Magdeburg l Wenn das Hochwasser steigt, wissen die Bewohner genau, ab welchem Pegelstand ihr Straßenzug betroffen ist. Zumindest ist dies in anderen Städten so. Nicht aber in Magdeburg. CDU-Stadtrat Reinhard Stern wollte während einer Sitzung des Bauausschusses des Magdeburger Stadtrates nun vom zuständigen Ordnungsbeigeordnetem Holger Platz wissen, warum es in Magdeburg bisher keine aktuellen Übersichten gibt. Lange vor dem Hochwasser des vergangenen Jahres gab es zwar bereits eine Übersicht, in der eingezeichnet war, welche Straßenzüge bei welchem Pegelstand gesperrt werden. Doch bei einem Pegelstand von unter sieben Metern und damit weit unter der Rekordmarke vom Juni 2013 ist damit Schluss.

Magdeburg ist anders als die anderen Städte

Der Ordnungsbeigeordnete bekennt: "Das haben wir auch schon diskutiert." So recht wohl wäre es dem Beigeordneten aber wohl nicht, eine entsprechende Liste als offizielles Dokument von der Stadtverwaltung herauszugeben. Grund: Magdeburg ist anders beschaffen als viele andere Großstädte in Hochwassergebieten.

Beispiel Dresden. Vom Elbufer ausgehend steigen in der Stadt die Uferhänge gleichmäßig aus dem Talkessel mit der sächsischen Landeshauptstadt in die Höhe. Anders in Magdeburg. Die Altstadt befindet sich auf dem Domfelsen, östlich davon strömt die Elbe geteilt in zwei Arme der Nordsee entgegen. Das war nicht immer so. Nicht allein, dass der Fluss sich über Jahrtausende immer wieder neue Arme in der Elbaue suchte. Vielmehr führt durch Magdeburg ein noch älteres Urstromtal, in dem heute in den nördlichen Stadtteilen das Wasser der Schrote ihrer Mündung in die Ohre bei Wolmirstedt entgegenfließt. Holger Platz: "Viele Flächen in diesem Bereich liegen sehr tief."

Die Folge: Es ist schwer einzuschätzen, wann das Wasser genau kommt. Das hat nicht allein etwas mit dem Pegelstand in der Elbe zu tun, sondern auch mit dem Grundwasserfluss und damit, wie lange das Hochwasser anhält.

Eine Folge davon sei in Rothensee zu beobachten gewesen: Nur ein Teil des Wassers kam im Juni 2013 über die Kante der Hafenmauer. Zwei weitere Wasserquellen hätten sich seinerzeit aufgetan und die Situation verschlimmert. Zum einen war Wasser durch die Kanalisation in das tiefliegende Gebiet gedrückt worden. Zum anderen hatte der lange Hochwasserscheitel zu einem Anstieg des Grundwasserstands geführt, so dass in Gebieten ohne Verbindung zur Elbe und ohne Anschluss an die Kanalisation Wasser an der Oberfläche ausgetreten sei.

Auch an anderen Stellen überrascht das Hochwasser

Ähnliches wurde übrigens auch aus anderen Stadtteilen berichtet: So wurden Anlieger im Herrenkrug im vergangenen Jahr davon überrascht, dass das Wasser nicht wie beim Hochwasser 2002 aus Richtung Elbe, sondern von der gegenüberliegenden Seite kam. Das hatten weder sie noch die Mitarbeiter des Katastrophenstabes vorhergesehen.

Und im Falle des Werders war ebenfalls ein großer Teil des Wassers eben nicht durch den großen Sandsackwall entlang der Zoll- und der Oststraße gesickert, sondern durch die Kanalisation und durch den Boden nach oben gedrückt.

Solche Überraschungen müssten in Überflutungslisten "eingepreist" werden. Und das wiederum könnte dazu führen, dass Fluchtbewegungen und Panik an Stellen ausgelöst wird in Gebieten, in denen keine wirkliche Gefahr besteht.

Anlass für die Nachfrage bei der Stadtverwaltung waren die "Schlussfolgerungen für die operative Gefahrenabwehr in Auswertung des ,Hochwasserberichtes 2013`", die im Bauausschuss und später im Stadtrat diskutiert worden waren und über die die Volksstimme berichtet hatte.

Die erwähnte Liste zu Straßensperrungen aus dem Jahr 2011 macht deutlich, wie weit unterhalb des Rekordpegels von fast 7,50 Metern an der Strombrücke einzelne Bereiche der Stadt bereits in Gefahr sind: Demnach sind Sperrungen ab einem Pegelstand von 4,90 Metern an der Unterführung Friedensweiler an der Berliner Chaussee und in Alt Prester-Damm und ab 5,70 Metern am Klosterhof, im Unterhorstweg und am Kuhanger vorgesehen.