Magdeburg l Es ist Mittagszeit, als der Volksstimme-Reporter das städtische Wohnheim an der Albert-Vater-Straße besucht. In der Küche braten sich drei Lehrlinge aus der Baubranche ein paar Kartoffeln, aus einem Zimmer dröhnt laute Musik. Insgesamt wirkt das Haus auf den ersten Blick aufgeräumt und entspricht so gar nicht den Beschreibungen von Norman Hahnemann.

Der Augenoptiker-Azubi hatte sich im Namen seiner Mitschüler aus der Berufsschule mit deutlichen Worten an die Redaktion gewandt. "Wie viel Ekel kann ein Mensch ertragen?", ist ein Leserbrief überschrieben. Von randalierenden Mitbewohnern über schimmelige Matratzen und keimige Kühlschränke listet er zahlreiche Missstände auf, die es ihrer Meinung nach in der Unterkunft zu kritisieren gibt.

Um den Schlaf gebracht

Besonders in den Abend- und Nachtstunden würden sich einige Berufsgruppen derart daneben benehmen, dass an Schlaf kaum zu denken ist. Beschwerden bei der anwesenden Wohnheim-Aufsicht würden nur zeitweilig Abhilfe bringen. "Hier herrscht Anarchie", sagt Hahnemann.

Bei genauerem Hinsehen gibt es doch einige Dinge, die aufmerken lassen: defekte Möbel und Lichtschalter, verschmutzte Matratzen, undefinierbarer Dreck an Wänden und Decken. Da alle Bewohner immer nur zeitweise in ihren Zimmern wohnen, bekommen sie daher regelmäßig Räume, die zuvor von weniger ordnungsliebenden Menschen bewohnt wurden. "Nicht jeder verhält sich so wie wir", erklärt Norman Hahnemann.

Kerstin Neitzel, Regionalleiterin von Fielmann, dem Arbeitgeber vieler betroffener Azubis, hat für die Beschwerden aber nicht viel Verständnis. Bei unangemeldeten Besuchen im Heim habe sie nichts gesehen, "was nicht zumutbar war". Das Anspruchsdenken unterscheide sich zu früheren Zeiten, findet sie und meint nur: "Man überlebt es." Immerhin würde im Fall ihres Unternehmens die Unterkunft auch bezahlt (7 Euro pro Nacht).

Stadt sieht nur Einzelfälle

Die Volksstimme fragte bei der Stadtverwaltung nach, ob die Zustände in dem Wohnheim bekannt sind bzw. als Problem angesehen werden. Stadtsprecherin Kerstin Kinszorra erklärt, dass es nur Einzelfälle seien, die die Bewohner direkt mit der Heimleitung klären sollten. Dies würde aber nach Aussagen der Augenoptiker nicht wirklich funktionieren. Die jetzt beanstandeten Mängel seien nach der Meldung unverzüglich behoben worden. Bei Kontrollen des Gesundheitsamts habe es keine Mängel gegeben, die Reinigung von Gemeinschaftsbad und -küche erfolge täglich. "Schäden an Möbeln und Elektrik werden, soweit finanziell möglich, unverzüglich nach Feststellung bzw. Beanstandung beseitigt", sagt Kinszorra weiter. Schmierereien an den Wänden würden bei der jährlich durchgeführten Renovierung beseitigt. Die Matratzen wurden erst im Juli durch eine Fachfirma gereinigt, zudem wurden 20 neue für das aktuelle Schuljahr angeschafft. Eine etagenweise Trennung nach unterschiedlichen Berufsgruppen sei in der Praxis selten umsetzbar.

Das Wohnheim für auswärtige Schüler der Berufsschulen und des Werner-von-Siemens-Gymnasiums hat 204 Plätze in 102 Zimmern. Der jüngste Bewohner ist 11 Jahre alt.

 

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