Magdeburg l Begonnen wurde die Restaurierung Anfang der 1990er Jahre. "Da gab es die Stiftung noch nicht einmal", sagt Ralf Lindemann, zuständiger Bauleiter bei der "Stiftung Dome und Schlösser Sachsen-Anhalt", der der Magdeburger Dom formal gehört. Damit ist die Restaurierung der Bildornamente im östlichen Kreuzhof eine der langwierigsten an Magdeburgs Wahrzeichen. Der Aufwand lohnt sich aber schon deshalb, da solche Putzritzungen - die im Dom stammt aus dem 13. Jahrhundert - nördlich der Alpen sehr selten sind. Allerdings ist nicht mehr alles des ehemals 37 Meter langen und fünf Meter hohen Ritzungen-Bandes, das über den östlichen Kreuzgang-Arkaden verläuft, zu sehen. Viel wurde im Laufe der Jahrhunderte überputzt oder abgeklopft. Darum ist die Erhaltung des Vorhandenen besonders wichtig.

Putzritzungen sind eine spezielle Form der bildlichen Darstellung. Dabei werden mit Hilfe eines Werkzeuges in den frischen, noch nicht trockenen Putz Abbildungen hineingedrückt oder herausgekratzt. Auch die Flächen zwischen den "Ritzen" werden so bearbeitet, dass am Ende der Eindruck eines Reliefs entsteht. Bei entsprechendem Seitenlicht sind die Bilder dann besonders gut zu erkennen.

Die Putzritzungen im Magdeburger Dom zeigen Kaiser Otto den Großen, seine Ehefrauen Editha und Adelheid und mehrere Bischöfe von Magdeburg.

Die Kunst der Restaurierung der Ritzungen besteht darin, das noch Vorhandene wieder sichtbar zu machen, also vom "Staub" der Jahrhunderte zu befreien. Auch müssen verloren gegangene Putzteile mit Steinersatzmaterial aufgefüllt werden. "Dabei muss das Ersatzmaterial farblich an die Umgebung angepasst werden, was sehr aufwendig ist", so Ralf Lindemann.

Bevor der Restaurator Hand an die Ritzungen anlegen konnte, musste erst der Ist-Zustand ermittelt werden. Und dabei kam 2013 sogar ein neu entwickeltes 3-D-Messverfahren zum Einsatz. Mit Hilfe einer Wärmebild-Technik wurden zum Beispiel Hohlräume unter der Putzschicht ermittelt. Diese Hohlräume, bei denen drohte, der Putz abzufallen, konnten dann von den Restauratoren bearbeitet werden.

Durch die 3-D-Technik bekommen die Restauratoren ein sehr plastisches und räumliches Modell für ihre Arbeit an die Hand.

Und sogar einen Sensationsfund konnte die Stiftung in Sachen Dom-Putzritzungen im vergangenen Jahr vermelden. Hinter einem Epitaph (Grabsteinplatte), das 1629 vor einen Teil der Putzritzungen gehängt worden war, entdeckten die Restauratoren ein fast unversehrtes Stück des Kunstwerks. Dadurch zeigten sich besonders gut erkennbar die Techniken der Ritzungen und die Beweggründe der damaligen Künstler für ihr Werk. Wichtig auch: Bevor die Grabplatte aufgehängt wurde, hatten die Ritzungen rund 400 Jahre Wind und Wetter fast unbeschadet überstanden. Folglich mussten die Schäden am Rest der Ritzungen nach 1629 entstanden sein - wahrscheinlich in den vergangenen 150 Jahren durch starke Schadstoffbelastungen in der Luft.

Mit Farbe brauchten sich die Restauratoren um Domrestaurator Thomas Groll nicht sonderlich zu befassen, den die Magdeburger Putzritzungen waren farblos, haben also allein durch den Lichteinfall ihre ganze Schönheit offenbart.

Mit einer besonderen "Schutzschicht" wurden die Ritzungen im Kreuzganghof nicht "überzogen", so Ralf Lindemann. Trotzdem geht er davon aus, dass das Kunstwerk aus dem Mittelalter jetzt die kommenden Jahrzehnte unbeschadet überdauern wird.