letzten 30 Jahren passiert. Und 30 Jahre sind eine Pikosekunde in der Geschichte der Menschheit.

Ist das die Fortpflanzung der Zukunft?
Ich sage gar nicht, dass die Menschen moderne Reproduktionsmöglichkeiten nutzen sollen. Sie werden es aber tun, das ist meine Voraussage. Das durchschnittliche Alter, in dem eine Frau ihr erstes Kind bekommt, ist in Europa stark gestiegen. Frauen mit Universitätsabschluss bekommen ihr erstes Kind im Schnitt mit 35 Jahren. In diesem Alter wird die Schwangerschaft deutlich riskanter. Diese gut ausgebildeten Frauen werden die ersten sein, die die Möglichkeiten nutzen. Sie werden unbefruchtete junge Eier einfrieren lassen, zur Sicherheit. Dann können sie eine Karriere wie Männer machen und das Kind bis Ende 30, Anfang 40 verschieben.

In Deutschland gibt es gegen das sogenannte "Social freezing" erheblichen Widerstand.
Social freezing ist ein idiotisches Wort, das es auf Englisch gar nicht gibt. "Gesellschaftliches Einfrieren" - der Begriff ist eine Frechheit. Er kommt vor allem von Männern. Und von denjenigen Frauen, die noch immer an die drei Ks glauben: Kinder, Küche, Kirche. Ich spreche über Frauen, die drei andere Ks anstreben: Karriere, Kind und Kochen. Wohlgemerkt: ein Kind, nicht Kinder.

Eine Schwangerschaft wird so eine sehr technische Angelegenheit. Wo bleibt eigentlich die Romantik?
Entschuldigung, aber das ist wirklich Unsinn. Sie werden mir doch nicht sagen, dass die Romantik darin besteht, durch Geschlechtsverkehr 1,5 Kinder zu produzieren? Mit phantastischen 1,5 Orgasmen im Leben? Sex hat man für Liebe, aus Neugier, für die Lust, aus Spaß. Der Mensch ist eine der wenigen Spezies auf der Welt, die zumindest theoretisch täglich Geschlechtsverkehr haben kann. Sex hat bei uns also nicht nur mit Reproduktion zu tun.

Ist Europa aus Ihrer Sicht fortschrittsfeindlicher als Amerika?
Nein. In Amerika haben wir eine sehr polarisierte Gesellschaft, mit vielen sehr fundamentalistischen Leuten. In San Francisco, wo ich lebe, haben wir hingegen die liberalsten Menschen. Viele Forschungsarbeiten zur Fortpflanzung wurden in Europa gemacht, etwa in Belgien oder England. Und schauen Sie, wie viele Kliniken in Europa diese Verfahren anbieten. In Deutschland und Österreich wird so etwas natürlich immer mit der Rassenpolitik der Nazis in Verbindung gebracht, und das verstehe ich auch.

Sie sind als Jude nach dem Anschluss Österreichs nach Amerika geflohen. Wie hätte Ihr Leben ohne Exil ausgesehen?
Meine Eltern waren Ärzte, die sich an der Universität Wien getroffen haben. Ich bin sicher, dass ich Arzt geworden wäre und kein Forscher. Vor einiger Zeit habe ich in Wien die Ehrendoktorwürde erhalten, und der österreichische Bundeskanzler sagte, dass sich die Universität Wien noch immer nicht davon erholt hat, dass sie einige Hundert jüdische Professoren und Tausende jüdische Studenten rausgeschmissen hat. Die Ehrendoktorate von deutschen und österreichischen Universitäten sind sehr spät gekommen, aber sie sind ein Beweis, dass man meine Leistung anerkennt.

Heute kommen die wichtigsten Erfindungen aus dem Bereich IT. Würden Sie jungen Menschen noch zu einer Naturwissenschaft raten?
Ja, wenn die Person neugierig ist. Etwas Neues zu finden, das niemand zuvor gefunden hat, ist das Beste.

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